{continental divide. geteilte leben}
Arbeitsbericht über Forschungsarbeiten für das Projekt
Emigration. Austria - New York
vom 1. Februar bis 31.März 1996 in New York City

Das Forschungsprojekt über die österreichischeEmigration 1938 (Projektteam Mag. Andrea Strutz, Dr. Manfred Lechner) hat mit dem New York einen nahezu idealen Ort für die Durchführung von Video-Interviews gewählt. In New York lebt noch eine große Gruppe von vertriebenen jüdischen ehemaligen ÖsterreicherInnen an einem zentralen Platz und für das Projektteam leicht erreichbar. Besonders die Freundlichkeit und die Bereitwilligkeit unserer InterviewpartnerInnen sich für das Projekt "Emigration. Austria - New York" zur Verfügung zu stellen und uns Auskunft über ihr Leben zu geben, war in diesem Ausmaß nicht zu erwarten und deshalb umso erfreulicher. Das Interesse an der Arbeit eines jungen österreichischen HistorikerInnenteams war sehr groß, und die späte Aufmerksamkeit, die unseren Interviewpartner aus dem Land aus dem sie vertrieben wurden durch unsere Arbeit entgegengebracht wurde, wurde mit großem Wohlwollen belohnt.

Alle InterviewpartnerInnen waren einverstanden, daß die Interviews auf Video festgehalten und einer weiteren öffentlichen Bearbeitung zugänglich gemacht wurden. Somit ist es dem Forschungsteam möglich mit Hilfe von "Video-History" die Ergebnisse der zeitgeschichtlichen Forschung einer breiteren Öffentlichkeit zu präsentieren. In einem ersten Schritt bilden die aufgezeichneten Interviews den Grundstock eines zeitgeschichtlichen Videoarchives an der Abteilung Zeitgeschichte der Universität Graz und sind somit der zeitgeschichtlichen Forschung und Lehre als mündliche und bildliche Quelle zugänglich.

Als Ergebnis des Forschungsprojekts "Emigration. Austria - New York" liegt nunmehr die Video-Dokumentation "continental divide. geteilte leben" (PAL, S-VHS, Farbe, 48min) vor.

Mit folgenden Personen wurden Videointerviews im Umfang von ca. 2-4 Stunden aufgenommen:

George Harry Asher, Hans Altman, Ruth Rogers Altman, Susan Bronner, Prof.Dr. Erwin Chargaff, Dr. Kurt Elias, Dr. Eisinger Joseph, Edmund Engelman, Leo Glueckselig, Prof. Robert Haas, Stella Hershan, Dr. Hans Kaunitz, Edith Kramer, Prof. Dr. Eric Kruh, Else Leichter, Dr. Willibald Nagler, Adolf Kurt Placzek, Paul Roth, Bryan B. Sterling, Dr. Else Pappenheim-Frischauf, Stephen Frischauf, Anne Polzer, Richard Wellish, PH.D. John White

Beim sogenannten "Stammtisch" von österreichischen und deutschen EmigrantInnen, eine Weiterführung des Oskar Maria Graf-Kreises, konnten wir weitere Kontakte herstellen und fanden herzliche Aufnahme und Interesse für unsere Fragen und waren jeden Mittwoch zur Teilnahme am Stammtisch eingeladen.

Die grundsätzliche Strukturierung der Interviews ging von den biographischen Erzählungen unserer PartnerInnen aus. Besonderes Augenmerk erhielten dann die Berichte über die Lebenswelten in Österreich vor 1938. Dem Alter und den Lebensumständen unserer InterviewpartnerInnen entsprechend, läßt dieses Material in erster Linie Rückschlüsse auf die Schul- und Freizeitwelt von jüdischen Jugendlichen im vornationalsozialistischen Wien zu.

Die Veränderungen durch die nationalsozialistische Machtübernahme in Österreich und die Umstände der zum Teil sehr abenteuerlichen Flucht bildeten einen weiteren Schwerpunkt in unseren Gesprächen. Obwohl die meisten Familien natürlich von Arisierungen betroffen waren, oder zumindest wesentliche Teile ihrer Existenzgrundlagen verloren oder zurücklassen mußten, war das Thema Wiedergutmachung nur in Randbereichen von Bedeutung. Im Kreise unserer InterviewpartnerInnen bestand mit der Wiederherstellung der Republik Österreich 1945 zumeist kein Interesse an materieller Kompensation bzw. waren Informationen über in der Folge durchaus mögliche Entschädigungen kaum vorhanden. Die jetzt im Zuge des Nationalfonds bereitgestellten Mittel waren in der Wahrnehmung unserer Interviewpartner, der erste wirkliche Schritt von Seiten Österreichs in der Anerkennung von Schuld an den Verbrechen des Nationalsozialismus. Der späte Zeitpunkt und die nunmehr geringe Anzahl der noch betroffenen Personen waren allerdings Anlaß zu durchaus ironischen bis zynischen Kommentaren.

Ein weiterer Schwerpunkt in den Interviews betraf, die Ankunft in New York und die Integration in die neue und fremde Lebenswelt. Die Umstände der Flucht und die Möglichkeit sich in New York ein neues Leben aufbauen zu können, bewirkten eine leicht nachvollziehbare Dankbarkeit und Verbundenheit mit dieser Stadt und den USA. Signifikant waren allerdings die Unterschiede zwischen weiblichen und männlichen EmigrantInnen in der Bewältigung der Emigration. Frauen übernahmen in der ersten Phase der Emigration häufig existenzsichernde Aufgaben durch bessere Möglichkeiten von Erwerbsarbeit in Bereichen von Kinderbetreuung, Fabriksarbeit, Haushaltsführung, etc. während Männer häufig aus ihren Berufen und sozialen Einbettungen herausgerissen waren, und kaum Möglichkeiten zu einem raschen adäquaten Neueinstieg fanden. Zudem ergaben sich für Frauen im liberaleren und emanzipierteren New Yorker Klima nicht selten bessere Chancen zur eigenständigen Lebensgestaltung.

Voraussagbar und jedenfalls auch gut abfragbar war die leichtere Integration von jungen Menschen in das neue Leben in Amerika. Bis 1945 erfolgte letztlich bei unseren GesprächspartnerInnen jedenfalls ein erfolgreicher Neuanfang im persönlichen wie im beruflichen Leben, sodaß in dieser Situation eine Rückkehr nach Europa für die meisten unserer InterviewpartnerInnen nicht in Frage kam. Zudem waren die Verletzungen durch die Vertreibung aus Österreich jedenfalls zu groß, um diese Möglichkeit ernsthaft in Betracht zu ziehen. Allerdings besteht bei den meisten unserer GesprächspartnerInnen eine durchaus sentimentale Beziehung zu dem Österreich (Wien) ihrer Jugendjahre, die sich auch in den meisten Wohnungen in Form von Bildern, Büchern und anderen Erinnerungsstücken zeigt. Meist gibt es nunmehr auch wieder regelmäßige Kontakte und Besuche in Österreich, die jedoch nur als Urlaub, als Suche nach Spuren der Jugend, bezeichnet wurden und sich keinesfalls auf eine dauerhafte Rückkehr beziehen. Die Frage nach "Heimat" löste dann zumeist auch sehr ambivalente Reaktionen aus und verschloß sich eindeutigen Antworten.

Zur weiteren Vertiefung und Auseinandersetzung mit der Fragestellung wurden auch einige Bestände des Leo Baeck Institutes in New York herangezogen. Die bemerkenswerten Bestände das Leo Baeck Institutes beeindrucken aufgrund ihrer Quantität und der Qualität der vorhandenen Archivalien und daher bietet dieses Archiv HistorikerInnen einen äußerst wertvollen Zugang zu Quellenmaterialien zur Erforschung der österreichischen Zeitgeschichte. Weiters unterstützen das ruhige und freundliche Arbeitsklima und die außerordentlich benutzerfreundliche Aushebung der Archivbestände die Arbeit in positiver Weise. Den BenutzerInnen des Leo Baeck Institutes steht ein Datensuchprogramm zur Verfügung, mit dessen Hilfe die vorhandenen Bestände des Archives und der Bibliothek zu einzelnen Themenbereichen schnell und zielgerichtet abgerufen werden können.

Folgende Bestände und Collections des Leo Baeck Institutes konnten gesichtet werden:
Knoepfmacher Collection
Dr. Bloch & Prof. Zucker Collection
Nature is the Beginning /Julius Buchwald
Austria Anti-Semitism: One Woman´s Experience/Fishman Aleisa
Mein Leben in Deutschland vor und nach dem 30. Januar 1933/Flesch Phillip
Aus meinem Leben /Safar Vinca (nee Landauer)
Pathways of my Life /David Herzog
Otto Loewi Collection
Lillian Bader Collection "One Life is not enough"
How we got out, and why, perhaps some others did´nt /Buechler Alfred
Ein verlorenes Jahrzehnt. Shanghai 1939-1949/Deman William
Memories of our wandering years/Friedmann-Kirsch Susanne
Lilly Isler Collection
November Pogrom, 1938 Comemoration
Memory´s edge, a survivors story/Reif-Lehrer Liane
George Harry Asher Collection
Martha Werner Collection und Max Rieser Collection


Weiters hat sich das Forschungsteam auch mit dem Austrian Cultural Institute in New York in Verbindung gesetzt, wo Frau Frederike Zeitlhofer bei der Kontaktaufnahme mit potentientiellen InterviewpartnerInnen sehr behilflich war.

Es ist aus Sicht der zeitgeschichtlichen Forschung in Österreich von Bedeutung, daß diese Interviews und Recherchearbeiten in New York durchgeführt werden konnten, denn 50 Jahre nach Kriegende stehen nicht mehr viele ZeitzeugInnen zur Verfügung, und auch das Forschungsprojekt "Emigration. Austria - New York" konnte nur einen kleinen Teil der betroffenen Personengruppe befragen. Die Erzählungen und Berichte dieser Zeitzeugen sind für die historische Forschung unersetzlich und unwiederbringbar, sollten wir zu spät kommen.




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last update april 8th, 1999