Einsamkeiten

die Arbeitsgruppe WIDEE plant einen Sammelband


Einsamkeit, die Zunahme von Vereinsamung und Isolation sind gängige aktuelle Zeitbefunde und werden von kulturpessimistischer Seite oft als Folge übertriebener Individualisierung angesehen. Ein empirisch-kulturwissenschaftlicher Blick ist diesem Befund gegenüber skeptisch, kann sich mit dieser abwertenden Deutung nicht zufrieden geben, muß genauer sein, tiefer gehen. Dennoch, Einsamkeit ist zunächst gerade auch den marginalisierten Frauen innerhalb der männlich dominierten scientific community ein allzu bekanntes Gefühl, Phänomen (?) und fordert die feministischen Kultur-wissenschaften auf, methodisch wie theoretisch neue Wege auszuloten. "Virtuelle Dialoge" schienen die geeignete Form und mit der Tradition des einsamen wissenschaftlichen Produzierens zu brechen. Wir wagten uns auf Neuland, indem wir für unser Experiment jenes Medium zu nutzen suchten, das im Zentrum der Diskussion um die physische Vereinsamung steht: das elektronische Netz. Im Sinne eines "work in progress", permanent methodisch und inhaltlich reflektiert wurde ein Projekt im Netz gestartet. Den Arbeitsschwerpunkten der einzelnen Frauen entsprechend wurden „Impulse" zur Thematik „Einsamkeiten" ins Internet gestellt; Einsamkeit und Phantasie, Einsamkeit in der inneren Migration, Liebe aus/als Einsamkeit, wissenschaftliche Einsamkeit. Wir setzten auf die Attraktivität des Themas und der einzelnen Beiträge, auf den Reiz des neuen Arbeitens und auf die Sogwirkung der Diskussion.

Doch wir sind dort einsam geblieben. Vielleicht weil Einsamkeit nichts Flüchtiges ist, sich als Benanntes nicht ins Netz setzen wollte, vielleicht haben wir uns selbst nur vorgeblich, zu wenig intensiv dieser Innovation der telematischen Wissenschaftskulturen hingegeben, vielleicht ist die Aufgabe der individuellen Autorinnenschaft doch (noch?) nicht ganz so leicht. Über diese Fragen führen wir derzeit einen Dialog, ein Beitragstext wird aus unseren Gesprächen darüber entstehen.

Das Thema „Einsamkeit" wollen wir aber nicht fallenlassen, wollen die Auseinandersetzung damit fortführen, weitertreiben. Der weite Horizont von „Einsamkeiten" erschließt sich, wenn sie aus der Defizitkonzeption befreit wird, wenn sie einerseits als wichtige menschliche Erfahrung begriffen und anerkannt und andererseits als soziokulturelles Konstrukt beleuchtet wird. Unsere im Netz begonnenen, vazierenden Gedanken möchten wir weiter verfolgen. Wir möchten den - auch für uns - gewohnteren Weg der Zusammenstellung eines Sammelbandes gehen. Als Basis bleiben uns die begonnenen thematischen Annäherungen: Migration, Phantasie, Liebe, wissenschaftliche Einsamkeit.


Cécile Huber sucht nach Einsamkeit im Kontext von Migration und innerer Migration. Sie fragt: „Heißt Fremd-Sein automatisch Allein-Sein und/oder sich einsam fühlen?" Ausgehend von der Vielheit und Widersprüchlichkeit der Eindrücke eigener biographischer Migrationserfahrungen, von Neugier und Angst, Erwartungen und Enttäuschungen, Abgeschnitten- und Ausgegrenzt-Sein, u.v.a.m. wurde sie immer wieder auf das verwiesen, was sie kannte - auf sich selbst. So entdeckte sie Einsamkeit, Auf-Sich-Verwiesen-Sein, innere Migration als Gefühls- und Gedankenwerkstatt.

Elisabeth Katschnig-Fasch wird sich mit der Einsamkeit der wissenschaftlich Arbeitenden befassen. Sie fragt danach, wie wir als „einsame Denkerinnen" im wissenschaftlichen Feld trotz oftmaliger Isolation und (auch gerade) durch sie Erkenntnis gewinnen können. Wie weit zwingt uns Getrennt-Sein von anderen dazu, neue Wege zu gehen, Dialog und Austausch zu suchen - Einsamkeit also als Antrieb und als Chance.

Anita Niegelhell beschäftigt sich mit Liebe aus/als Einsamkeit. Sie fragt, ob Einsamkeit der Ausgangspunkt für die Suche nach Liebe ist oder der Suche Endpunkt. Oder beides. Sie untersucht Vorstellungen von Liebe nach jenen Anteilen, denen Einsamkeit Antrieb ist und entdeckt, daß Liebe oft als erhoffte Anerkennung, für das was wir sind und zu sein glauben, Einsamkeit überwinden soll, aber auch immer wieder zu ihr führt.

Roberta Schaller-Steidl verbindet Einsamkeit mit Phantasie. Sie überlegt, wie die beiden Begriffe zusammengeführt werden und wie etwas, das zunächst als Gefühl identifiziert wird, kulturwissenschaftlichen Betrachtungen zugeführt werden kann. Sie sieht Phantasie als Einsamkeitsüberwinderin, die einsame Zeiten durch die Herstellung einer neuen Wirklichkeit auszuhalten, aber auch zu verändern hilft. Wieweit aber kann dies, aus der individuellen Erfahrung bekannte Vorgehen auch ein kulturelles sein kann und auf gesellschaftlicher Ebene anwendbar sein?


So weit zu unseren Ausgangspunkten. Doch wir können uns selbst damit nicht genug sein. Das Projekt, von Anfang an als Suche nach und Aufforderung zum Austausch angelegt, verlangt - so finden wir - jetzt erst recht nach weiteren Dimensionen. Darum bitten wir jetzt um weitere Beiträge zum Thema. Drei Zusagen haben wir bereits. Die Philosophin Elisabeth List wird einen Beitrag schreiben, die Ethnologin und Schriftstellerin Barbara Neuwirth wird sich mit der Dialektik von Einsamkeit und Allein-Sein auseinander setzen, die Philosophin Rada Ivekovic mit jener von Exil und Einsamkeit.

Ein Sammelband, vor allem dazu geeignet, verstreute Überlegungen zusammen zu bringen, unterschiedliche Interpretationen und Dimensionen zu sammeln, kann so vielschichtige Deutung erst entstehen lassen. Dem Thema Einsamkeit, das so viele verschiedenartige Aspekte in sich vereint, so viele unterschiedliche Zugänge (philosophische, philologische, historische, psycho-analytische, ...) möglich macht und auch fordert, kann so angemessen begegnet werden. Unserem ursprünglichen Wunsch nach Austausch, nach der Einbindung von Expertinnen, deren Sichtweisen und Stellungnahmen zum Thema entspricht das auch. Am Ende nicht einsam zu bleiben.


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Für sehr erwünschte weitere Beiträge: E-Mail widee@gewi.kfunigraz.ac.at