Kulturtransfer - Cultural Transfer - Transferts Culturels

Der Begriff "Kulturtransfer" umfasst sowohl inter- als auch intrakulturelle Wechselbeziehungen, er schließt Reziprozität ein und lenkt den Blick auf die Prozessualität des Phänomens. Von Ansätzen wie der Rezeptionsästhetik grenzt sich dieser Ansatz insofern ab, als die Transferforschung 1., nicht nur auf Literatur sondern auf Kultur im weitesten Sinne abzielt, 2., sich nicht mit einseitigen Übernahmephänomenen beschäftigt, sondern mit kulturellen Wechselbeziehungen und 3., schon durch die Betonung der Bedeutung der Vermittlerinstanz den Blick vom Zentrum des jeweiligen Phänomens an dessen Ränder verlagert. Von der Komparatistik wiederum unterscheidet sich die Transferforschung vor allem dadurch, dass es ihr um den "Nachweis zahlreicher Verknüpfungen und Übergangserscheinungen zwischen Kulturbereichen [geht], die nur aus ideologischen Gründen oder aus eigener Neigung zu schematischer Darstellung einander gegenüber gestellt werden" (1), während die Komparatistik eher den Vergleich zum Gegenstand hat.

Die Erforschung kultureller Transfers ist ein relativ junger kulturwissenschaftlicher Ansatz, der sich ab Mitte der 80er-Jahre in Frankreich und Deutschland entwickelt hat. ForscherInnen um Michel Espagne, Katharina und Matthias Middell, Hans-Jürgen Lüsebrink, Rolf Reichardt und Michael Werner untersuchen – vor allem am Beispiel deutsch-französischer Wechselwirkungen – die Beziehungen zwischen "Kulturen" und die dabei ablaufenden Prozesse einerseits unter einer interkulturellen Perspektive, andererseits werden unter einer komparatistischen Perspektive kulturelle Phänomene und Prozesse miteinander verglichen. Dies erfolgt durch die Verbindung historisch-empirischer Studien mit Fallstudien, die das Phänomen auf qualitativer Ebene analysieren. Außerdem wird unter einer semiotischen Zielsetzung der Begriffs- und Symboltransfer anhand von ikonographischen sprachlichen Zeugnissen verfolgt. Kulturtransfer wird als dynamischer Prozess aufgefasst, bei dem es zur Verschiebung, zum Austausch von kulturellen Elementen kommt. Die Forscher um Michel Espagne vertreten ein eher lineares Modell des Kulturtransfers, wonach dieser drei Komponenten miteinander verbinde, und zwar 1. die Ausgangskultur, 2. die Vermittlungsinstanz, und 3. die Zielkultur; wobei Wechselseitigkeit und Mehrpoligkeit des kulturellen Transfers betont werden. Espagne/Greiling zufolge werden Transfermechanismen von soziologisch definierbaren Trägergruppen in Gang gesetzt, die im Ausland "Kulturmomente des Ausgangskontextes durchsetzen". Professionellen Vermittlern wie Übersetzern, Sprachlehrern etc. kommt die Funktion zu, kulturelle Heterogenität abzubauen. (Espagne/Greiling 11) Obwohl die Anwendung nationaler Kategorien innerhalb der Transferforschung von Beginn an hinterfragt wird, beruhen die meisten Untersuchungen auf bilateraler Basis, erst in jüngster Zeit wurden trilaterale Studien erstellt (Dimitrieva/Espagne). Eine Arbeitsgruppe innerhalb des Grazer Spezialforschungsbereichs Moderne – Wien und Zentraleuropa um 1900 (2) versucht durch den Import von Theorien aus der Kulturanthropologie und der Postcolonial Studies die im Transferkonzept bislang vorhandene nationalstaatliche Konzeption zu dekonstruieren und damit der Komplexität der historischen und zeitgenössischen Lebenswelt gerecht zu werden. Erkenntnisse aus der Netzwerkanalyse, der Übersetzungswissenschaft, der Intertextualitätsforschung verändern vor allem den verwendeten Kulturbegriff und die Sicht auf den Raum, in dem sich der Transfer abspielt. Basierend auf Arbeiten aus dem Bereich des Poststrukturalismus und der Postcolonial Studies erfährt der Kulturbegriff eine Dynamisierung; wird Kultur einer imaginierten Gesellschaft zugeordnet, wird sie als Konstrukt definiert, das die gesellschaftliche Praxis formt. Die Metapher von der Hybridität von Kultur verändert das Konzept kollektiver Identität, indem es nicht länger das nicht Dazugehörige ausschließt, sondern die Produktivität interner Differenzen ins Zentrum rückt. Kultur wird damit nicht mehr als dauerhaft fixierte Entität, Gesellschaft nicht mehr als kollektives und einheitliches Konzept betrachtet, sondern als dynamisches Gebilde, in dem ständig Mehrfachkodierungen von personaler wie kollektiver Identität statt finden, und zwar nach dem jeweiligen Kontext, der jeweiligen Situation oder dem jeweiligen Referenzrahmen. Ebenso wenig ist das Subjekt abgeschlossene Einheit, sondern Verdichtungspunkt von Sprachen, Ordnungen, Diskursen, Systemen "wie auch der Wahrnehmungen, Begehren, Emotionen, Bewusstseinsprozesse, die es durchziehen". (3) Die innerhalb dieses hybriden Kulturen vorhandenen Macht- und Kräfteverhältnisse befinden sich ebenfalls räumlich und zeitlich im Fluss.

Vor diesen theoretischen Überlegungen lässt sich die große Dynamik, die Multiplexität des Transferprozesses so fassen, wie sie bei Einzeluntersuchungen sichtbar wird. Die Beobachtung von Transfers zeigt, dass es sich dabei um ein dichtgewebtes Netzwerk von verschiedenen, ungleichzeitig ablaufenden Informationen handelt. Auch das kulturelle Gedächtnis bleibt damit nicht länger ein Tank, in den die verschiedenen kulturellen Elemente abwandern, um bei Bedarf wieder aktiviert zu werden, sondern es wird ebenfalls dynamisiert und hybridisiert, und bietet damit ein Erklärungsmodell für das Phänomen der Ungleichzeitigkeit innerhalb des Prozesses an.

Helga Mitterbauer

(1) Michel Espagne, Werner Greiling (Hg.): Frankreichfreunde. Mittler des französisch-deutschen Kulturtransfers (1750-1850). Leipzig: Universitätsverlag 1996. (= Deutsch-französische Kulturbibliothek. 7.) S.10.
(2) An der Diskussion sind beteiligt: Federico Celestini (Musikwissenschaft), Sigrid Diewald, Monika Holzer-Kernbichler (beide Kunstgeschichte), Gregor Kokorz (Musikwissenschaft), Helga Mitterbauer (Germanistik), Katharina Scherke (Soziologie), Bettina Schweighofer (Kunstgeschichte), Werner Suppanz (Geschichte), Michaela Wolf (Translationswissenschaft).
(3) Elisabeth Bronfen, Benjamin Marius, Therese Steffen (Hg.): Hybride Kulturen. Beiträge zur anglo-amerikanischen Multikulturalismusdebatte. Tübingen: Stauffenburg 1997. (= Stauffenburg Diskussion. 4.) S.4.

Bibliographie

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