Stellungnahme zu den Anschuldigungen von Daniela Strigl (Wiener Journal, Juni 2002) und Hans-Peter Kunisch (Die Zeit, November 2002) in ihren Rezensionen zu Mela Hartwig

Peinlich und irreführend

Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass der Zionismus-Begründer Theodor Herzl in seiner aktivsten Zeit erstens katholisch wurde und zweitens ab seiner Konvertierung Hartwig hieß? Man möchte meinen, dies werde für genau so unwahrscheinlich gehalten, wie es klingt und historisch unwahr ist. Fasziniert vom berühmten Namen aber betrachten manche LiteraturkritikerInnen die genannten Zusatzinformationen offenbar als bloßes Schmuckwerk, so dass selbst ein katholischer Theodor Hartwig mitunter noch für seinen Ex-Namensvetter gehalten wird.
Als Nachwort-Autorin des 2001 erstveröffentlichten Romans Bin ich ein überflüssiger Mensch? von Mela Hartwig war es bereits eine bizarre Erfahrung für mich, zur Kenntnis zu nehmen, dass manche Rezensierenden fleißig von meinem Nachwort abschrieben, ohne es auch nur zu erwähnen. Noch bizarrer allerdings – und nachgerade unglaublich – ist es, aufgrund eines nicht gemachten Fehlers nun zur zweifelhaften Ehre zu gelangen, ausführliche Erwähnung zu finden, indem eine Passage meines Nachworts als peinlich und irreführend kritisiert, vom großen Rest des Nachworts aber weiterhin unverblümt – und unerwähnt – abgeschrieben wird. So geschehen bei Hans-Peter Kunisch in der Literaturbeilage der Zeit vom November 2002, der völlig undifferenziert eine bereits bei Daniela Strigl unhaltbare Kritik übernahm.
In ihrer Rezension von Mela Hartwigs Roman Bin ich ein überflüssiger Mensch? in der Juni-Ausgabe des Wiener Journals machte Strigl nämlich folgenden Satz meines Nachwortes zum Aufhänger einer polemischen Kritik: Mela Hartwig, so schrieb ich, war „die Tochter des Soziologen und kulturpolitischen Schriftstellers Theodor Herzl, der 1895 vom Judentum zum Katholizismus konvertierte und im Zuge dessen den gemeinsamen Familiennamen auf Hartwig ändern ließ" – Grund genug für Strigl, mich peinlicher Unredlichkeit und/oder Unwissenheit zu bezichtigen und des Legens einer „falschen Spur" zum Zionismus-Begründer Herzl.
Auch jene, die fast nur den Namen des berühmten Theodor Herzl kennen, wissen in aller Regel, dass er ein sehr aktiver Zionist war. Anzunehmen, ausgerechnet dieser sei zum Katholizismus konvertiert und habe ab 1895 Hartwig geheißen, ohne dass dies heute bekannt sei, ist schlechterdings absurd. Vielmehr müssten diese Hinweise eigentlich die nahe liegende Vermutung, im kreativen Milieu Wiens um 1900 habe es Platz für wenigstens zwei journalistisch tätige Theodor Herzls gegeben, hinreichend bestätigen.
Peinlich ist Strigls polemischer Tonfall, mit dem sie wohl ihrem Ärger, sich selbst bei ungenauer Lektüre ertappt und erst durch Rückfrage beim Verlag Gewissheit über die Herzl-Identität erhalten zu haben, Luft machen musste. Gänzlich unsinnig erscheint mir ihr (Kurz-)Schluss, dass ein Fehler, der sich – gemessen an der Gesamtzahl – in einige wenige Rezensionen einschlich, meinem Nachwort anzulasten sei, obwohl dieser dort nicht gemacht wurde.
Hans-Peter Kunisch geht in seiner Rezension zu Mela Hartwig noch einen Schritt weiter als Strigl: Unreflektiert übernimmt er ihre Conclusio, ohne allerdings die – sich selbst ad absurdum führende – Argumentation nachzuzeichnen.
Für mich stellt sich letztlich die Frage, wie es überhaupt dazu kommen kann, eine Person namentlich zu ignorieren oder zu diffamieren, der (mit dem Droschl-Verlag) die Existenz der mittlerweile zwei, vielfach als „Wiederentdeckung" gerühmten Hartwig-Romane zu verdanken ist. Offenbar führt – wenig überraschend – der Drang zur Profilierung (auch) im Literaturbetrieb dazu, sich selbst an der Negation der Anderen aufzurichten. Da diese Andere – etwa als junge, unbekannte Literaturwissenschafterin – über ein geringeres symbolisches Kapital verfügt, fällt es umso leichter, die Wirkung der Polemik durch die unhinterfragte Autorität eines bekannteren Namens – Strigl – oder des Mediums – Die Zeit – zu multiplizieren. Das ist zwar peinlich und irreführend, aber eben leider wirksam.

Bettina Fraisl

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