Der ‚Irrenboom' in Steiermark

Zum Problem der Zunahme psychischer Erkrankungen in der Moderne


Von Carlos Watzka


Taking the statistical data about the inmates of the Styrian 'Landes-Irrenanstalt Feldhof' as a starting point, the increase in mental illness in the 19th century is presented exemplarily. It becomes possible to quantify the rising number of more or less long-term psychiatric patients within the examined region, for the annual number of people treated in the Landesirrenanstalt increased from less than 7 per 100.000 inhabitants in the 1790´s to approximately 170 per 100.000 around 1910. Connections between social-statistical features and the risk of being treated psychiatrically are proven. In addition, the thesis that the spreading of neuro-syphilis and alcoholism created this "boom of lunatics" is invalidated.


Das Forschungsthema "Irrenboom"


Im späteren 19. und beginnenden 20. Jahrhundert wurde im Zusammenhang mit der globaleren Wahrnehmung von Anomie und Identitätsverlust auch der Anstieg psychischer Erkrankungen erneut ein bedeutendes Thema des öffentlichen Diskurses in West- und Mitteleuropa. (1) Beamte waren ebenso wie Wissenschafter und Journalisten besorgt über eine Zunahme der "Irren". (2) Karl Jaspers konstatierte 1920 in seiner Allgemeinen Psychopathologie einen Anstieg der Anzahl der in Anstalten untergebrachten Geisteskranken in allen "europäischen Kulturstaaten" um 200 bis 300 Prozent seit 1850. (3) Umstritten waren unter den Zeitgenossen allerdings die Ursachen jener Entwicklung. Etwa die Psychiater Benedikt Morel, Cesare Lombroso und Paul J. Moebius machten die "Degeneration" bestimmter Anteile der Bevölkerung, "erblich Belasteter" und/oder in ihrem Lebenswandel "Lasterhafter" dafür verantwortlich, wobei sich ihre Ansichten rasch popularisierten. (4) Für Sigmund Freud und viele andere, auch für manche von den Degenerationstheorien beeinflusste Ärzte wie Richard Krafft-Ebing, war "der moderne Mensch" ganz allgemein besonders gefährdet, von "Nervenschwäche" und "Neurose" befallen zu werden, wobei nicht zuletzt die beobachteten, umfassenden sozialen Veränderungen den angenommenen höheren Raten psychischer Erkrankungen zugrunde gelegt wurden. (5) Ein anderer Ansatz war es, das häufigere Auftreten von "Irren" vornehmlich einer erhöhten sozialen Sensibilität zuzuschreiben, wobei offen bleiben konnte, ob die tatsächliche Verbreitung derselben nicht vielleicht unverändert geblieben oder sogar zurückgegangen war. Freilich führte unter Vertretern dieser Sichtweise ein Teil das zunehmende "Auffallen" psychisch Kranker auf das Anwachsen wissenschaftlicher Erkenntnis und humanen Mitgefühls zurück, so etwa der auch psychiatriehistorisch tätige Wiener Kliniker Max Leidesdorf. (6) Andere dagegen, unter ihnen auch Psychiater, sahen die Ursachen mindestens zum Teil im behördlichen Interesse an der Ruhigstellung von "missliebigen" und die "öffentliche Ordnung" störenden Personen gelegen, wobei deren psychischer Zustand als sekundär erachtet würde. Manchmal wurde auch der Verdacht geäußert, es bestünde ein vorsätzlich missbräuchliches Bemühen der sich etablierenden Institution "Psychiatrie", Klientel zu akquirieren. Die Ursachen des "Irrenbooms" blieben in der Folge bis heute kontroversiell diskutiert; Lösungsansätze reichen von materiell-somatischen Erklärungen – so dem Zugrundeliegen einer zuvor unbekannten, epidemischen Ausbreitung von Erkrankungen wie Neurosyphilis –, über verschiedene Formen kombinierter somato-psychischer, psychosozialer und/oder sozioökonomischer Ansätze – bis hin zur (Weg-)Erklärung jeder psychischen (und gelegentlich auch somatischen) Krankheit als "Konstruktion", der wahrgenommenen Zunahme der psychisch Kranken als Folge schlicht der Vermehrung böswilliger "Etikettierungen".


Bisherige Erhebungen


Möglichst umfassende empirische Untersuchungen allein werden das eben skizzierte Problem nicht schon lösen können, zu großes Gewicht besitzen, teils notwendigerweise, theoretische, ja paradigmatische Vorentscheidungen. Nichtsdestoweniger mögen einige Aspekte hierdurch klarer vor Augen treten, zumal basale Fragestellungen noch keineswegs hinreichend flächendeckend geklärt sind: Um wieviel nahm die Anzahl derjenigen Personen, die institutionell als psychisch krank definiert und sozial isoliert wurden, tatsächlich zu, zumal relativ in Bezug zum Bevölkerungswachstum? Finden sich unter den Insassen der "Irrenanstalten" Personen mit bestimmten sozialen Merkmalen tatsächlich überproportional vertreten? Lassen sich signifikante Zunahmen bestimmter Erkrankungen festmachen?
Die bisherige psychiatriegeschichtliche Literatur widmet sich dementsprechenden statistischen Erhebungen nur eher knapp unter Referenz auf zeitgenössische Angaben, oft ohne das jeweilige Zustandekommen derselben – und somit deren Bedeutung – ausreichend zu erörtern. Der systematischste Überblick über das Wachstum der Irrenanstalten im deutsch-sprachigen Raum findet sich weiterhin in mehreren ab 1852 erschienenen Schriften der Psychiater Heinrich Laehr, Max Lewald und Hans Laehr: (7) So setzen die Autoren "Krankenbestands"-Summen in Beziehung zur Gesamtbevölkerung einzelner Regionen wie gesamter Staaten und erstellen sogar Tabellen, welche die Zunahme des Anteils psychisch Kranker an der Gesamtbevölkerung im zeitlichen Ablauf wiedergeben sollen. Dabei ergibt sich für Cisleithanien (ohne polnische Gebiete) im Zeitraum von 1852 bis 1906 in etwa eine Versiebenfachung, das Verhältnis der Einwohner insgesamt zu den Insassen fiel gemäß diesen Daten von 6855:1 auf 1014:1. (8)
Diese Angaben sind eindrucksvoll und geben den Trend auch gut wieder. Wer die Werke der Berliner Psychiaterdynastie Laehr studiert, kann an der Ernsthaftigkeit ihrer Bemühungen nicht zweifeln und muss staunen über die ungemeine Fülle von Informationen, die hierbei zusammengetragen wurde. Die Publikation von 1899 enthält etwa auf 350 Seiten Angaben zu 333 Anstalten in Deutschland, Österreich-Ungarn und der Schweiz. Ein solches Vorgehen kann aber nicht ohne nachteilige Konsequenzen bleiben: So tritt, wenn man die vorgefundenen Angaben auf regionaler Ebene überprüft, doch eine gewisse Lückenhaftigkeit zutage. Obige Zahlenangaben wären aber nicht nur wegen zu ergänzender Anstalten nach oben zu korrigieren, sondern können vor allem hinsichtlich der bei ihrer Erstellung angewandten Methodik nicht völlig zufrieden stellen. Gemessen wurde nämlich in den Zusammenstellungen der "Krankenbestände" die Anzahl der jeweils zum Stichtag 1. Jänner des Jahres in den Anstalten befindlichen Patienten. Diese stellt durchaus einen aussagekräftigen Wert dar, da sie in etwa dem durchschnittlichen, gleichzeitig anwesenden "Belag" von Personen entspricht, gibt aber jene Dynamik nur unzureichend wieder, welche die Expansion des "Irrenwesens" ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gerade durch die Institutionalisierung auch kurz- und mittelfristiger psychiatrischer Behandlungen in öffentlichen Anstalten erreichte. So ergibt sich, wenn man zu den jeweils zu Jahresbeginn "vorhandenen" Insassen die während des Jahres Neuaufgenommenen hinzurechnet, bei der steirischen "Landes-Irrenanstalt" Feldhof zwischen 1873 und 1913 eine Erhöhung der Anzahl um durchschnittlich 50 %. Der Anteil von Menschen, die im Laufe ihres Lebens Insassen psychiatrischer Anstalten waren, ist selbstverständlich noch weit höher zu veranschlagen als der bei einer Betrachtung der Zeitspanne von jeweils einem Jahr sich ergebende Prozentsatz, allerdings ist er deutlich schwieriger zu erheben. Im Folgenden werden daher lediglich die Gesamtzahlen der jährlich vorfindlichen Insassen der bedeutendsten steirischen psychiatrischen Anstalt, des "Feldhofs" (bzw. seiner Vorgänger), angegeben und in Beziehung zur Gesamtbevölkerung des Herzogtums Steiermark gesetzt. Selbst diese Betrachtung ergibt freilich höhere Anteilswerte psychisch Kranker als bislang bekannt war.


Landes-Irrenanstalt Feldhof –
Ergebnisse einer statistischen Analyse
(9)


Aus umseitig angeführter Tabelle geht hervor, dass sich bereits zwischen den 1790er und den 1850er Jahren die Anzahl der im Zehnjahres-Durchschnitt pro Jahr in der Landesirrenanstalt Untergebrachten in absoluten Zahlen mehr als vervierfacht (55:234), in relativen Zahlen mehr als verdreifacht hat (von ca. 7 auf ca. 22 Insassen je 100.000 Einwohner). Von den 1850er Jahren bis in die letzten Jahre vor dem Ersten Weltkrieg hat sich jene Anzahl allerdings nochmals absolut gesehen mehr als verzehnfacht (234:2418), relativ gesehen um das 7,5-fache zugenommen (von ca. 22 auf ca. 167 je 100.000 Einwohner). Insgesamt ist im betrachteten Zeitraum 1790 bis 1913 der Anteil der pro Jahr in der zentral für Steiermark eingerichteten Irrenanstalt untergebrachten Personen an der Gesamtbevölkerung von ca. 7 auf ca. 167 pro 100.000, also auf etwa das 25-fache des ursprünglichen Verhältniswertes gestiegen. Dies bedeutet konkret, wie aus der letzten Spalte der Tabelle ersichtlich wird, dass, während um 1800 nur etwa jeder 10.000ste Einwohner des Landes pro Jahr Insasse der "k.k. Irrenanstalt" war, dies um 1850 auf etwa jeden 4400sten zutrifft, in den 1880ern auf jeden 1200sten, 1910 schließlich auf jeden 600sten.

Die Veränderung der durchschnittlichen jährlichen Gesamtzahl der Insassen der Grazer Irrenanstalt im Vergleich zur Bevölkerungsentwicklung der Steiermark 1790-1913 (a)

Periode Insassen: durchschnittl. jährliche Gesamtzahl Jeweilige Veränderung in % (b) Veränderung zu 1790-1799 Einwohneran- zahl der Steiermark Jahr der Zählung Veränderung zu 1799 Insassen je 100.000 Einwohner (c) Veränderung zu 1790-1799 Ew. pro Insasse (c)
1790-1799 55 ---- (1,00) 815.000 (1788) ----- 6,7 (1,00) 14847
1800-1809 83 50 1,50 830.000 (1799) (1,00) 10 1,52 9754
1810-1819 72 14 1,30 793.000 (d) (1810) 0,96 9 1,34 11078
1820-1829 113 58 2,05 800.000 (1820) 0,96 13 1,97 7538
1830-1839 172 52 3,11 908.000 (1830) 1,09 18 2,71 5473
1840-1849 193 12 3,49 978.000 (1840) 1,18 19 2,87 5179
1850-1859 234 21 4,22 1.022.000 (1847) 1,23 22 3,34 4449
1860-1869 269 15 4,85 1.057.000 (d) (1857) 1,27 24 3,64 4084
1870-1879 549 104 9,90 1.138.000 (1869) 1,37 47 6,93 2144
1880-1889 1023 87 18,47 1.214.000 (1880) 1,46 82 12,17 1220
1890-1899 1438 41 25,95 1.283.000 (1890) 1,55 109 16,17 918
1900-1909 2042 42 36,85 1.356.000 (1900) 1,63 146 21,65 686
1910-1913 2418 18 43,65 1.444.000 (1910) 1,74 167 24,86 597

(a) Die durchschnittlichen Insassenzahlen sind in der Darstellung auf 1, die Bevölkerungszahlen auf 1000 gerundet.
(b) Gegenüber dem vorigen Dezennium.
(c) Berechnet jeweils nach Mittelwerten des Dezenniums für die Einwohnerzahl.
(d) Betreffende Summen wären etwas nach oben zu korrigieren, da sie ohne Militärangehörige berechnet wurden.

Es muss ausdrücklich betont werden, dass diese Werte noch keineswegs das volle Ausmaß der Etablierung psychiatrischer Institutionen wiedergeben; zu berücksichtigen wären in der Steiermark weiters: Die "Landes-Irren-Siechenanstalt Schwanberg", gegründet 1892 und für etwa 200 zugleich anwesende Insassen konzipiert, der direkt vom Orden der Barmherzigen Brüder geleitete Teil der "Anstalt für unheilbar Kranke" in Kainbach, wo vorwiegend "Blödsinnige" untergebracht waren, mit bis zu ca. 50 "Betten" nach 1900, die "Nervenabteilung" des Krankenhauses desselben Ordens in Graz mit einer bis 1900 auf ca. 40 angewachsenen "Bettenzahl", vor allem aber die "Beobachtungsabteilung und Nervenklinik" am Allgemeinen Krankenhaus, welche während der Transferierung der Insassen des alten "Irrenhauses" in die Anstalt am Feldhof geschaffen wurde (10). Diese war 1887 für ca. 50 zugleich anwesende Patienten eingerichtet, 1896 bereits für 90. Hier liegt allerdings die Anzahl der Personen, die pro Jahr auf je einem "Verpflegsplatz" untergebracht wurde, weit höher als in der Landesirrenanstalt, da in das Krankenhaus – als "Heilanstalt" – ein höherer Anteil "leichterer Fälle" eingewiesen wurde. Im Laufe des Jahres 1887 wurden fast 900 Insassen der psychiatrischen Klinik verzeichnet, also etwa 17 Mal mehr als die durchschnittliche Belegung zu einem bestimmten Zeitpunkt zählte. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer war hier dementsprechend niedrig, sie muss 1887 bei etwa 3 Wochen gelegen haben. Aufgrund des Problems der Mehrfachaufnahmen innerhalb eines Jahres kann gerade bei so kurzen Aufenthaltsdauern aber nicht hinreichend genau angegeben werden, um wie viele verschiedene Personen es sich tatsächlich handelte, wenn hierüber nicht gesonderte Aufzeichnungen vorliegen. Eine Person kann ja in der Aufnahmestatistik auch zwei- oder mehrfach geführt sein. Für eine Erfassung der in der Steiermark insgesamt vorliegenden Anzahl psychiatrisierter Personen müsste zudem noch berücksichtigt werden, dass dieselbe Person innerhalb eines Jahres als Insasse mehrerer Anstalten geführt sein könnte. Aufgrund der Schwierigkeiten einer diesbezüglichen Erfassung wurde hier zunächst lediglich die Zunahme der Insassenzahl der wichtigsten Anstalt, der "Landes-Irrenanstalt" behandelt.


Die Lebensbedingungen der Insassen


Die "massenhafte" Zusammenballung der Betroffenen in Anstalten generierte überhaupt erst das gesellschaftliche, besonders das ökonomische Problem "Irrsinn", welches in Mitteleuropa zuvor zumindest bis zum ausgehenden 18. Jahrhundert, vornehmlich bloß ein administratives, medizinisches und philosophisch-theologisches gewesen war. Die bedeutendsten Folgen waren jedoch ganz manifester Natur: Die meisten "Irrenanstalten" waren während des 19. Jahrhunderts stetig überfüllt, und die "Überfüllung" steigerte sich zusehends, trotz aller Erweiterungen und Neuanlagen von Gebäuden, zu immer dramatischeren Ausmaßen.
Wieder zum konkreten Beispiel der "Landesirrenanstalt Feldhof" zurückkehrend, seien hier Zeugen der Entwicklung zitiert, welche als "antipsychiatrischer" Hetze unverdächtig gelten dürfen – Amtsärzte und Anstaltsärzte. Viktor Fossel, Inhaber eines Lehrstuhls für Medizingeschichte, erläutert zu den Anfängen der "Irrenanstalt" um 1800: "Die ganze Lebensthätigkeit der jungen Institute war an das Gebot strengster Sparsamkeit gebunden." (11) Zur Situation um 1850 vermerkt Mathias Macher, k. k. Bezirksarzt, in seinem "Handbuch der kaiserl. königl. Sanität-Geseze" 1846:

Demgemäß ist das Grazer Irrenhaus noch immer nicht mehr als ein Verwahrungs- und Pflegeort [...] Dessen ungeachtet ereignen sich nicht geradezu selten Fälle der Wiedergenesung, diese sind aber gewöhnlich nur die Erfolge eines glücklichen Ungefährs, indem zur Zeit noch immer alle Bedingungen einer zweckmäßig eingerichteten Irren-Heilanstalt mangeln. (12)

Derselbe Autor beschreibt jene "Bedingungen" in einem weiteren Werk näher:

Die Räumlichkeiten der Anstalt stehen mit dem Bedarfe in gar keinem Verhältnisse, so daß selbst die meisten kleinen Zellen [die ehemaligen Kapuzinerzellen!] mit 4 Betten, mitunter sogar mit Bodenbetten versehen werden müssen. (13)

Solchen Verhältnissen sollte mit dem Neubau der Anstalt 1872/73 Abhilfe geschaffen werden, welcher tatsächlich auch in "vorbildlicher" Weise durchgeführt wurde. Aber bereits 1879 klagte der berühmte Psychiater Krafft-Ebing, damals Direktor der steirischen Landesirrenanstalt, in einer Schrift mit dem deutlichen Titel Der Stand der Irrenpflege in Steiermark. Ein Nothstand:

dass [...] der zu Gebote stehende Raum schon längst nicht mehr hinreicht, und namentlich in den Abtheilungen für Unruhige die Zahl der Kranken drei- ja vierfach die im Bauprogramme festgesetzte Zahl übersteigt. Dass hier von Heilungen kaum mehr die Rede ist, dass die mechanische und narcotische Zwangsjacke zur Nothwendigkeit wird, und doch nur nothdürftig Ruhe und Sicherheit gewährt, dass die körperliche Gesundheit der Pfleglinge nothleidet, ist selbstverständlich. (14)

Soweit zu den Lebensbedingungen in jenen Anstalten, die der "Humanität" dienen sollten. Aber die Folgen sind noch weitreichender, terminaler, wie Krafft-Ebing, um (finanzielle) Unterstützung werbend, bekennt:

Die Entlassungen durch Heilung werden selten, eine Masse unheilbarer Irrer sammelt sich an [...], so dass schliesslich nur auf den Tod der Kranken gerechnet werden kann, der in überfüllten Irrenanstalten allerdings in steigender Frequenz eintritt. (15)

Bei derartigen Aussagen handelt es sich nicht etwa, in einem Gegensatz zu später geläufigen Usancen der Beschönigung, um Übertreibungen, bloße Schreckrhetorik für einen guten Zweck. Ignaz v. Scarpatetti, Arzt im "Feldhof" erklärt 1899, dass "der Stand der Irrenpflege in Steiermark mehr denn je ein Nothstand geworden ist" und expliziert:

Das Unhaltbare liegt dabei nicht in den über 300 Nothbetten, die allabendlich auf den Tagräumen aufgelegt werden und wodurch die betreffenden Kranken beständig ihre Strohsäcke und Bettwäsche verwechseln und so [...] die Ausbreitung contagiöser Krankheiten begünstigt [wird], [...] nicht in der Schwierigkeit, so viele Kranke ärztlich zu übersehen, nicht [...] in der Küche [...] in der Wäscherei, in den Baderäumen [...:] In den großen Tagräumen geht es bunt durcheinander, die Irren (auf der Frauen-Abtheilung in der Zahl 45-50) [...] springen, tanzen und balgen sich durcheinander. (16)

Der ärztliche Bericht für die Jahre 1912 und 1913 bemerkt schließlich:

Da die Überfüllung der Anstalt schon Ende 1911 bis auf das Äußerste gespannt war und zu ganz unhaltbaren Zuständen auf den Abteilungen geführt hatte, sah sich die Direktion gezwungen, die Aufnahmen wesentlich einzuschränken, Kranke nur dem Abgange entsprechend aufzunehmen [... und schließlich] möge an dieser Stelle noch erwähnt werden, daß die Überfüllung besonders auf den Unruhigenabteilungen eine stete gegenseitige Belästigung der Patienten bedingt und gehäufte Konflikte veranlaßt. Die Folgen sind zahllose Rißquetschwunden, Bißwunden, Schnittwunden, welche durch Einschlagen von Fensterscheiben entstanden [... sowie] ein intensive[r] Verbrauch von hypnotischen Medikamenten und die Anwendung des mechanischen Zwanges in seinen verschiedenen Formen. So mußte eine Patienten mit stürmischer motorischer Unruhe und brutaler zorniger Erregung unter den gegebenen Verhältnissen im Bette beschränkt werden und erhielt mehrere Pantoponinjektionen. Sie starb tags darauf am 15. September 1912 früh plötzlich. (17)


Tod aufgrund mangelnder Ressourcen


Auch anhand statistischer Daten (18) lassen sich die Folgen der Überfüllung der Anstalt nachvollziehen, an dieser Stelle sei nur auf die gravierendste Folge – Tod – eingegangen: Die jährliche Mortalitätsrate schwankt in den Jahren von 1872 bis 1913 zwischen 8,5 % und 20,8 %, gemessen an der Gesamtzahl der Insassen, im Durchschnitt lag sie über 11 %! Das bedeutet, dass jeder achte oder neunte Insasse der Landesirrenanstalt innerhalb des Zeitraumes von einem Jahr verstarb. 37 % aller "Abgänge" zwischen 1872 und 1913 waren Todesfälle! Ihre volle Bedeutung gewinnen diese Zahlenwerte erst dann, wenn sie mit anderen Verhältnissen kontrastiert werden: Die jährliche Sterblichkeitsrate in der steirischen Gesamtbevölkerung lag zwischen 1897 und 1906 bei 2,3 %. Insassen der Landesirrenanstalt hatten also, lediglich einen Betrachtungszeitraum von einem Jahr zugrundegelegt, ein gegenüber der "Normalbevölkerung" fünffach höheres Todesrisiko. Hier könnte eingewandt werden, dass eine höhere Sterblichkeit aufgrund der den Einweisungen wohl zu allermeist zugrundeliegenden psychischen und/oder körperlichen Erkrankungen auch zu erwarten sei. Dass jene Höhe der Mortalitätsrate nichtsdestoweniger durch die "soziale Tatsache" der Anstaltsüberfüllung deutlich mitbedingt ist, geht aus einem Vergleich mit den "Mortalitätsprozenten" hervor, welche für öffentliche Krankenanstalten (ohne Irrenanstalten) errechnet wurden. In diesen schlägt sich das erhöhte Mortalitätsrisiko – in diesem Falle meist: somatisch-kranker Menschen – auch nieder; die durchschnittliche jährliche Sterberate liegt für den Zeitraum 1897-1906 bei 6,8% (19), und damit zwar fast dreimal so hoch wie in der Gesamtbevölkerung, aber immer noch mehr als eineinhalbmal niedriger als die Rate von 11 %, welche für die Landesirrenanstalt erhoben wurde – und dies, obwohl schwere körperliche Erkrankungen bei den Einweisungen in allgemeine Krankenanstalten sicherlich häufiger vorfielen als bei psychiatrischen Anstalten. Bekräftigt wird die These des Zusammenhangs zwischen der Überfüllung der Anstalt und der immens hohen Anzahl an Todesfällen durch eine nähere Betrachtung der Todesursachen: Der bereits zitierte Jahresbericht für 1912/1913 stellt unumwunden fest:

Der Anteil der Tuberkulose an der Gesamtsterblichkeit betrug 1912 28.37 % und 1913 30.36 % gegen 26.34 % im Jahre 1910 und 26.71 % im Jahre 1911. Die stetige Zunahme der Tuberkulosesterblichkeit ist gewiß auch als ein Faktor zur Wertung der in Feldhof herrschenden unhygienischen Verhältnisse anzusehen. (20)

Eine Auswertung der Tabellen zu den Todesursachen, welche den Jahresberichten 1890 bis 1913 (21) beigegeben wurden, weist für jenen Zeitraum einen Anteil der tuberkulösen Erkrankungen an den gesamten Todesursachen von über 25 % aus – und darüber hinaus einen Anteil von fast 20 %, bei welchem Lungenentzündung und andere meist infektiös verursachte entzündliche Erkrankungen den Tod herbeiführten. Infektionskrankheiten verursachten demnach etwa die Hälfte aller Todesfälle der psychiatrischen Anstalt!


Mögliche weitere Untersuchungen


Im Zusammenhang der Erörterung der Todesursachen sei darauf hingewiesen, dass "Paralyse", "paralytischer Anfall" u. ä. als Todesursache lediglich in 8 % aller Fälle verzeichnet wird. Der Anteil von an Neurosyphilis leidenden Personen an der Gesamtzahl der Insassen lag sicher etwas höher, keineswegs aber so hoch, dass er einen Großteil des "Irrenbooms" erklären könnte, was auch nicht unter Einbeziehung jener zweiten organmedizinisch festmachbaren Erkrankungsform gelingt, welche im 19. Jahrhundert zu zugegebenermaßen wachsender Bedeutung gelangte, des Alkoholismus. Die diagnostizierten Krankheitsformen verteilen sich für den Zeitraum von 1894 bis 1913 wie folgt:

Diagnostizierte Krankheitsformen in der Landesirrenanstalt Feldhof einschließlich Filialen 1894 bis 1913
Idiotie/Angeborener Blödsinn 4,1 %,
Imbecillität/ Angeborener Schwachsinn 7,0 %,
Melancholie 4,5 %,
Manie 2,1 %,
(allgemeiner) Wahnsinn/ Amentia/Verwirrtheit 10,9 %,
Primäre Verrücktheit/ Paranoia/partieller Wahnsinn 21,3 %,
Intermittierende/Periodische Geistesstörung 5,6 %,
Secundäre Geistesstörung/Dementia/Erworbener Blödsinn 17,6 %,
Paralytische Geistesstörung/Paralysis progressiva 10,1 %,
Epileptische Geistesstörung 7,8 %,
Hysterische Geistesstörung 2,6 %,
Neurasthenische Geistesstörung 0,9 %,
Geistesstörung mit Herderkrankungen 0,5 %,
Alkoholismus 4,7 %,
[Psychosen aufgrund] andere[r] Intoxikationen 0,0 %,
Simulanten (!): 0,0 %,
ohne Geistesstörung und in Beobachtung (zusammen) 0,2 %.

Ein großes weiteres Feld für aufschlussreiche Untersuchungen liegt in der Sozialstatistik. Für die Landesirrenanstalt Feldhof liegen in den Jahresberichten für einen Großteil der Zeitspanne von 1873 bis 1893 statistische vorbearbeitete Angaben zu folgenden "Variablen" vor: Geschlecht, Familienstand, Religionsbekenntnis, Herkunft, Alter sowie "Beschäftigung". Hinsichtlich letzteren Aspekts sei ein Untersuchungsergebnis bereits angefügt: Im Zeitraum 1882-1893 ergibt sich für die Kategorie "Diener und Tagelöhner aller Art" ein Anteil an der Gesamtanzahl der Insassen von über 34 %. Der Anteil der als "dienend" Berufstätigen sowie der als "Taglöhner" geführten Personen in der steirischen Gesamtbevölkerung lässt sich aus den Ergebnissen der Volkszählung von 1880 demgegenüber mit zusammen ca. 8 %. (22) errechnen. Bei aller Problematik möglicherweise verschiedener Klassifikations-Methoden der die Statistiken führenden Beamten liegt hier jedenfalls mit hoher Wahrscheinlichkeit eine überproportionale Vertretung der Angehörigen "unterer", besonders belastenden Lebensbedingungen ausgesetzter Schichten vor. Nähere Untersuchungen sollen insbesondere etwaige weitere signifikant unterschiedliche Aufnahmehäufigkeiten für einzelne "Standes"- und Berufskategorien auf dem Gebiet der Steiermark eruieren.


Zur Aktualität der Ergebnisse


Im Vorangegangenen wurde geschildert, wie durch den Umstand der Überfüllung der "Irrenanstalten" unerträgliche Lebensbedingungen, ja todbringende Lebensumstände für die Betroffenen entstanden. Die für die zunehmenden Einweisungen psychisch Kranker in Anstalten verantwortlichen Kausalfaktoren werden zum Mindesten schon ausführlich diskutiert. Es sollte aber auch der korrespondierenden Tatsache Beachtung geschenkt werden, dass die psychiatrischen Einrichtungen im Hinblick auf den – wie auch immer zustande gekommenen – hohen "sozialen Bedarf" keineswegs ausreichend ausgestattet waren. Im Zentrum dieses Phänomens steht die schlichte Tatsache, dass die politischen Entscheidungsinstanzen und die "Öffentlichkeit" nicht bereit waren, mehr als ein Minimum an finanziellen Mitteln für diesen Bereich der "Humanitätspflege" zu investieren. Warum dies so war, stellt sich als eine weitere virulente Frage zur Mentalitätsgeschichte der Moderne dar – wobei noch keineswegs ausreichende Antworten gegeben wurden. Tagräume zu je 50 Patienten und Tuberkulose-Epidemien gehören, wenigstens in Mitteleuropa, der Vergangenheit der Psychiatrie an. Wer aber weiß, dass auch heute in der "Sigmund-Freud-Klinik" Graz manchmal sechs Patienten einen Raum von ca. 30m² teilen müssen, und wer die Groteske um die noch immer nicht vollständig durchgesetzte Kassenfähigkeit psychotherapeutischer Behandlungen verfolgt, für den ist die gegenwärtige Gesellschaft im Umgang mit psychisch Kranken keineswegs postmodern.



(1) Vgl. Dirk BLASIUS, "Einfache Seelenstörung". Geschichte der deutschen Psychiatrie 1800–1945, Frankfurt/Main 1994.
(2) Im vorliegenden Beitrag wurden Begriffe wie "Irrsinn", "Irre", "Irrenanstalt" ebenso wie andere spezifische, zeitgenössische Termini durchgängig in Anführungszeichen gesetzt. Es sei aber ausdrücklich daran erinnert, dass dieselben keineswegs immer jene Abwertung der Betroffenen mitmeinten, welche heutige Leser zu verspüren geneigt sind. – Vgl. Christian MÜLLER, Wer hat die Geisteskranken von den Ketten befreit? Skizzen zur Psychiatriegeschichte, Bonn 1998, 43-48.
(3) Karl JASPERS, Allgemeine Psychopathologie, Berlin 21920, 370.
(4) Vgl. den Überblick aus zeitgenössischer Sicht: Siegmund KORNFELD, Geschichte der Psychiatrie, in: Max NEUBURGER, Julius PAGEL, Handbuch der Geschichte der Medizin, Bd. 3, Jena 1905, 601-728.
(5) Vgl. Sigmund FREUD, Das Unbehagen in der Kultur, Wien 1930. – Richard KRAFFT-EBING, Über gesunde und kranke Nerven, Tübingen 51903.
(6) Vgl. Max LEIDESDORF, Die Psychiatrie von Einst und Jetzt, in: Wiener medizinische Wochenschrift, Jg. 1868, H. 91, 1472-76, H. 92, 1489-92, H. 93, 1503-05, H. 94, 1520 f.
(7) Vor allem Heinrich LAEHR, Ueber Irrsein und Irrenanstalten, Halle 1852. – Heinrich LAEHR, Max LEWALD, Die Heil- und Pflegeanstalten für Psychisch-Kranke des deutschen Sprachgebietes, Berlin 1899.
(8) LAEHR, LEWALD, Heil- und Pflegeanstalten, 338 f. – Zahl für 1906 nach: MÜLLER, Geisteskranke, 104-106.
(9) Die statistischen Angaben zur Anstalt wurden folgenden Quellen entnommen bzw. auf deren Grundlage errechnet: Ignaz v. SCARPATETTI, Das Irrenwesen in Steiermark. Ein Beitrag zur Frage der Erweiterung und Ausgestaltung der Irrenversorgung, in: Mitteilungen des Vereins der Ärzte in Steiermark 4 (1899), 74-86. – Richard KRAFFT-EBING, Irrenstatistik in Oesterreich-Ungarn – II. Steiermärkische Landes-Irrenanstalt Feldhof, in: Psychiatrisches Centralblatt 6 (1876), 6/7, 112-114. – [Fridolin Schlangenhausen], Jahresberichte der steiermärkischen Landes-Irrenanstalt Feldhof [...], 1882-1884 (hss., UB Graz), Graz 1885-1893. – Wilhelm RAAB, Heinrich STERZ, [Otto HASSMANN], Berichte über die Landes-Irrenheil- und Pflegeanstalt Feldhof bei Graz nebst den Filialen Lankowitz, Kainbach und Hartberg, Graz 1894-1913. – Viktor FOSSEL, Geschichte des Allg. Krankenhauses in Graz. Festschrift zur Feier des hundertjährigen Bestandes der Anstalt, Graz 1889.
(10) Vgl. Vinzenz PRANGNER, Geschichte des Klosters und des Spitales der Fr. Fr. Barmherzigen Brüder in Graz [...], Graz 1908.
(11) FOSSEL, Geschichte, 33.
(12) Mathias MACHER, Handbuch der kaiserl. königl. Sanität-Gesetze und Verordnungen [...], Bd. 1, Graz 1846, 332.
(13) Mathias MACHER, Medizinisch-Statistische Topographie des Herzogtums Steiermark, Graz 1860, 361.
(14) Richard KRAFFT-EBING, Der Stand der Irrenpflege in Steiermark. Ein Nothstand, Graz 1879, 8.
(15) Ebda, 8 f.
(16) SCARPATETTI, Irrenwesen, 78 f.
(17) N.N., Bericht der Landes-Irren-Heil- und Pflegeanstalt Feldhof [...], Graz 1914, 1, 12 f.
(18) Vgl. SCARPATETTI, Irrenwesen in Steiermark, 74-86. – KRAFFT-EBING, Irrenstatistik 112-114. – [Schlangenhausen], Jahresberichte. – RAAB, STERZ, [HASSMANN], Berichte.
(19) Franz HAIMEL, Die Heilanstalten, in: ebda, 114.
(20) Bericht der Landes-Irren-Heil- und Pflegeanstalt Feldhof, 1914, 11.
(21) Es fehlen die Daten für 1893.
(22) Vgl. K. k. Statistische Central-Commission (Hg.), Die Ergebnisse der Volkszählung [...] 1880 in den im Reichsrathe vertretenen Königreichen und Ländern, I. Theil. (Österreichische Statistik 1), Wien 1882

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