Kulturwissenschaftliche Perspektiven auf Wien und Zentraleuropa um 1900

Bericht über den 8. Workshop des SFB Moderne in Trento (Mai 2001)


Der diesjährige Workshop des Spezialforschungsbereichs Moderne – Wien und Zentraleuropa um 1900, der vom 17. bis 20. Mai in Trento stattfand, war erstmals im Rahmen eines größeren Plenums der Auseinandersetzung mit Theoretikern der Postcolonial Studies gewidmet. Angeregt nicht zuletzt durch ein neues Forschungsprojekt an der Universität Antwerpen [siehe auch Clemens Ruthner, "K.u.k. (post-)colonial?" Prolegomena zu einer neuen Sichtweise Österreich-Ungarns in den Kulturwissenschaften, im vorigen newsletter MODERNE], das sich dem Phänomen "Kakanien" unter den theoretischen Prämissen der Postcolonial Studies anzunähern versucht, wurde nach den kurzen Präsentationen zum Thema Postkolonialismus. Eine aktuelle Perspektive auf die Kultur der (Post-) Moderne teilweise sehr kontrovers über mögliche Problemfelder und Schwächen der vorgetragenen Ansätze diskutiert.


Thinking Otherwise


Hannes Feichtinger (Österreichische Geschichte) unternahm in seinem Eröffnungsstatement unter dem Titel Thinking otherwise den Versuch, die Postcolonial Studies in der Intellectual History zu verorten. Zunächst erläuterte Feichtinger den Grund für die prinzipielle Ablehnung bzw. Zurückweisung des Zentrum-Peripherie-Modells durch die postkoloniale Theorie: Die koloniale Vorstellung auf dem Anspruch des Zentrums, sich als beständige Einheit zu definieren und deshalb einen homogenen, übergeordneten und dominanten Wertekanon zu postulieren und zu repräsentieren. Dieser Kanon unterscheide sich zwar von dem "Anderen", sein Ziel sei aber die Inklusion mit dem Anspruch der Aufhebung jedweder Differenz und damit die Unterordnung des "Anderen" in der gesetzten Hierarchie. Die postkoloniale Theorie bezieht sich nach Feichtinger weiterhin auf drei Grundlagen: a) auf das ambivalente Verhältnis zum Marxismus, b) auf den Dialog mit dem Poststrukturalismus, c) auf die Ablehnung von Humanismus, Aufklärung und Idealismus. Die postkoloniale Theorie behaupte, dass jede normative Setzung entsprechender Konzepte sich zwangsläufig als totalitär erweisen müsste; nämlich in dem Sinne, dass sie das "Andere" unterjocht und Differenzen bewusst verschüttet. Ziel der Theorie sei es daher nach Feichtinger, marginalisiertes Wissen durch die Auflösung des humanistischen Kanons aufzuwerten. Damit sei verbunden: Der Versuch, für nicht-westliches Wissen epistemologischen Stellenwert zu reklamieren; die Zurückweisung der Vorstellung von Homogenität, Vorherrschaft und Dominanz aufgeklärter Wissenssysteme und das Bestreben, durch Humanismus, Aufklärung, Idealismus und Marxismus aufgehobene kulturelle Differenzen wiederherzustellen; nicht zuletzt die Einnahme eines Standpunkts jenseits hierarchischer Ordnungen, wodurch konstitutive Differenzen von Kulturen sichtbar werden und dem aufgeklärten Wissen neue, kreative Impulse verliehen werden sollen.


Hybridität


Die Schlagworte Akkulturation, Assimilation, Pluralität, Hybridität und Multikulturalismus, die bereits Feichtinger angesprochen hatte, wurden von Peter Stachel (Österreichische Akademie der Wissenschaften) aufgegriffen und in ihrem potentiellen Bedeutungsumfang knapp skizziert. Eine mögliche essentialistische Verwendung dieser konjunkturellen Begriffe zurückweisend, plädierte er für deren nominalistischen Gebrauch. Anhand des amerikanischen Melting-Pot-Modells erörterte er u. a. die Problematik von Assimilation im Sinne eines westlichen Verständnisses, dem immer auch das Bild einer "Leitkultur" inhärent sei. Positiv besetzt sei in Zusammenhang mit der postkolonialen Theorie hingegen der Schlüsselbegriff der "Hybridität": Er meint "von zweierlei Herkunft" und bezieht sich damit auf eine Form von Zwitterhaftigkeit, auf eine "Kreolisierung". Nicht Abgrenzung, nicht Assimilation, sondern eine wechselseitige Durchdringung unterschiedlicher Kulturen sei damit angesprochen, vorausgesetzt sei allerdings die Existenz mehr oder weniger stabiler Kulturen. Diskutiert wurde später allerdings, ob es sich hierbei um einen normativen oder einen deskriptiven Begriff handle.


Der "Dritte Raum"


Heidemarie Uhl (ÖAW) setzte sich mit einem wichtigen Vertreter der Postcolonial Studies und New Ethnicity, Stuart Hall, auseinander. Hall präzisiert laut Uhl das Konzept des Postkolonialismus vor allem in zwei Aspekten: als Kritik und zugleich Instrument der Analyse von binären Identitätsvorstellungen und als Transformation des "historischen Großnarrativs" der westlichen Moderne. Wenngleich – wie Hall meint – in die postkoloniale Situation immer Machtverhältnisse eingeschrieben sind, impliziert der Begriff eine Abkehr vom Modell eines asymmetrischen Sender-Empfänger-Kul-turtransfers von der hegemonialen westlichen Kultur zu den kolonisierten Ländern. Eine der wichtigsten Leistungen des Begriffs "Postkolonialismus" sieht Hall darin, dass der Prozess der Kolonisierung die kolonisierenden Gesellschaften so machtvoll geprägt hat wie die kolonisierten, wenngleich auf andere Weise. Wenn das Narrativ des "Kolonialismus" auch als eine Grenzziehung zwischen Modernisierung und Unterentwicklung gelesen werden kann, also als eines der identitäts-stabilisierenden Selbstbilder der westlichen Moderne, so bezeichnet "Postkolonialismus" eine neue Lesart der "Kolonisation" als transnationaler, transkultureller, "globaler" Prozess und damit ein Umschreiben der imperialen Großgeschichten mit der Nation als Zentrum.
Mit Homi K. Bhabha, einem anderen Vertreter der postkolonialen Theorie, beschäftigte sich Werner Suppanz (Zeitgeschichte). Hinsichtlich Bhabhas Rezeption einer Vielzahl von Autoren hob Suppanz Sigmund Freud mit seinem Begriff des "Unheimlichen", den Psychoanalytiker Frantz Fanon sowie Lacan, Foucault und Derrida als maßgeblich für Bhabhas Schriften hervor. Darin wende dieser sich gegen zwei miteinander verknüpfte Vorstellungen: gegen jedweden Essentialismus und gegen jede auf binären Begriffen beruhende Weltanschauung. Demnach gebe es "keine einheitliche Repräsentation einer politischen Handlungskraft, keine festgelegte Hierarchie politischer Werte und Konsequenzen". Identität wird daher als konfliktiv und verhandelbar ("negotiation") verstanden. Der Begriff des "Dritten Raumes" als Ort der Hybridisierung, verweise schließlich auf die Unmöglichkeit der Rekonstruierbarkeit der einzelnen Elemente im Prozess einer Identitätsbildung. Die kulturellen Elemente werden im Zuge dessen "deplatziert", ihr authentischer Sinn wird vereitelt. Die in diesem Kontext von Bhabha thematisierten Phänomene der "Mimikry" und "kulturellen Differenz" – letztere im Gegensatz zur "kulturellen Diversität" – laufen auf eine Verweigerung der Harmonisierung kultureller Gegensätze hinaus. Schließlich betonte Suppanz einen für Bhabha wesentlichen Begriff, auf den sich nachfolgend auch Peter Karoshi (Österreichische Geschichte) bezog: die Liminalität von Kulturen. Die permanenten Hybridisierungsprozesse, in denen Kulturen von ihren Grenzen aus definiert werden, machten die Unterscheidung zwischen Innen und Außen einer Kultur zunehmend schwieriger.


Liminalität


Karoshi versuchte Konzepte der Hybridität auf Quellen zum österreichisch-ungarischen Vielvölkerstaat anzuwenden. Seine Hypothese, dass es bereits zu "kakanischen" Zeiten Vertreter einer hybriden Auffassung des Habsburgerreiches gegeben habe, die in letzter Konsequenz sogar den Gedanken eines einheitlichen nationalstaatlichen Staatswesens hintangestellt hätten, stützte er mit dem Hinweis auf einzelne Abschnitte des legendären Kronprinzenwerks. Am Beispiel des Beitrags über Die Zigeuner von Demeter Dan machte er die Absicht des Verfassers deutlich, Fremdheiten zu benennen und zu bestimmen. Ebenso sei aber damit das "Fremde" und "Andere" erfolgreich in den Gesamtkörper des Vielvölkerstaats integriert worden – auf einer symbolischen Ebene ist dies allein durch die Aufnahme einer kulturellen oder ethnischen Gruppe in das Kronprinzenwerk abzulesen. Die kulturellen Grenzen seien also zunächst festgelegt und definiert worden, blieben aber trotz der Aufnahme in ein größeres Ganzes benennbar. Hierin erkennt Karoshi im Sinne der postkolonialen Terminologie hybride Aspekte in einer pluralistisch verfassten Gesellschaft.
Josef Schiffer (Österreichische Geschichte) interessierten Ludwig Wittgensteins "postkoloniale" Überlegungen zu James George Frazers The Golden Bough. Als Wittgenstein 1929 nach Cambridge zurückgekehrt war, widmete er sich nach einer langen Phase der Abstinenz erneut philosophischen Problemen. In den folgenden Jahren entfernte er sich zunehmend von seinen früheren Positionen im Tractatus. An die Stelle der Beschäftigung mit einer universellen Logik tritt die Beschreibung von "Sprachspielen", die sich metasprachlicher Analyse entziehen. Frazers Golden Bough, eines der populärsten ethnographischen Werke seiner Zeit, kritisierte er insbesondere wegen des Versuchs, historische Erklärungen für die Rituale von Naturvölkern aus der Sicht des kulturell Überlegenen zu finden. Im Grunde postulierte Wittgenstein damit nach Schiffer jenen Paradigmenwechsel, der in seiner Ablehnung der Alleingültigkeit euro-zentrischer Positionen eine Grundlage für die postkolonialen Denkmodelle der Gegenwart bildet.


Feministische Kritik


Heidrun Zettelbauer (Zeitgeschichte) bot einen Überblick über Aspekte postkolonialer feministischer Kritik und erläuterte anschließend die Übertragbarkeit bzw. Anwendbarkeit dieser theoretischen Ansätze auf ihr eigenes Forschungsprojekt, das sich mit der Funktionalisierung von Frauen im deutschnationalen Diskurs der Moderne auseinandersetzt. Ihrer Ansicht nach haben sich die theoretischen Grundlagen hinsichtlich des Zusammenwirkens der Kategorien Geschlecht und Nation überhaupt erst aus dem Theoriefeld der feministischen Postcolonial Studies entwickelt. Die Anknüpfungspunkte liegen in Fragestellungen wie z. B.: Wer spricht für wen in nationalen Bewegungen? Wer ist sichtbar und hörbar in nationalen Diskursen? Zettelbauer bezog sich in ihren Ausführungen v. a. auf zwei Theoretikerinnen, Gayatri Chakravorty Spivak und Chandra Talpade Mohanty. Ausgehend von der These postkolonialer Feministinnen, dass männliche Gesinnung in kolonialen und postkolonialen Repräsentationen weiterbesteht und selbst der Widerstand gegen koloniale Regime als männlich-zentriert anzusehen ist, geraten auch postkoloniale Theoretiker wie Fanon, Said oder Bhabha unter Kritik: Denn ihre Theorien lassen sich entweder nicht auf die Situation indigener Frauen anwenden oder negieren sie schlichtweg. Spivak untersucht z. B. in ihren Arbeiten die Repräsentation der "Third-World Women" durch westliche WissenschaftlerInnen. Mohanty sieht einen Teil der Problematik u. a. darin begründet, dass das zentrale forschungsleitende Interesse gerade westlicher Feministinnen immer die Viktimisierung von Frauen durch patriarchale Systeme sei. Dass gerade also die Übertragbarkeit von – auch forschungsspezifischen – "Kulturen" oder kulturellen Elementen ein schwer zu lösendes Problem darstellt, wurde in den folgenden Statements des Arbeitskreises "Kulturtransfer", der ein disziplinübergreifendes Transfermodell entwickeln möchte, deutlich.


Kulturtransfer


Nachdem Helga Mitterbauer (Germanistik) einen kurzen Überblick über den aktuellen Forschungsstand geboten hatte, konzentrierte sich Werner Suppanz auf die Erläuterung des Netzwerk-Gedankens. Besonders betonte er dabei die Unabschließbarkeit der Akte von Kulturtransferprozessen, denen quasi Übersetzungscharakter zukomme. Die Schlüsselwörter "Zirkulation" und "Blockade" erläuterte er in ihrer Funktion, Strukturelemente einer Kultur hinzuzufügen, in Bewegung zu setzen oder eben auszuschließen. Übertragen auf die Situation um 1900 erwähnte er eine institutionell verfestigte Identitäts- bzw. Kulturpolitik, die sich vorwiegend nationaler Kriterien bedient habe.
Katharina Scherke (Soziologie) versuchte, anhand eines horizontal und vertikal angelegten Gruppenmodells Transfervorgänge zu schematisieren. Dabei bezog sie sich in Abgrenzung zu älteren, hierarchisch orientierten Schicht- oder Standesmodellen auf Autoren wie Gerhard Schulze und Thomas Müller-Schneider, die davon ausgehen, dass "Klasse" und "Schicht" immer weniger geeignet sind, die Relationen sozialer Großgruppen in der Gegenwartsgesellschaft zu beschreiben." Weiters entwarf sie unterschiedliche Möglichkeiten intra- bzw. interkulturellen Transfers im Rahmen des vorgestellten Schemas mit dem Hinweis auf die unterschiedlichen Motivationslagen der Beteiligten. Die Relevanz für konkrete Forschungsinteressen könnte sich nach Scherkes Ansicht v. a. in Untersuchungen eines sich im Laufe eines Transferprozesses eröffnenden "Dritten Raumes" ergeben.


Wahrnehmung des "Anderen"


Mit einem Teilaspekt von Kulturtransfer, der Ausdifferenzierung unterschiedlicher Haltungen bei der Rezeption "fremder" Kulturelemente, beschäftigte sich Federico Celestini (Musikwissenschaft) unter Bezugnahme auf Jan und Aleida Assmanns Theorien über das kulturelle Gedächtnis. Da Kulturtransfer prinzipiell auch einen Kontextwechsel des transferierten kulturellen Elements nach sich ziehe, könne in diesem Zusammenhang die Kategorie des Verstehens im Sinne eines hermeneutischen Ansatzes als nicht mehr ausreichend angenommen werden; das Verstehen kann eben aufgrund des veränderten Kontexts nicht mehr "richtig" sein. In der daraus folgenden Hypothese behauptete Celestini daher, dass Kulturtransfer grundsätzlich nur deshalb möglich sei, weil Kulturelementen keine fixe Bedeutung zukomme, sondern sie stets für weitere Interpretationen offen seien. Unter Bezugnahme auf die Assmannsche Theorie von Speicher- und Funktionsgedächtnis und deren Rolle im Rahmen kollektiver Identitätsformationen erörterte Celestini das Problem von Identitätskonstruktion und Infragestellung derselben als alternative Prozesse in "vormodernen" Kulturen im Gegensatz zur Möglichkeit gleichzeitig ablaufender Prozesse in modernen und postmodernen Kulturen innerhalb verschiedener Gruppierungen.


Forschungsprojekte


Zuletzt stellten die MitarbeiterInnen Sigrid Diewald, Bettina Schweighofer (Kunstgeschichte) und Gregor Kokorz (Musikwissenschaft), deren Präsentationen sich dem Thema Kulturtransfer auf empirischer Ebene annäherten, sowie Carlos Watzka (Soziologie) ihre derzeit laufenden Forschungsprojekte vor. Im Projekt Rezeption der internationalen Moderne in Wien um 1900 versuchen Diewald und Schweighofer die Übernahme innovativer künstlerischer Impulse und die Auswirkungen moderner Strömungen auf das Kunstgeschehen im Wien der Jahrhundertwende vor allem dokumentarisch aufzuzeigen. Als Ausgangspunkt der Recherchen wurde die Ausstellungssituation in Wien um 1900 beleuchtet, um festzustellen, welche europäischen Künstler sich an den Wiener Ausstellungen beteiligt haben und welche Werke dem österreichischen Publikum zugänglich waren. Als zeitlicher Rahmen dient die Zeitspanne zwischen der Gründung der Wiener Secession im Jahre 1897 und dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Einen besonders hohen Anteil an internationaler Kunst präsentierten während dieser Zeit die Wiener Secession, die Galerie Miethke und die Künstlervereinigung Hagenbund, die dadurch gleichzeitig auch als besondere Vermittlerinstanzen in Erscheinung traten. Um diese Fülle von Daten effektiv zu erfassen, wurde für die Katalogisierung der "Ausstellungssituation in Wien um 1900" eine elektronische Datenbank entworfen.
Gregor Kokorz widmet sich wissenschaftsgeschichtlichen Aspekten der Musikethnologie. Einen neuen Ansatz bietet ihm dabei die theoretische Anbindung an die Kulturtransferforschung insofern, als er die Beschäftigung von Wissenschaftlern mit "fremden" Kulturen, speziell mit außereuropäischer Musik unter dem Phänomen der Rezeption betrachtet. Kokorz illustrierte z. B. anhand Raphael Georg Kiesewetters, der 1842 erstmals Originalquellen der "Musik der Araber" auswertete, wie eurozentrische Sichtweisen auf "fremde" Kulturen verfälschende Beschreibungsmuster etablieren konnten. Das Phänomen des "Zurechthörens" veranschaulicht dabei den Ordnungszwang, der eher falsche bzw. inadäquate Zuordnungen hervorbrachte, bevor das Fehlen nicht vorhandener Ordnungskriterien zugegeben wurde. Die "Völkerschauen" der Weltausstellungen, die unter veränderten kulturellen Rahmenbedingungen spezifische akustische Rezeptionshaltungen z. B. von "Indianer-Musik" (Carl Stumpf) evozierten, dienten nach Kokorz u. a. der kulturellen Selbstvergewisserung. Apodiktische Setzungen wie "ohne Tonalität keine Musik" intendierten den wissenschaftlichen Nachweis naturgegebener, unumstößlicher Systeme.
Abschließend präsentierte Carlos Watzka sein Projekt Form und Inhalt in den Kultur- und Kunstwissenschaften um 1900, innerhalb dessen drei ausgewählte Disziplinen einer wissenschaftsgeschichtlichen Analyse unterzogen werden: Kunstgeschichte, Soziologie und Psychiatrie. Watzka stellte zunächst eine einheitliche übergreifende Fragestellung heraus, nämlich jene nach der Wechselbeziehung zwischen dem Analyseinstrumentarium der "Form-Inhalt"-Differenzierung einerseits und der "historisierenden" Auffassung konstitutiver Elemente des Menschseins, der Beobachtung von Wandelbarkeit auch von Wahrnehmungsweisen, Denkstrukturen und Sozialisationssystemen andererseits. In der Folge verwies Watzka für den Bereich der Soziologie besonders auf Simmel als für jene Fragestellung besonders ergiebigen "Formalsoziologen"; für die Kunstgeschichte wurden drei Hauptvertreter der Wiener Schule – Dvorák, Wickhoff und Riegl – als zentrales Arbeitsfeld genannt. Hierbei wurde anhand einiger Zitate aus Riegls Spätrömischer Kunstindustrie dessen Begriff von "Form" und "Inhalt", ihre Differenzierung und Gewichtung näher erörtert. Hinsichtlich der Psychiatrie bezog sich Watzka u. a. auf Freuds formale, zugleich gewissermaßen "historisierende" Strukturierung der Psyche. Als ein Beispiel deutlichen Zusammenwirkens und Ineinandergreifens sozialer, kunsttheoretischer und medizinischer Konzepte in der Moderne demonstrierte Watzka historische Baupläne von Irrenanstalten und die ihnen zugrunde liegenden Strukturen und Intentionen. Die Thematik des Workshops war sehr stark auf Theorie abgestellt. Nun kommt es darauf an, wie vor allem die Diskussionen gezeigt haben, deren Anwendbarkeit in der Forschungspraxis zu Fragen der zentraleuropäischen Moderne zu erproben.

Von Petra Ernst

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