Symposien – Vorschau


Vielfachbezüge des kulturellen Gedächtnisses
3. Internationale Konferenz der Kommission für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 8.-10. November 2001, Theatersaal der ÖAW, Sonnenfelsgasse 19/1, A-1010 Wien


Die Kommission für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der Österreichischen Akademie der Wissenschaften veranstaltet im Rahmen ihres Forschungsschwerpunktes Orte des Gedächtnisses im kommenden November ihre dritte internationale Konferenz, die diesmal der Ambivalenz des kulturellen Erbes, also der Mehrfachkodierung von Symbolen als Medien der Stiftung von kollektiven Identitäten gewidmet ist. Geplantes Programm: Führung durch das neue Jüdische Museum am Wiener Judenplatz, Lesung Dzevad Karahasan (Graz/Sarajevo), Vorträge von Friedrich Achleitner (Wien), Urs Altermatt (Fribourg), Michael Böhler (Zürich), Bernhard Giesen (Konstanz), Eva Grabherr (Wien), Lydia Haustein (Karlsruhe), Benjamin Marius (Zürich), Christine Schwab (Wien), Katharina Wegan (Wien/Paris), Horst Wenzel (Berlin), Bernd Weiler (Graz) und Ruth Wodak (Wien). Im Rahmen der Tagung wird auch der dritte Band der Reihe Orte des Gedächtnisses präsentiert.


Frauen und Gewalt
Herbsttagung des Interdisziplinären Zentrums für Frauen- und Geschlechterstudien der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald, 5.-7. Oktober 2001


Unter dem Titel Frauen und Gewalt werden in fünf Panels Themen wie "Gewalt in historischer Perspektive", "Geschlecht und Gewalt in Sprache und Literatur", "sexuelle Gewalt" und "Frauen als politische Akteurinnen" behandelt.


Cultural and Knowledge Transfer Between Austria and Canada 1990–2000
Konferenz des Zentrums für Kanadastudien an der Universität Innsbruck und des Canadian Centre für Austrian and Central European Studies an der University of Alberta (Edmonton), Innsbruck 2.-5. Mai 2002


Abstracts (300-500 Wörter) können bis 15. Oktober 2001 an das Canadian Studies Centre (e-mail: canada.centre@uibk.ac.at) geschickt werden.


Power, Knowledge and Society in the City
Sixth International Conference on Urban History, Edinburgh, 5.-7. September 2002


Vortragsvorschläge sind bis 1. Oktober 2001 einzubringen. Informationen und Call for Papers unter: http://www.esh.ed.ac.uk/urban_history/


Rezensionen


Etienne François, Hagen Schulze (Hg.): Deutsche Erinnerungsorte 1. München: C. H. Beck 2001. 725 S., öS 492.-, DM 68.-, EUR 35.-


Wenn ein wissenschaftliches Werk beim erstmaligen Erscheinen als "historisches Jahrhundertunternehmen" beworben wird, so stellt derart marktschreierisches Gehabe nicht allein aufgrund Erscheinungsjahres eine Hypothek für die Herausgeber dar: Nach dem Vorbild der von Pierre Nora herausgegebenen siebenbändigen Les Lieux de Memoire haben sich Etienne François (Berlin/Paris) und Hagen Schulze (Berlin/London) an das Unternehmen gewagt, in einem auf drei Bände mit ca. 120 Artikeln konzipierten Sammelwerk deutsche "Erinnerungsorte" darzustellen. Der erste Band liegt seit dem Frühjahr 2001 vor, die weiteren sollen noch in diesem Herbst folgen. Unter "Erinnerungsorten" werden dabei materielle und immaterielle Symbole verstanden, an die sich identitätsstiftende kollektive Erinnerung heftet bzw. geheftet hat. Die Wahl der Themen bietet natürlich prinzipiell Stoff für endlose Diskussionen, allerdings muss angemerkt werden, dass die konkret angebotene Auswahl teilweise tatsächlich nicht nachvollziehbar ist: Ist es wirklich vertretbar, Felix Dahns Kampf um Rom und "Uta von Naumburg" eigene Artikel zu widmen, nicht aber "Adolf Hitler" und "Karl Marx"? Hitler, dieser erratische Block im deutschen kollektiven Gedächtnis, lässt sich auch durch ein Netz von Bezügen in anderen Artikeln nicht derart wohlfeil entsorgen. Bei einigen Artikeln, wie z. B. jenem über das "Völkerkundemuseum", bleibt der Bezug zur übergeordneten Thematik völlig unerfindlich, auch scheinen manche der Autoren die grundlegende Konzeption des Unternehmens in ihren Beiträgen nicht wirklich berücksichtigt zu haben. Unklar bleibt überdies, ob primär historisch wirksam gewesene "Erinnerungsorte" oder heute wirksame Identifikatoren "deutscher Identität" dargestellt werden sollen. Das grundlegendste Problem des Unternehmens besteht allerdings darin, dass die Herausgeber – ungeachtet des in der Einleitung bekundeten Willens, keine verbindliche "deutsche Erinnerung" konstruieren zu wollen – letztendlich doch zwischen einer deskriptiven und einer normativen Verfahrensweise changieren. Auch wenn eingeräumt werden muss, dass die Herausgeber sich – übrigens im Gegensatz zum französischen Vorbild – darum bemühen, sich durch die Thematisierung der Brüche in der "deutschen Geschichte" (zu der allerdings die österreichische Geschichte ganz selbstverständlich dazugezählt wird) und die Herstellung europäischer Bezüge einer allzu simplen Lesart als neuer Form der Nationalgeschichte zu entziehen, entsteht doch der Eindruck, dass mit diesem Unternehmen so etwas wie eine vielleicht ein wenig beschwerliche, aber eben doch bewohnbare deutsche Erinnerungslandschaft geschaffen werden soll. Der Gesamteindruck bleibt dementsprechend zwiespältig.

Peter Stachel


Vivian Liska: "Die Moderne – ein Weib". Am Beispiel von Romanen Ricarda Huchs und Annette Kolbs. Tübingen-Basel: Francke 2000. 312 S., öS 628.-, DM 86.-, sFr 77.-


Mit zwei literarischen Texten, die bislang in der feministischen Literaturwissenschaft noch kaum Beachtung gefunden hatten, beschäftigt sich Vivian Liska in ihrer jüngsten Studie Die Moderne – ein Weib?, und zwar mit Ricarda Huchs Erinnerungen von Ludolf Ursleu dem Jüngeren (1893) und mit Annette Kolbs Roman Das Exemplar von 1913. Obwohl beide Autorinnen gemeinhin nicht als feministische Vorreiterinnen gelten, da sie keine explizit programmatischen Neudefinitionen des Weiblichen vorgenommen haben, liest Liska diese Romane als "weiblichen Gegendiskurs", der sich gegen das bürgerliche Patriarchat, v. a. gegen Staat, Kirche und Familie richtet. Während Huchs Roman die zentralisierte, repressive Staatsform des "neuen Deutschland" kritisiere, bilde die Fremdheit der Hauptfigur Mariclées das zentrale Thema von Kolbs Roman, in dem gegen Nationalismus und Kriegslust im Europa vor dem Ersten Weltkrieg angeschrieben werde. Beiden Romanen sei auch eine deutliche Kritik an der jeweiligen Orthodoxie sowie an religiösem Dogmatismus inhärent. Die in den Hauptfiguren verkörperte "neue Frau" wende sich von familiären Bindungen ab und bejahe die gesellschaftlichen Umwälzungen ihrer Zeit, handle es sich doch bei beiden Texten um Ehebruchsgeschichten. Männlichkeit und Weiblichkeit werden Liska zufolge als "gesellschaftliche Konstrukte" sichtbar, wodurch nicht länger eine eindeutige Identitätsbestimmung möglich sei, vielmehr seien die weiblichen Hauptfiguren der Romane Ausdruck von "Beweglichkeit, Unbeständigkeit, Verwandlungsfähigkeit". Angeboten werde eine Möglichkeitsvielfalt, die anders als in der Literatur von männlichen Autoren, als "Freiheit zur Selbsterfindung" gelesen werden könne.
Liska argumentiert die kurz referierten Punkte sowohl auf inhaltlicher als auch auf formaler Ebene überzeugend und kommt somit zu teilweise doch recht überraschenden Schlüssen. Lesenswert, und zwar nicht nur für LiteraturwissenschaftlerInnen, ist der Band auch wegen seiner umfangreichen Einleitung, die die aktuellen Strömungen und Tendenzen der feministischen Forschung sehr übersichtlich darstellt und keineswegs die notwendige kritische Distanz missen lässt. Bedauerlich sind redaktionelle Ungenauigkeiten, die den Lektüregenuss an manchen Stellen unnötigerweise trüben.

Helga Mitterbauer


Robert G. Weigel: Zerfall und Aufbruch. Profile der österreichischen Literatur im 20. Jahrhundert. Tübingen-Basel: Francke 2000. (= Edition Patmos. 4). 213 S., öS 423.- , DM 58.-, sFr 55.-


Auf der Grundthese, wonach das 20. Jahrhundert in der österreichischen Literatur unter den Schlagworten von Zerfall und Aufbruch gefasst werden könne, basiert die Aufsatzsammlung von Robert G. Weigel. Sowenig diese Grundthese hier widerlegt werden soll, bildet sie doch einen recht wenig innovativen Ansatz. Weigel fasst unter dem Kapitel Die Ungewissheit der Welt die Analyse von Erzählungen Schnitzlers und Franz Werfels zusammen. In Zweigs Autobiographie Die Welt von Gestern und in Brochs Studie Hofmannsthal und seine Zeit spürt er dem alten Habsburg nach. Wertezerfall, Dichtung und Gesellschaft nach dem Ersten Weltkrieg werden am Beispiel von Hermann Broch, Elias Canetti, György Sebestyén und Joseph Roth abgehandelt. Schließlich bilden Texte von Soma Morgenstern und Sebestyén die Folie für die Untersuchung Jüdischer Erfahrungen im Zwanzigsten Jahrhundert. Während die bisher erwähnten Texte vielfach untersucht worden sind und einem Weigels Argumente manchmal recht bekannt vorkommen, wird im abschließenden Kapitel zur Gegenwartsliteratur mit Karl Lubomirski (neben Matthias Mander) ein bislang von der Literaturwissenschaft noch wenig beachteter Lyriker herangezogen. Doch lässt sich die österreichische Gegenwartsliteratur in Bezug auf Zerfall und Aufbruch wirklich anhand von zwei Texten, die (nebenbei bemerkt: reichlich anachronistisch anmutend) auf die Formel des Universalismus gebracht werden, abhandeln?

Helga Mitterbauer


Wolfgang Maderthaner, Lutz Musner: Die Anarchie der Vorstadt. Das andere Wien um 1900. Frankfurt/Main, New York: Campus ²2000. 238 S., öS 356.-, DM 48,70, sFr 44,50


Die Entdeckung von "Wien um 1900" als Ort der Moderne lässt sich mit der Veröffentlichung von Carl E. Schorskes bahnbrechender Studie über Kultur und Gesellschaft im Fin de siècle datieren (1980, 1982 in deutscher Übersetzung). Seither hat das Wien der Jahrhundertwende verschiedene Lesarten erfahren: Schorske analysiert das künstlerisch-intellektuelle Potential vor dem Hintergrund der politischen Desillusionierung des liberalen Bürgertums, die Vertreter der Postmoderne sehen Wien um 1900 als den Geburtsort einer "reflexiven Moderne", in dem gegenwärtige Befindlichkeiten vielfach vorweggenommen wurden. Für Moritz Csáky bildet die kulturelle Vielstimmigkeit und Hybridität des zentraleuropäischen Raums den Erklärungshintergrund für das kreative Milieu der Jahrhundertwende.
In dieses Palimpsest "Wien um 1900" haben Wolfgang Maderthaner und Lutz Musner mit ihrer Studie Die Anarchie der Vorstadt eine neue Lesart eingeschrieben, die theoretisch-methodische Forschungsansätze der anglo-amerikanischen cultural studies aufgreift. Die Kritik an der Ausblendung der Vorstadt und der zunehmenden Reduktion von Wien um 1900 auf ein "Schatzkästchen hochkultureller Pretiosen" (S. 9), aber auch die Festschreibung der Vorstadt als Ort großstädtischen Elends ist Ausgangspunkt für die Entwicklung eines differenzierten Moderne-Begriffs ebenso wie eine Neukonzeptualisierung der Vorstadt: Im Spannungsverhältnis von diskursivem und sozialem Raum erscheint die suburbane Topographie als Projektionsfläche für bürgerliche Ängste und Obsessionen und zugleich als Handlungs- und Erfahrungsraum von modernisierten Lebenswelten jenseits der Ringstraße. In der popularen Kultur und den Massenvergnügungen, in der Strukturierung des öffentlichen Raums, in Prozessen der Verschriftlichung, die auch die vorstädtische Lebenswelt durchdringen, disziplinieren und kolonisieren, wird die Vielschichtigkeit von Modernisierungserfahrungen offenkundig. Nicht nur Deprivation, sondern auch Rebellion, Anarchie und Vergnügen charakterisieren das Handlungsfeld Vorstadt – von der spontanen Zerstörungswut in der "Hungerrevolte" 1911, die den Ordnungskräften der Sozialdemokratie entglitten war, bis zum "antikapitalistischen" Heros, dem Gentleman-Einbrecher und Sozialrebellen Johann Breitwieser, der in Robin-Hood-Manier die Erträge seiner Raubzüge unter den Armen verteilt; einen spezifisch suburbanen Habitus entwickeln die Jugendbanden auf der Schmelz und anderen "Gstetten" Wiens.
In dieser Neukonzeptualisierung des "anderen Wien" der Vorstädte verbindet sich das Interesse der cultural studies an einer "subversiven" Kultur des Popularen mit poststrukturalistischen Analysen der Identitätskonstruktion des bürgerlichen Wien, das sich gerade durch die Vorstadt als das Territorium des "Dunklen, Gefährlichen, Amorphen" definiert. Als "imaginäres" Anderes der städtischen Ordnung wird die Vorstadt zum Ort der Grenzziehung und damit der Selbstdefinition des urbanen Zentrums – Vorstädte sind nicht als das Andere oder Abwesende, sondern als "ein Inneres der Moderne" zu verstehen.
Die Anarchie der Vorstadt verweigert – trotz ihres Titels – eine eindeutige Festschreibung dieses "anderen Wien", vielmehr werden Einblicke in die Vielschichtigkeit und Widersprüchlichkeit von Erfahrungen im Raum der modernen Großstadt eröffnet, die zugleich neue Perspektiven auf gegenwärtige Spannungsfelder eröffnen. Aktuelle Imaginationen von "Ordnung" und "Überfremdung" verweisen auf die Wiederkehr des "marginalisierten Anderen" in den populistischen Dimensionen der politischen Kultur.

Heidemarie Uhl


Büchervorschau – Neuerscheinungen aus dem SFB


Alice Bolterauer, Elfriede Wiltschnigg (Hg.): Kunstgrenzen. Funktionsräume der Ästhetik in Moderne und Postmoderne. Wien: Passagen 2001 (= Studien zur Moderne 16).


Die Frage nach der Spezifik von Kunst sowie die Frage, inwieweit Kunst als spezifische Wahrnehmungs- und Kommunikationsform Gegenstand der Ästhetik sein kann, hat in der postmodernen Ästhetik-Diskussion zunehmend an Bedeutung gewonnen. Der Debatte um die Sinnhaftigkeit oder Sinnlosigkeit von "Kunstgrenzen" korreliert die Frage, ob Ästhetik allein als philosophische und kunstphilosophische Disziplin aufzufassen sei oder als ein Faktor von universeller Gegenwartskompetenz gelten könne.
Der Sammelband Kunstgrenzen. Funktionsräume der Ästhetik in Moderne und Postmoderne unternimmt den Versuch, anhand von Einzelanalysen aus der Philosophie, Germanistik, Theologie, Musikwissenschaft, Kunstgeschichte, Architektur und Soziologie die Spielräume der aktuellen Ästhetik-Diskussion auszuloten, wobei die Auseinandersetzung mit dem Exotisch-Fremden ein markantes Fallbeispiel bildet. Am Tattoo als ästhetischem Grenzphänomen überlagern sich philosophische Fragestellungen mit solchen der Mode, der Lebenswelt und der Identitätsstiftung.


Elfriede Wiltschnigg: "Das Rätsel Weib". Das Bild der Frau in Wien um 1900. Berlin: Reimer 2001.


Der Blick des Mannes auf die Frau, manifest geworden in den unzähligen Kunstwerken, die seit den frühesten Tagen der Menschheit bis in unsere Gegenwart geschaffen wurden, ist Ausgangspunkt und zugleich wichtigster Leitfaden der vorliegenden Untersuchung über das Bild der Frau in Wien um 1900.
Die Bilder der Frau und ihres Körpers, dargestellt und lesbar als das Andere, das Fremde und das Unheimliche, geben in ihren mannigfaltigen Formen Zeugnis von den Bemühungen, sich dieser ,Bedrohungen' durch das Objektivieren und Bannen in Bilder zu erwehren. Über die fiktive Weiblichkeit, die der Frau zugeschrieben wird, hinaus lassen diese Bilder jedoch auch noch Raum für das verdrängte Andere des Mannes, seine "Anima", die auf die Frau projiziert wird.
Dem Blick des Mannes auf die Frau wird jedoch nicht nur anhand von Werken der bildenden Kunst gefolgt – mittels exemplarischer Auszüge aus Werken der Literatur, Philosophie, Medizin und Musik wird vielmehr ein Konnex hergestellt, der einerseits auf die Dominanz männlicher Bild-Produktion verweist, andererseits darüber hinaus die Auswirkungen dieser Realität vor Augen führen will.


Johannes Feichtinger, Peter Stachel (Hg.): Das Gewebe der Kultur. Kulturwissenschaftliche Analysen zur Geschichte und Identität Österreichs in der Moderne. Moritz Csáky zum 65. Geburtstag gewidmet. Innsbruck: Studienverlag 2001.


Wie nähert man sich der Frage nach einer österreichischen Geschichte und einer österreichischen Identität? Die Zugänge einer am Nationalstaat orientierten Forschung greifen zu kurz, indem sie sich entweder auf eine Geschichte der Republik nach 1918 beschränken oder die Geschichte der Österreichisch-Ungarischen Monarchie, also der gesamten zentraleuropäischen Region, als Vorgeschichte des heutigen Österreich vereinnahmen. Die Autorinnen und Autoren des Bandes – durchwegs jüngere VertreterInnen verschiedener Fachdisziplinen – setzen sich mit diesen Problemen unter Verwendung eines den modernen Kulturwissenschaften entlehnten Instrumentariums auseinander. Dabei werden vor allem Fragen der Stiftung von kollektiven Identitäten und Gedächtnissen, den symbolischen Instrumenten von Machtausübung, der Konstruktion soziokultureller und politischer Wirklichkeiten und Grenzgebieten als Zonen des kulturellen Übergangs und Austauschs problematisiert.


Johannes Feichtinger: Wissenschaft zwischen den Kulturen. Österreichische Hochschullehrer in der Emigration 1933–1945. Frankfurt/Main, New York: Campus 2001 (= Campus Forschung 816).


Nach 1933 verließen zahlreiche Wissenschaftler Österreich. Vielen von ihnen war dort aus sogenannten rassischen oder politischen Gründen eine Universitätslandlaufbahn verwehrt geblieben. Der Band zeigt anhand von Vertretern mehrerer Wissenschaftsdisziplinen und Schulen (aus den Bereichen der Sozial-, Wirtschafts-, Rechts- und Kulturwissenschaften) Möglichkeiten des akademischen Austauschs und Aufstiegs in der Emigration und die Strategie, mit denen sich Wissenschaftler im neuen Umfeld zu behaupten versuchten. Das Augenmerk richtet sich insbesondere auf Akkulturationen, die im Zuge des Wechsels zwischen den Wissenschaftskulturen stattfanden und auf akademische Laufbahnen maßgeblich Einfluss nahmen.


Monika Stromberger: Stadt. Kultur. Wissenschaft. Urbane Kultur, Universität und (geschichts)wissenschaftliche Institutionen in Graz und Ljubljana um 1900. Phil. Diss., Graz 2001.


Die Frage nach der Bedeutung der wissenschaftlichen Institutionen – der Universität und der geschichtsforschenden Vereine – für die beiden Städte wird im Kontext von Modernisierung, Entwicklung eines urbanen Selbstbildes und der Stadt als "Ort der Moderne" beleuchtet. In Graz existiert zumindest in Ansätzen der Versuch, sich neben der Positionierung als "deutsche" Stadt auch als "moderne" Wissenschaftsstadt zu präsentieren. In Ljubljana wird der Konnex zwischen Modernisierung und nationaler Identifikation im Hinblick auf die Bestrebung, die Funktion der Stadt als (politisches) Zentrum der Slowenen zu untermauern, deutlicher. Vor allem der Universitätsdiskurs ist ein zentrales Moment der politischen Debatten bezüglich nationaler Identität und der Selbstdarstellungen beider Städte in Bezug auf die Konstruktion urbaner Identität. In diesem Rahmen positionieren sich auch die geschichtsforschenden Institutionen der jeweiligen Städte und ihre Vertreter, von denen einige exemplarisch zitiert werden. Der Untersuchungszeitraum umfasst in etwa die Jahrzehnte zwischen 1880 und 1914.


Peter Karoshi: Die Erinnerung an das Reich der Habsburger in der Zwischenkriegszeit und dem ständestaatlichen Österreich. Diplomarbeit, Graz 2000.


Ausgehend von den Überlegungen Paul Connertons, der Vorgänge beschreibt, die bei einem abrupten Wechsel des "Systems" (z. B. des politischen Systems) auftreten, wird am Beispiel des Schulwesens versucht, die Ablehnung der Monarchie (und eines monarchischen Systems allgemein) in der Zwischenkriegszeit zu erläutern. Bei einer näheren Betrachtung von "Kultur" in diesem Zeitraum findet man allerdings Quellenmaterial, das in eine durchaus gegensätzliche Richtung weist. Man glaubte gewisse Elemente zu sehen, die den Vielvölkerstaat (mit-)definiert hatten, die auch nach dessen Untergang noch Gültigkeit und Berechtigung für ein neu zu gestaltendes "Österreich" hätten. Die hier vorgestellten und in Blickrichtung jener konstitutiven Elemente (das so oft imaginierte "österreichische Wesen") untersuchten Historiker, Literaten und Publizisten verstanden Österreich nicht zuletzt dadurch, dass sie dem Vielvölkerstaat und den ihm nachgefolgten politischen Gebäuden Elemente der Transnationalität zusprachen.
Man sah das "österreichische Wesen" als hauptsächlich bestimmt durch die kulturellen, sprachlichen und ethnischen Fremdheiten, die im (sicher nicht immer friedvollen) Zusammenleben mit den anderen Kulturen des Vielvölkerstaats sich wechselseitig beeinflusst hatten und so einen "Staat" entstehen hatten lassen, der eben in Opposition zu einem Nationalstaat, wie ihn das 19. Jahrhundert verstanden wissen wollte, stehen musste.


Ulrich Tragatschnig: Sinn(lichkeit). Allegorizitäten bildender Kunst am Beispiel Wien um 1900. Phil. Diss., Graz 2001.


Die Arbeit untersucht, welche allegorische Signifikationsmuster sich in der bildenden Kunst um 1900 aus dem Zusammenspiel bzw. der Differenz von "Sinn" und "Sinnlichkeit" ergeben. Streng konventionalisierte Sinnpotentiale werden dabei von metaphorischen bzw. indexikalischen Sinnspuren, explizit allegorische von implizit allegorischen Verweisen unterscheidbar.
Hinsichtlich der Funktionszusammenhänge des Allegorischen werden historistische, auf ein "Geschichtliches" zielende Myth(olog)isierungsstrategien jenen gegenüber gestellt, in denen sich die (moderne) Kunst selbst thematisiert.


Volker Munz: Satz und Sinn. Bemerkungen zur Sprachkonzeption Wittgensteins. Phil. Diss., Graz 2001.


Untersuchungen zu Wittgensteins Sprachverständnis bilden die Grundlage der Arbeit. Zur Vermeidung rein konzeptioneller Analysen wurde das Verhältnis von Sprache und Realität in den Vordergrund gestellt. Ausgangspunkt ist zunächst die im Tractatus-Logico-philosophicus entwickelte Idee einer Strukturisomorphie zwischen Satz und Sachverhalt, über die Idee einer phänomenologischen Sprache als Ausdruck unmittelbarer Erfahrungen bis hin zu dem für Wittgensteins Spätphilosophie zentralen Begriff der grammatischen Regel und ihrer sinnvollen Anwendung. In den Untersuchungen der jeweiligen Satzkonzeptionen nimmt dabei insbesondere die Beziehung des Satzes zum Begriff des Sinns eine zentrale Stellung ein.

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