Informationen


Cultural Transfer


Vergangenen Herbst wurde in Wien der Verein Cultural Transfer gegründet, mit dem die Arbeitsgruppe Kulturtransfer innerhalb des SFB Moderne eng zusammenarbeitet. Der Verein hat sich die Erfassung und Dokumentation der Forschung über wechselseitige kulturelle Austauschprozesse unter österreichischer Beteiligung seit Mitte des 19. Jahrhunderts zum Ziel gesetzt. Mittelfristig sollen diese Forschungsergebnisse gesammelt und in einem öffentlich zugänglichen Dokumentations- und Informationszentrum erschlossen werden. Geplant ist ferner die Initiierung und im Bedarfsfall auch methodische Betreuung einschlägiger Forschungsarbeiten. Ende November 2001 wird ein erster Workshop mit internationaler Beteiligung abgehalten, bei dem theoretische und methodologische Fragen zum Thema Kulturtransfer erörtert werden. Weitere Informationen bietet die Web-Seite: www.mhsw.ac.at/img/html/akt-culturaltransfer.htm


Symposien – retrospektiv


Erinnerungsräume & Gedächtnisorte
2. Internationaler Kongress des Forschungsprogramms Orte des Gedächtnisses, Österreichische Akademie der Wissenschaften, Wien 9.-11. November 2000


Zeitgleich mit der Veröffentlichung der aus dem Kongress des Jahres 1999 hervorgegangenen beiden ersten Bände der Reihe Passagen Orte des Gedächtnisses (Speicher des Gedächtnisses, 2 Bde.) fand der 2. Internationale Kongress des an der Kommission für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der ÖAW angesiedelten Forschungsprogramms Orte des Gedächtnisses statt. Er war dem Thema Erinnerungsorte & Gedächtnisräume gewidmet. Eingeleitet wurde die Tagung mit zwei Vorträgen von Andre Gingrich (Wien) und Florin Zigrai (Bratislava) zum Thema Raummetaphorik aus ethnologischer bzw. infrastruktureller Sicht. Die Problematik der sozialen Konstruktion von Räumen wurde durch Impulsreferate von Stephan Eglau (Graz) über Musik, Gabriele Jutz (Wien) über Film und Lydia Haustein (Karlsruhe) zum Thema Cyberspace ergänzt und erweitert. Einen eigenen Schwerpunkt bildete die Mehrfachkodierung von Räumen und Orten in Zentraleuropa: Jacques Le Rider (Paris) referierte über Zentraleuropa als imaginären Gedächtnisort, Impulsreferate von Andrei Corbea-Hoisie (Iasi/Paris), Pieter M. Judson (Swarthmore), Wolfgang Kos (Wien) und Alfred Pfabigan (Wien) setzten sich mit dem Mikrokosmos Czernowitz, der Sprachgrenze, der Sommerfrische und der "Heimat" auseinander. Zu Fragen der neuen Raumordnung und der Musealisierung sprachen Ákos Moravánszky (Zürich) über die Wiener Ringstraße, Gottfried Fliedl (Wien) über den neuen Louvre und Manfred Omahna (Graz) über globalisierte Stadträume. Den Abschluss bildete eine Führung von Werner Telesko (Wien) und Moritz Csáky (Wien/Graz) durch den Gedächtnisort altes Universitätsviertel in Wien. Die Beiträge der Tagung werden – ergänzt durch weitere einschlägige Texte – im Herbst dieses Jahres als Band 3 der Reihe Orte des Gedächtnisses erscheinen. Der 3. Internationale Kongress des Forschungsprogramms wird sich mit der Ambivalenz des kulturellen Erbes beschäftigen und vom 9.-11.11.2001 in Wien stattfinden.

Peter Stachel


Totem und Tattoo. Moderne Ästhetik – Ästhetische Postmoderne?
Symposion des SFB Moderne, Graz, 19.-21. Oktober 2000


Dass über Kunst – Kunst im "emphatischen Sinn sogar" – wieder gestritten werde, stellte Diedrich Diederichsen an den Beginn seines Vortrags über "Visual Culture" bei dem jüngsten SFB-Symposion Totem und Tattoo in Graz. Die Frage um Kunst und Nichtkunst und ihre provokativen Momente führte auch beim Besuch der Ausstellung von Adi Rosenblum und Markus Muntean, die in ihren Installationen unter Verwendung unterschiedlichster Medien und unter Zitierung traditioneller Muster Bedeutungszugänge zur Jugendkultur der Jetztzeit eröffnen (wollen), zu lebhaften Diskussionen.
Das dreitägige Symposion umfasste philosophische und kunsttheoretische Vorträge sowie konkrete Einzelanalysen. Reinold Schmücker etwa sprach über die im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts erfolgten Bemühungen um eine "allgemeine Kunstwissenschaft" und für eine Revitalisierung dieser z. T. sehr produktiven Ansätze, Sonja Kolberg über Walter Paters Konzeption eines "ästhetischen Lebens". Interdiskursiver Schnittpunkt war die Frage nach den Grenzen der Kunst – dies exemplarisch behandelt am Schreiben von Frauen (Bettina Fraisl) sowie an der Auseinandersetzung mit Tattoos (Wolfgang Fritscher). Dass Exotismen ebenso der künstlerischen Innovation (Götz Pochat) wie als Medien der Selbstreflexion fungieren können, machte eine vergleichende Beobachtung der Jahrhundertwenden 1900 und 2000 deutlich. Dass der Themenkomplex Kunst, Ästhetik und Kunsttheorie auf breites Interesse stößt, bewies die erfreulich große Anzahl von Zuhörern. Erstmalig berichtete auch Ö1 über ein Symposion des SFB in der Sendung Salzburger Nachtstudio. Die Ö1-Redakteurin Elisabeth Nöstlinger gestaltete aus Interviews und Referatsbeiträgen einen einstündigen Bericht mit dem Titel Totem und Tattoo (zu bestellen über das Ö1-Hörerservice). Ein Sammelband mit den Beiträgen zum Symposium wird 2002 erscheinen.

Alice Bolterauer und Elfriede Wiltschnigg


Rezensionen


Johannes Rohbeck: Technik – Kultur – Geschichte. Eine Rehabilitierung der Geschichtsphilosophie. Frankfurt/Main: Suhrkamp 2000 (= stw 1462). 283 S., öS 182,-, DM 24,90


Spätestens seit die Postmoderne mit der "großen Erzählung" abgerechnet hat, scheint die Geschichtsphilosophie endgültig obsolet geworden zu sein. Trotzdem wagt Rohbeck den "unzeitgemäßen Versuch", materiale Aspekte der Geschichtsphilosophie mit Hilfe technikphilosophischer Argumente zu rehabilitieren. Im Gegensatz zu Vorstellungen der Postmoderne, einer Posthistoire oder einer Zweiten Moderne erkennt er in den gegenwärtigen Umbrüchen eine "Kontinuität typisch moderner Entwicklungstendenzen" und vertritt die Position einer "Radikalisierung der Moderne".
Rohbeck, Professor für Philosophie an der Technischen Universität Dresden, versucht in diesem Buch zwei Schwerpunkte seiner Arbeit, die Beschäftigung mit der Geschichtsphilosophie der Aufklärung und seine Studien zur Technikphilosophie, miteinander zu verbinden und auf der Basis technikphilosophischer Elemente den geschichtsphilosophischen Diskurs der letzten drei Jahrzehnte neu zu formulieren.
Um die Denkmotive einer (seiner Meinung nach voreilig verabschiedeten) Geschichtsphilosophie zu rekonstruieren, knüpft der Autor am Geschichtsdenken der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts an und unternimmt es, angesichts einer Reihe historischer Parallelen zur Gegenwart, die aufklärerische Geschichtsphilosophie in Hinblick auf die Problemlagen der Gegenwart fort- und umzuschreiben. In Anschluss daran versucht er, die Ergebnisse der neueren Technikphilosophie, die Ansätze zu einer Kulturtheorie der Technik enthalten, für die Geschichtsphilosophie nutzbar zu machen.
Rohbeck, der das Thema Technik und Geschichte "jenseits von Technikeuphorie und Entfremdungsangst" behandelt, setzt sich zum Ziel, mit seinem "kritischen Rettungsversuch" einer "methodisch reflektierten und materialen Geschichtsphilosophie" die "Idee der Emanzipation" wach zu halten, zu dessen Realisierung seiner Meinung nach "die moderne Zivilisation nicht weniger und nicht mehr als die Bedingungen sich erweiternder und verändernder Handlungsmöglichkeiten" bietet.
Die Bedeutung des Buches liegt meiner Meinung nach vor allem darin, dass der Autor nicht nur die Technik in das Denken über Geschichte einbezieht, sondern insbesondere auch nach den kulturellen und normativen Dimensionen ("kulturellen Überschüssen") technischen Handelns fragt, das "neue Horizonte für Raum- und Zeiterfahrungen, für die Welt- und Selbsterkenntnis sowie für die Ziel- und Wertvorstellungen der Menschen" eröffnet. Sehr oft bleibt ja der Prozess der technischen Zivilisation, der das Bewusstsein einer "historischen Zeit" der Moderne strukturiert, aus dem kultur- und geschichtstheoretischen Diskurs ausgeschlossen.

Peter Wilding


Thomas Rohkrämer: Eine andere Moderne? Zivilisationskritik, Natur und Technik in Deutschland 1880-1933. Paderborn, München, Wien, Zürich: Schöningh 1999. 404 S., öS 759.-, DM 104.-


Der Historiker Thomas Rohkrämer widmet sich in seiner 1998 von der Universität Bern als Habilitation anerkannten Studie den kritischen soziokulturellen und intellektuellen Reaktionen auf die Technisierung der Lebenswelt. Im Mittelpunkt seiner Arbeit stehen Vereinigungen (z. B. die Wandervogel-, die Heimatschutz- und die Lebensreformbewegung) und Autoren (Rathenau, Klages, Jünger, Sombart, Spengler, Moeller van den Bruck, Schmitt, Freyer), die häufig – mit Ausnahme Rathenaus – als antimodernistisch bewertet werden. Rohkrämer plädiert dafür, diese Tendenzen nicht kurzschlüssig als reaktionär abzutun, sondern sie gegenüber dem vorherrschenden Fortschrittsparadigma als Gegenentwurf einer "anderen Modernisierung" zu analysieren. Ihre teilweise Nähe zur Ideologie des Nationalsozialismus wird vom Autor auch unmissverständlich angesprochen. Unter diesem Gesichtspunkt wäre es vielleicht ergiebiger gewesen, den Untersuchungszeitraum nicht mit dem Jahr 1933 enden zu lassen.
Die Arbeit bietet eine recht ausführliche Darstellung des Verhältnisses der deutschen bürgerlichen Kultur zu Technik und Mechanisierung, geht auf romantisch-zivilisationskritische Vereinigungen innerhalb des bürgerlichen Gesellschaftssegments in Deutschland ein und diskutiert im dritten Teil die Positionen "zivilisationskritischer" Autoren (Ernst Jünger) aus der Zeit der Weimarer Republik. Die Darlegungen sind im allgemeinen plausibel, wenngleich an einigen Stellen eine inhaltliche Straffung nicht geschadet hätte.
Als grundlegender Mangel des Werks ist jedoch die sozial und national verengte Perspektive der Fragestellung hervorzuheben: So würde die stärkere Berücksichtigung sozialdemokratischer Positionen der Darstellung mehr Plastizität verleihen. Besonders wäre aber eine Berücksichtigung des internationalen Vergleichs geboten. Es wäre gerade unter dem Gesichtspunkt der partiellen Übereinstimmung mit der Ideologie des Nationalsozialismus von Interesse, inwieweit es sich bei den geschilderten Tendenzen um allgemeine Begleitphänomene der soziokulturellen Modernisierung handelt (wie der Autor nahe zu legen scheint) oder ob sie nicht zumindest teilweise als Bestandteil eines "deutschen Sonderwegs" aufzufassen sein könnten. Überdies vermag die Arbeit den zahlreichen in den letzten Jahren erschienenen Studien mit ähnlicher Thematik weder hinsichtlich des Materials noch der Argumentation wesentlich Neues hinzuzufügen. Rohkrämers Studie bietet für den Einstieg in die Thematik einen recht brauchbaren, wenn auch durch die national verengte Perspektive eingeschränkten Überblick. Der vom Autor einleitend erhobene Anspruch einer wesentlich neuen Argumentation wird jedoch keinesfalls eingelöst.

Peter Stachel


S[hmuel] N[oah] Eisenstadt: Die Vielfalt der Moderne. Übersetzt und bearbeitet von Brigitte Schluchter. Weilerswist: Velbrück Wissenschaft 2000. 245 S., DM 49,-, öS 358,-


Zentrales Anliegen des Soziologen S. N. Eisenstadt in seiner neuesten deutschsprachigen Publikation ist der Nachweis der Existenz einer globalen Moderne, die von einer Vielfalt ihrer Ausprägungen bestimmt ist, wobei "moderne" Grundbedingungen mit jeweils lokalen Gegebenheiten kombiniert werden. Der Autor stellt sich damit in Gegensatz einerseits zu Konvergenztheorien von einem "Ende der Geschichte" in weltweiter Homogenität gemäß den klassischen Modernisierungstheorien und andererseits zu Vorstellungen vom unvermeidlichen Kampf einander ausschließender Kulturen, die den (populären) Diskurs über die gegenwärtige Weltgesellschaft weitgehend bestimmen.
Um diesen Nachweis zu führen, vergleicht Eisenstadt die westeuropäische, die "erste Moderne" mit den Bedingungen und Resultaten ihrer Umbildung in den USA und in Japan sowie mit dem Fundamentalismus als "moderne Bewegung gegen die Moderne". Der Autor will hierbei nicht "Moderne" in all ihren Aspekten abdecken, sondern untersucht konkret die Konstruktion kollektiver Identitäten und die Rolle von Protestbewegungen, von "Heterodoxien". Kennzeichnend für das kulturelle und politische Programm der Moderne sei der Glaube an die Möglichkeit, durch politisches Handeln und kritische Reflexion die Welt und die Gesellschaft bewusst umgestalten zu können. Als Folge dessen seien erstmals Themen der Protestbewegungen wie Gleichheit, Partizipation oder soziale Gerechtigkeit Legitimationsgrundlagen des politischen Zentrums geworden und hätten dadurch ihren heterodoxen Charakter verloren. Dieses Leitthema erfahre allerdings höchst unterschiedliche Ausformungen in den Umbildungen der aus den Großen Revolutionen hervorgegangenen westeuropäischen Moderne. Auch in diesem Buch, das auf Eisenstadts Max-Weber-Vorlesungen 1997 an der Universität Heidelberg beruht, zeigt sich, dass es wohl kaum einen Gesellschaftswissenschaftler der Gegenwart gibt, der einen so dezidiert makrotheoretischen Ansatz vertritt. Auf der Grundlage zentraler Begriff(spaar)e wie "Zentrum/Peripherie", "Orthodoxie/Heterodoxie", "Fundamentalismus", "Protestbewegungen" und nicht zuletzt "Moderne", die seine Arbeiten im letzten Jahrzehnt bestimmen, entwirft er ein gleichermaßen umfassendes wie komplexes Bild der unterschiedlichen politischen Kulturen der Moderne. Kenntnisreich arbeitet der Autor die gemeinsamen "modernen" Prämissen, deren höchst heterogene Akzentuierungen und den Einfluss unterschiedlicher Traditionsbestände in Erscheinungen wie z. B. der westeuropäischen Linken, der japanischen Meiji-Reformbewegung und dem Faschismus heraus. Der stete Bezug auf "vormoderne" Konzeptionen vermittelt in überzeugender Weise das Neue und Spezifische von Staat und politischer Kultur der Moderne.

Werner Suppanz


Feminismen – Bewegungen und Theorie-bildungen weltweit. Freiburger FrauenStudien 5. Jg., 2, 1999. 304 S., DM 19,80


Entgegen der in den letzten Jahr(zehnt)en mancherorts geäußerten Annahme, "der Feminismus" habe sich überlebt, behauptet der jüngste Band der Freiburger FrauenStudien bereits im Titel dessen vielfältige und globale Existenz. Die Verortung von "Feminismen" in konkreten gesellschaftlichen Kontexten, die sich nicht nur an nationalstaatlichen Grenzen orientiert (BRD, DDR, USA, Südafrika, Indien, Mexiko, Iran, Russland), sondern auch (über)regionale politische, religiöse, soziale oder juridische Zusammenhänge in den Vordergrund rückt (z. B. EU-Politik und -Recht, Islam, Black-Power-Bewegung), gründet in der vielfachen Verflechtung der Kategorien Geschlecht, "Rasse", Klasse und Generation. Die einzelnen Beiträge schreiben sich in die seit den 80er Jahren intensiv geführte Debatte um kulturelle Differenzen zwischen Frauenbewegungen ein und setzen diese mit verstärktem Fokus auf die Theoriebildungen fort, um auch mit der Zurückweisung einer feministischen Meta-Theorie einem westlichen Kulturimperialismus entgegenzuwirken. Denn treten feministische Bewegungen einerseits gerade im Rahmen von Modernisierungsprozessen auf, zeichnet sich andererseits vor dem Hintergrund ihrer unterschiedlichen Entwicklungen die problematische Tendenz ab, auch in diesem Kontext westliche Zielvorgaben und Forschungsinteressen als allgemeine zu begründen und die Kehrseite der eigenen Progressivität und "Modernität" nun den "anderen Feminismen" zuzuweisen. – Neben diesbezüglich aufschlussreichen Einzelstudien interessieren vor allem übergreifende Untersuchungen: Beate Rosenzweig etwa analysiert Leistungen und Grenzen des sogenannten gender-mainstreaming, das mit dem Amsterdamer Vertrag (in Kraft seit Mai 1999), der die Gleichstellung von Männern und Frauen als europäische Gemeinschaftsaufgabe erstmals festschreibt, auf EU-Ebene verankert wurde. Die EU-Politik verhindere aufgrund bestehender rechtsverbindlicher Verpflichtungen zumindest einen backlash, so ihr vorsichtiges Resumée. – Für eine Solidarität zwischen Frauenbewegungen verschiedener Kulturen, die sich durch einen beständigen Dialog stets neu konstituiere, plädiert Farideh Akashe-Böhme in ihrem Beitrag, und die Soziologin Gloria Joseph entwirft auf der Basis ihrer Thematisierung der Rolle schwarzer US-amerikanischer Frauen in der Civil-Right- bzw. Black-Power- und der Frauenbewegung die Vision eines "transnationalen Feminismus", welcher der Globalisierung Rechnung trage. – Der methodologisch durchaus uneinheitliche und auch inhaltlich kontroverse Band Feminismen, der vielfältige Anregungen und zahlreiche Anknüpfungspunkte bietet, ging aus der gleichnamigen Vorlesungsreihe der Universität Freiburg im Sommersemester 1999 hervor. – Seit 1997 arbeiten die 1994 gegründeten Freiburger FrauenStudien eng zusammen mit der von der Initiative Freiburger Frauenforschung ins Leben gerufenen universitären Vorlesungsreihe zu feministischen Theoremen, die jedes Semester mit neuem Schwerpunkt – z. B. "Frauen und Körper", "Frauen und Mythos", "Utopie und Gegenwart", "Cross-Dressing und Maskerade" – abgehalten wird. Von der wissenschaftlichen und institutionellen Anerkennung des Projekts zeugt die 1998 erfolgte Verleihung des Frauenförderpreises der Freiburger Universität.

Bettina Fraisl


Johann Holzner, Stefan Simonek und Wolfgang Wiesmüller (Hg.): Russland – Österreich. Literarische und kulturelle Wechselwirkungen. Bern [u. a.]: Peter Lang 2000. (= Wechselwirkungen 1). 320 S., sFr 68,-, öS 567,-


Die Kontakte der österreichischen Literatur zu anderen Literaturen, vorwiegend der europäischen, wollen der Russist Stefan Simonek und der Germanist Leopold Decloedt mit ihrer neuen Reihe Wechselwirkungen unter die Lupe nehmen. Die Gründung einer Buchreihe, die sich der Erforschung kultureller Austauschprozesse im weitesten Sinn verpflichtet fühlt, markiert neben anderen Forschungsvorhaben, zu denen auch der SFB Moderne zu zählen ist, einen Paradigmenwechsel in der geisteswissenschaftlichen Forschung Österreichs; und zwar deutet sie auf eine Abkehr vom nationalphilologischen Diktum und eine verstärkte Hinwendung zu interdisziplinären, kulturwissenschaftlichen Fragestellungen hin.
Der erste Band der Reihe, für den neben Simonek die Innsbrucker Germanisten Johann Holzner und Wolfgang Wiesmüller verantwortlich zeichnen, sammelt die Beiträge eines Symposions, das als Zwischenbilanz einer Partnerschaft zwischen den Universitäten St. Petersburg und Innsbruck zur Erforschung der österreichisch-russischen Literatur- und Kulturbeziehungen gesehen wird. Diese Beziehungen vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart stehen im Zentrum der Beiträge von GermanistInnen, SlawistInnen, KomparatistInnen aus Russland, Ungarn, Deutschland und Österreich. Sie nähern sich von verschiedenen Seiten den wechselseitigen Selbst- und Fremdbildern, wobei besonderes Augenmerk auf die wechselseitigen Stererotypen und Imaginationen gelegt wird. Gennadi E. Kagan stellt in der russischen Reiseliteratur des 18. und 19. Jahrhunderts noch ein "annähernd erkennbares Bild von Österreich" fest, während in der belletristischen Literatur die nationale Identität des Österreichers im Bild des Deutschen aufgegangen sei. Kagan sieht diesen Umstand bereits im alltäglichen Leben vorgeprägt, denn obwohl zahlreiche Österreicher in Russland lebten, seien sie ihrer Sprache wegen undifferenziert als Deutsche gesehen worden. Auf das Phänomen russischer Figuren im österreichischen Volksstück des 18. Jahrhunderts macht Svetlana Vladimirova aufmerksam, während Primus-Heinz Kucher die slawophile Perspektive und Konfiguration der Erzählungen Leopold von Sacher-Masochs analysiert. Weitere Beiträge beschäftigen sich mit den kulturhistorischen Studien von Karl Emil Franzos sowie den Russland-Bildern bei Marie von Ebner-Erschenbach und Ferdinand von Saar. Am Beispiel Peter Altenbergs wird das West-Ost-Gefälle in der Bewertung moderner künstlerischer Strömungen deutlich, musste er doch erst das Russische an Anton P. Èechov tilgen und das Französische an dessen Werk betonen, um ihn als Künstler zu erkennen. Der Mythos Russland faszinierte Hermann Bahr ebenso wie Rainer Maria Rilke, in dessen Gedichten Mária Barota zahlreiche Motive aus der russischen Kultur, etwa die Korrespondenz zwischen den Gedichten des Buches vom mönchischen Leben mit der Ikonenmalerei, nachweist. Literarische Reiseberichte von Joseph Roth, Leo Perutz und Stefan Zweig zeugen von der ausgesprochenen Buntheit und Widersprüchlichkeit des Russlandbilds im deutschsprachigen Raum in den 20er Jahren. Sehr aufschlussreich ist der Beitrag über die österreichische Unterhaltungskultur, in dem Beate Hochholdinger-Reiterer die Selbststilisierung Österreichs als naiven und friedfertigen Mittler zwischen Ost und West ebenso offen legt wie die Verunglimpfung der Bewohner der Sowjetunion als "der Russ", und damit dem Bild eines zunehmend handlungsunfähigen und machtlosen Staates, wie es in den Nachrichtensendungen des ORF der Jahre 1995 und 1996 immer noch gezeichnet wird, den Weg bahnt. Gleichzeitig reduzieren russische Zeitungen Österreich vorwiegend auf seine musikalischen und anderen kulturellen Leistungen. In Summe ist der Band recht informativ und ein wichtiger Beitrag des kulturellen Austausches zwischen Russland und Österreich. Wünschenswert wären neben einem Register Kürzestbiographien der Beiträger.

Helga Mitterbauer


Anton Schwob, Zoltán Szendi (Hg.): Aufbruch in die Moderne. Wechselbeziehungen und Kontroversen in der deutschsprachigen Literatur um die Jahrhundertwende im Donauraum. Symposion Pécs/Fünfkirchen, 1.-5. Oktober 1997. München: Verlag Südostdeutsches Kulturwerk 2000 (= Veröffentlichungen des Südostdeutschen Kulturwerks, Reihe B. 86). 227 S., DM 39,-


"Gemeinsamkeiten und Gegensätzen, Interferenzen und Spannungsverhältnissen" in der ostmitteleuropäischen Literatur um die Jahrhundertwende geht der von den Germanisten Schwob (Graz) und Szendi (Pécs) herausgegebene Band nach. Neben einigen Beiträgen über Hugo von Hofmannsthal – Károly Csúry etwa untersucht, inwieweit der Jugendstil als narratives Konstruktionsprinzip im Märchen der 672. Nacht gegeben ist, Dietmar Goltschnigg berichtet über Hofmannsthals Beitrag an der Münchener Wozzeck-Uraufführung – werden auch weniger bedeutende Autoren behandelt: Mira Miladinovic Zalaznik erörtert am Beispiel des Schriftstellers und Germanisten Edward Samhaber, der zehn Jahre in Ljubljana lebte, sich dort in deutschnationalen Vereinen engagierte, aber auch ein Buch über den "Nationaldichter" der Slowenen, France Prešeren, verfasste, die nationale Ambivalenz um die Jahrhundertwende. Horst Fassel hält der weit verbreiteten These der Phasenverschiebung von West nach Ost entgegen, dass es vor 1918 immer wieder auch Entwicklungsetappen gegeben habe, in denen literarische Phänomene und Initiativen in Südosteuropa zeitgleich mit Deutschland aufgetreten seien. Mehrere Beiträge beschäftigen sich mit dem literarischen Leben, z. B. in Wien und Budapest (Ferenc Szász), oder mit jenen österreichischen Autoren aus Österreich-Ungarn, die zwischen der Jahrhundertwende und dem Ersten Weltkrieg in Berlin lebten. Sehr interessant ist der Artikel über die von Adolf Meschendörfer herausgegebene Zeitschrift Die Karpathen, die in den Jahren 1907 bis 1914 einen nicht unerheblichen Beitrag zur Herausbildung einer südosteuropäischen Identität im Donau-Karpathenraum geleistet hat. Beiträge über das literarische Körperbild des Fremden (Ingrid Spörk), über "Weltverlust und Weltbeseelung als Grunderlebnis in der Lyrik der Jahrhundertwende" (Szendi) und über die Selbst- und Weltinterpretation in Erzähltexten (Magdolna Orosz) runden den Band ab.

Helga Mitterbauer


Klaus Schenk (Hg.): Moderne in der deutschen und der tschechischen Literatur. Tübingen, Basel: Francke 2000. 234 S., DM 48,- , öS 350.-


Mit der Forderung nach einem Überschreiten von nationalphilologischen Grenzen und einer interkulturellen Orientierung der Germanistik reiht sich auch dieser Band in die Gruppe jener Neuerscheinungen ein, die die Moderne um 1900 aus interdisziplinärer Perspektive untersuchen. Diese Erweiterung erscheint Herausgeber Klaus Schenk gerade nach dem Fall des Eisernen Vorhangs unumgänglich, weil dadurch das Bewusstsein einer notwendigen Ergänzung des Bilds von der europäischen Moderne verstärkt worden sei. Eine mehrjährige Zusammenarbeit des Prager Lehrstuhls für Germanistik, Niederlandistik und Nordistik sowie der Fachgruppe Literaturwissenschaft in Konstanz bildet die institutionelle Ausgangsbasis für den vorliegenden Sammelband. Darin finden sich nach einem einleitenden Überblick über einige Datierungsansätze in der Literaturgeschichtsschreibung (Alice Stašková) Beiträge über die Rezeption der "europäischen" Moderne in der tschechischen Avantgarde nach 1910 und deren Weiterentwicklung im tschechischen Poetismus (Jirý Stromšík) sowie zur Frage nach einer "Materialästhetik" in der Fackel (Kurt Krolop). Peter Braun steuert kulturwissenschaftliche Bemerkungen zu Gerhart Hauptmanns Der Narr in Christo Emanuel Quint bei, Gerhart von Graevenitz gewährt Einblick in das Werk des nahezu unbekannten Lyrikers und Ethnologen Franz Baermann Steiner. Das symphonische Grundprinzip in Döblins Berlin Alexanderplatz und dessen Entsprechung in zeitgenössischen Berlinfilmen steht im Zentrum der Ausführungen von Matthias Christen, während Tomáš Glanc auf das musealisierende Schreiben in Nabokovs Stadtführer Berlin aufmerksam macht. Veronika Jirínská erklärt Fritz Mauthners Sprachkritik mit dessen mehrsprachiger Sozialisation in Prag, Klaus Schenk verweist auf interkulturelle Aspekte der dadaistischen Lautdichtung. Die drei abschließenden Beiträge des Bandes behandeln Franz Kafkas Verhältnis zur tschechischen Kultur und zu tschechischen Autoren, z. B. Jiøí Langer, Richard Weiner sowie die Rezeption einer kafkaesken zweckfreien Dingwelt in den Texten von Reinhard Lettau und Gert Hofmann. Sie wollen damit der Einordnung Kafkas in den Kanon der deutschen Moderne, die den tschechischen Kontext in seinem Werk ignoriert, entgegenwirken. Vergeblich sucht man in diesem Band nach einem Register, zudem hätte eine nochmalige redaktionelle Überarbeitung einige Beiträge leichter lesbar gemacht.

Helga Mitterbauer


Irmgard Plattner: Fin de siècle in Tirol. Provinzkultur und Provinzgesellschaft um die Jahrhundertwende. Innsbruck-Wien: Studienverlag 1999, 399 S., DM 54,80, öS 398,-


Die Frage nach den Erscheinungsformen von Modernität außerhalb der Metropolen (insbesondere der "Wiener Moderne") bildet den Ausgangspunkt von Irmgard Plattners Regionalstudie. Das Interesse der Autorin richtet sich dabei nicht auf Ausprägungen der Avantgarde in Tirol (z. B. Ludwig von Fickers Brenner) in einem weitgehend antimodernen Milieu, sondern nach Formen der "Modernisierung" in der "öffentlichen" Alltagskultur: Ausgehend von den sozioökonomischen und politischen Rahmenbedingungen eines "gebremsten Modernisierungsprozesses" stehen Vereine und die öffentliche Festkultur im Zentrum der Analyse, ein weiterer zentraler Abschnitt befasst sich mit den "Höhepunkten kollektiver Erregung".
Die Polarisierung zwischen den politischen Milieus der Liberal-Deutschnationalen, der Katholisch-Konservativen und der Sozialdemokraten wird insbesondere in der Festkultur, etwa anhand der Sonnwendfeier, des Fronleichnamsfestes und des 1. Mai sichtbar. Plattners Studie ist vor allem in jenen Passagen aufschlussreich, in denen die Konkurrenz um die Prägung der regionalen Identität – vornehmlich zwischen den Leitbildern eines "deutschen" oder eines katholisch-patriotischen Volkscharakters – thematisiert wird, die zu Konflikten, aber auch zu ideologischen Konsensfeldern im Sinne harmonisierender "inventions of tradition" führte. Gegenstände der Analyse sind die Krawalle an der Universität Innsbruck um die Einrichtung einer italienischen Rechtsfakultät (1904), die Auseinandersetzung um die antiklerikalen Aussagen eines Innsbrucker Universitätsprofessors (Wahrmund-Affäre) sowie die Inszenierung der Hundertjahrfeier des Freiheitskampfes als "Manifestation der patriotischen Einigkeit zwischen den deutschen und den italienischen Tirolern".
Die Themenfelder geben Einblick in eine regionale Ausprägung jener ideologischen Leitdifferenzen, wie u. a. der zunehmenden Vertiefung nationaler Antagonismen in den gemischtsprachigen Kronländern der Habsburgermonarchie, von denen die politische Kultur der Jahrhundertwende bestimmt wurde. Theoretisch-methodisch und auch hinsichtlich ihrer narrativen Strategien lässt die Arbeit phasenweise eine stringente Argumentation, eine analytische Synthese vermissen, etwa in der detailreichen Geschichte der Vereine, im Hinblick auf zentrale Begrifflichkeiten wäre eine weitergehende Diskussion von Interesse (z. B. Alltagskultur). Andere Aspekte wie die Strategien der Konstruktion von "Heimat" und "Provinz" in Abgrenzung von den Modellen urbaner Modernität könnten Thema einer weiterführenden Analyse sein. Trotz dieser Diskussionspunkte liegt mit Plattners Arbeit eine weitere wichtige Studie zur Ausdifferenzierung der österreichischen Moderne um 1900 vor.

Heidemarie Uhl


Büchervorschau – Neuerscheinungen aus dem SFB


Barbara Boisits, Sonja Rinofner-Kreidl (Hg.): Einheit und Vielheit. Organologische Denkmodelle in der Moderne. Wien: Passagen 2000 (= Studien zur Moderne 11).


Der vorliegende Sammelband diskutiert organologische Denkansätze, die in verschiedenen Bereichen (Biologie, Psychologie, Soziologie, Philosophie, Literatur, Staatslehre und politische Theorie, Ökonomie, Kulturkritik und -geschichtsschreibung, Musikwissenschaft) gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelt wurden, sowie jüngere Konzeptionen. Anhand konkreter Ausgestaltungen organologischen Denkens sollen einseitige programmatische Auffassungen der Moderne in Frage gestellt werden. Insbesondere wird untersucht, ob es in der Absicht einer auf Einheit oder Ganzheit zielenden Betrachtungsweise liegt, soziale, kulturelle oder wissenschaftliche Differenzierungsprozesse rückgängig zu machen. Ist die Zuordnung von Organismusmodellen zu kulturkonservativen oder (politisch) reaktionären Bestrebungen gerechtfertigt? Kann über "Moderne" und "Modernität" überhaupt in der Entgegensetzung progressiver und regressiver Tendenzen gesprochen werden? Die Beiträge des Bandes führen aus verschiedenen thematischen und disziplinären Perspektiven zu einer Beantwortung der Frage hin, ob organologisches Denken als ein Instrument der Gegenmoderne zu verstehen ist oder ob es eine Grundströmung modernen Denkens repräsentiert, der nicht selten die Funktion einer Krisenbewältigungsstrategie zukommt.


Sabine A. Haring, Katharina Scherke (Hg.): Analyse und Kritik der Modernisierung um 1900 und um 2000. Wien: Passagen 2000 (= Studien zur Moderne 12).


Dieser Band beschäftigt sich mit der theoretischen Reflexion des Phänomens "Modernisierung" in den Wissenschaften um 1900 und heute. Ambivalente Deutungen dieses umfassenden Wandels kennzeichneten die wissenschaftliche Beschäftigung mit Modernisierung von Beginn an. Zwar wurde im 19. Jahrhundert die planmäßig beschleunigte Entwicklung von der traditionalen Agrargesellschaft zur hoch entwickelten, demokratisch-pluralistischen Industriegesellschaft vielfach als notwendige Bedingung des menschlichen Aufstiegs gesehen und als solche begrüßt, fallweise sogar euphorisch gefeiert, doch mischten sich bereits um 1900 unter diesen Fortschrittsoptimismus auch kritische Stimmen, die die Modernisierung als eine Krisenerscheinung deuteten und dementsprechend verurteilten. In welcher Weise sich das heutige Krisenempfinden hinsichtlich des Modernisierungsprozesses von den um 1900 geäußerten Kritikpunkten unterscheidet bzw. inwieweit man von einer nahtlosen Fortsetzung der "Modernekritik" um 1900 in der Postmoderne sprechen kann, versucht der vorliegende Band in interdisziplinärer Weise mit Beiträgen aus den Disziplinen Soziologie, Geschichts-, Religions- und Rechtswissenschaft, Volkswirtschaftslehre und aus der Perspektive der Kunstwissenschaften zu beleuchten.


Barbara Boisits, Peter Stachel (Hg.): Das Ende der Eindeutigkeit. Zur Frage des Pluralismus in Moderne und Postmoderne. Wien: Passagen 2000 (= Studien zur Moderne 13).


Akzelerierte Differenzierungsprozesse gelten als kennzeichnende Entwicklungen der Moderne. Im sozialen und politischen Bereich bedeutet dies die Ablösung von zuvor vergleichsweise stabilen Klassen- bzw. Standeszugehörigkeiten durch funktional definierte soziale Zuordnungen. Im künstlerisch-ästhetischen Bereich wird der verbindliche Generationsstil durch eine rasche Abfolge von Stilgenerationen abgelöst; es kommt verstärkt zu Stilvermengungen. Im soziokulturell-politischen Bereich wird das zuvor als verbindlich erachtete Muster der europäisch-amerikanischen Entwicklung als allgemeine Norm zunehmend in Frage gestellt. Das vermeintlich universale und allgemeingültige Ideal abendländischer Rationalität sieht sich mit pluralistischen und/oder relativistischen Rationalitätskonzeptionen konfrontiert. Als gleichsam "dialektische" Mit- und Gegenbewegung sind andererseits kulturelle, politische, ökonomische und ökologische Faktoren gerade in jüngster Zeit verstärkt in den Mittelpunkt des Interesses gerückt, die für die gesamte Menschheit unmittelbar bedeutsam zu werden scheinen (Globalisierung). Während die klassische Moderne noch durch Versuche geprägt ist, diese Entwicklungen mit ganzheitlichen Konzeptionen in den Griff zu bekommen, verkündete die Postmoderne das "Ende der großen Erzählung" (Lyotard). Pluralismus, ein Mit- und Nebeneinander verschiedener "Diskurse", Lebensformen und Weltanschauungen wird nunmehr akzeptiert, vielfach sogar als besonders wertvoll (z. B. im Hinblick auf die Einübung in demokratisches Verhalten) betrachtet.
Die Frage nach der Tragfähigkeit solcher postmoderner Pluralismusmodelle – handelt es sich um neue, auf aktuelle gesellschaftliche Lebensbedingungen in adäquater Weise reagierende theoretische Stellungnahmen oder um eine Kapitulation vor der "neuen Unübersichtlichkeit", um eine Flucht in die Beliebigkeit? – steht im Mittelpunkt dieses Bandes, der Beiträge von internationalen Fachleuten verschiedener Fachdisziplinen zusammenfasst.


Antje Senarclens de Grancy, Heidemarie Uhl (Hg.): Moderne als Konstruktion. Debatten, Diskurse, Positionen um 1900. Wien: Passagen 2001 (= Studien zur Moderne 14).


Die postmoderne Herausforderung hat die Perspektive auf das Projekt der Moderne verändert. Zur Diskussion steht, ob die Suche nach trennscharfen Kategorien, die Abgrenzung von einem "Anderen", von der "Tradition", zu den zentralen Strategien der Selbstdefinition der Moderne zählt. Das Bild der Moderne und ihrer "Gegenwelten", wie es von Verfechtern und Gegnern seit der letzten Jahrhundertwende festgeschrieben wird, erscheint so zunehmend als diskursive und gesellschaftliche Konstruktion.
Ausgangspunkt für die Beiträge dieses Bandes ist ein interdisziplinärer Blick auf ästhetische Phänomene der Moderne im zeitgenössischen Kontext, wobei der Fokus auf Wien und Zentraleuropa um 1900 liegt. Mit der Rekonstruktion der (Selbst-) Deutung von Moderne werden Widersprüche und Mehrdeutigkeiten, aber auch die normativen Dimensionen des jeweiligen Moderneverständnisses sichtbar.


Antje Senarclens de Grancy: "Moderner Stil" und "Heimisches Bauen". Architekturreform in Graz um 1900. Wien: Böhlau 2001 (= Kulturstudien. Sonderband 25).


Auf der Suche nach Alternativen zum "Wahnsinnsgebäude" (Otto Wagner) des Historismus orientierte sich die Architektur in Graz um 1900 zum einen an der Wiener Moderne, im Speziellen dem Kreis um Otto Wagner, zum anderen an den Vorstellungen eines "bodenständigen", "heimischen" Bauens, wie sie von Theodor Fischer und Paul Schultze-Naumburg vertreten wurden.
Im Zentrum steht hier die Frage nach der Umsetzung der unterschiedlichen Erneuerungsbestrebungen der Architektur der Jahrhundertwende im kulturellen Kräftefeld einer zentraleuropäischen Stadt "zweiter Ordnung": Auf welche Weise konnten sich bestimmte Reformkonzepte gegenüber anderen durchsetzen? Welche gesellschaftlichen Leitbilder und Rahmenbedingungen steuerten die Rezeptionsprozesse? Lassen sich überhaupt trennscharfe Linien zwischen den verschiedenen Positionen der Architekten und Vereine, der Kulturpolitik und Architekturpublizistik ziehen? Und wie wirkten sich die vielfältigen Auseinandersetzungen konkret auf Bauten und Projekte aus?
Ausgangspunkt sind dabei nicht die späteren normativen Vorstellungen von "Moderne" und "Antimoderne", sondern die zeitgenössischen Diskurse, Bedeutungszuschreibungen und Kodierungen am Beginn des 20. Jahrhunderts. Ein interdisziplinär verstandener kulturwissenschaftlicher Ansatz, der auf "Rekontextualisierung" und Rekonstruktion von Mehrdeutigkeit angelegt ist, eröffnet neue Sichtweisen auf die Vielfalt der Architektur der frühen Moderne.

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