Symposien – retrospektiv


Speicher des Gedächtnisses.
1. Internationaler Kongreß des Forschungsprogramms "Orte des Gedächtnisses", Österreichische Akademie der Wissenschaften, Wien, 5.-6.11.1999


Die Erforschung der Zusammenhänge von kulturellem Gedächtnis und der Konstruktion kollektiver Identitäten bildet seit einiger Zeit international einen zentralen Interessensschwerpunkt kulturwissenschaftlicher Forschung. Die Österreichische Akademie der Wissenschaften hat mit der Umorganisation der einstigen Theatergeschichtlichen zu einer Kulturwissenschaftlichen Kommission und dem dort angesiedelten neuen Forschungsprogramm "Orte des Gedächtnisses" auf diesen internationalen Trend reagiert, wobei sich jedoch der österreichische Forschungsansatz von den vergleichbaren Projekten in Frankreich und Italien dadurch unterscheidet, daß hier ausdrücklich nicht eine neue Form nationaler Geschichtsschreibung, sondern ein gesamteuropäischer Blickpunkt – mit einem Schwerpunkt auf Zentraleuropa – angestrebt wird. Eine Verbindung zum Spezialforschungsbereich Moderne der Grazer Universität ergibt sich dabei nicht nur auf inhaltlicher, regionaler und methodischer, sondern auch auf personeller Ebene: Leiter des Projektes ist Moritz Csáky, zugleich Sprecher des SFB, sein Mitarbeiter Peter Stachel ist gleichfalls an beiden Forschungsprojekten beteiligt. Die Tagung im vergangenen November versteht sich als erster Schritt eines auf mehrere Jahre angelegten Forschungsprogramms, weitere Kongresse sollen jährlich (jeweils im November) folgen, zudem werden die Mitglieder des beratenden internationalen Expertengremiums [A. Assmann (Konstanz), M. Böhler (Zürich), A. Corbea-Hoisie (Iasi), E. Fischer-Lichte (Berlin), D. Frisby (Glasgow), R. Jaworski (Kiel), J. LeRider (Paris), W. Lipp (Würzburg), J. Stritecky (Brno)] in unregelmäßiger Folge kleinere Workshops zu Teilaspekten der übergeordneten Thematik organisieren. Die Ergebnisse der Tagungen werden, ergänzt durch zusätzliche schriftliche Beiträge, in einer eigenen Reihe des Wiener Passagen-Verlages der Öffentlichkeit vorgelegt.
Die erste Tagung beschäftigte sich mit den Speichern des Gedächtnisses, also mit Museen und Archiven, aber auch mit der Konstituierung von Gedächtnisinhalten in Schrift, Bildern, Monumenten und den neuen elektronischen Medien. Im Hauptvortrag zur Thematik Absage an / Wiederherstellung von Vergangenheit bot der Freiburger Historiker Ernst Schulin einen historischen Überblick über die Entwicklung der Idee des Museums von der Französischen Revolution bis zur Gegenwart, wobei er sein Hauptaugenmerk auf das Spannungsverhältnis zwischen bewußtem Bruch mit der Vergangenheit einerseits und restaurativer Rekonstruktion andererseits legte. Vertieft wurde diese Thematik durch Vorträge des Tübinger Kulturanthropologen Gottfried Korff, der sich mit dem Verhältnis von musealer Deponierung und Inszenierung auseinandersetzte sowie durch das Referat von Konrad Köstlin (Wien) über die Formen regionaler Erinnerungspolitik in den sogenannten "Heimatmuseen". Manfried Rauchensteiner, der Leiter des Wiener Heeresgeschichtlichen Museums, ging in seiner Präsentation auf die aktuelle Debatte um ein österreichisches "Haus der Geschichte" ein, und Leopold Auer (Österreichisches Staatsarchiv) sprach die Rolle der Archive bei Verlust und Rekonstruktion von Vergangenheit an. Im Hauptvortrag des zweiten Panels Kompensation von Geschichtsverlust beschäftigte sich Jan Assmann (Heidelberg) unter dem Titel Vom kommunikativen zum kulturellen Gedächtnis mit Körper und Schrift als Gedächtnisspeichern, die beiden österreichischen Kunsthistoriker Beatrix Kriller und Werner Telesko reflektierten anhand der künstlerischen Ausgestaltung des Wiener Kunsthistorischen Museums bzw. der österreichischen Historienmalerei des 19. Jahrhunderts die Funktion bildlicher Gedächtnisspeicher. Aleida Assmann (Konstanz) eröffnete den dritten Tagungsschwerpunkt Die Erfindung des Ursprungs mit einem Vortrag über Kanon, Museum und Denkmal als Medien des kulturellen Gedächtnisses, Andreas Fingernagel, Hans Petschar (beide Österreichische Nationalbibliothek) und Leopold Kammerhofer (Haus-, Hof- und Staatsarchiv Wien) lieferten dazu konkrete historische Fallbeispiele zur Entstehung des Wiener Staatsarchivs und der Nationalbibliothek sowie zur Geschichte von Ordnungssystemen (Kataloge). Der vierte Themenschwerpunkt Systematisierung der Zeit wurde durch einen Vortrag von Klaus E. Müller (Frankfurt/Main) eingeleitet, der aus der Perspektive der vergleichenden Ethnologie die Genese und Funktion unterschiedlicher Zeitvorstellungen erläuterte, Gotthart Wunberg (Wien / Tübingen) referierte über Tagebücher und Memoiren als Orte individueller, dabei jedoch kulturell bedingter, Konstruktion von Gedächtnis und Identität. Lydia Haustein (Göttingen) beschäftigte sich in ihrer Präsentation mit dem "chimärenhaften Wesen der Zeit" in den virtuellen Welten der neuen elektronischen Medien.
Den Abschluß der Tagung bildete eine Exkursion in das Chorherrenstift Klosterneuburg bei Wien, das von Floridus Röhrig als ein beispielhafter Gedächtnisspeicher vorgestellt wurde; zudem bot sich dabei die Gelegenheit zu einer eingehenden Besichtigung des aus dem 12. Jahrhundert stammenden Verduner Altars, einer – wie Hermann Fillitz (Wien) erläuterte – exemplarischen Verkörperung der mittelalterlich-christlichen Vorstellung von Zeit als von typologischen Verweisen und "Erfüllung" geprägter "Heilsgeschichte". Der Forschungskongreß 2000 – als Termin ist der 10.-11. November ins Auge gefaßt – wird dem Thema Gedächtnisorte/Gedächtnisräume gewidmet sein.

Peter Stachel


Konstruktionen von Moderne und Tradition.
Internationales Symposion des SFB Moderne, Universität Graz, 21.-23. Oktober 1999


Die Kontroversen, ob die Moderne an ihrem Ende angelangt sei oder ob es sich um ein noch keineswegs ausgeschöpftes zukunftsweisendes Projekt handle, haben wesentliche Anstöße zur Reflexion des gegenwärtigen gesellschaftlichen Selbstverständnisses gegeben. Insofern kann die Intervention postmoderner Kritik als eine Fortführung und damit als letztlich fruchtbarer Beitrag zu jenen Deutungskämpfen um die (Selbst-)Definition gesehen werden, die dem Projekt der Moderne inhärent sind.
In weitaus geringerem Maß öffentlich rezipiert als die Debatten um die Postmoderne wurden jene Veränderungen – vielfach ist bereits von einem Paradigmenwechsel die Rede – in den geisteswissenschaftlichen Forschungsperspektiven, die unter dem Begriff Kulturwissenschaft firmieren. Methodisch-theoretisch verbindet sich damit vor allem auch die Infragestellung von Denkmustern, die zumindest implizit einem teleologischen Entwicklungsgedanken und damit dem Fortschrittsparadigma als einem zentralen Denkmuster der Moderne verpflichtet sind. Verstärkt wird damit zum einen das Interesse an den Verwerfungen und Diskontinuitäten, an Ambivalenzen, Widersprüchen und Vieldeutigkeiten von Phänomenen der Moderne, die aus dem retrospektiv entworfenen Bild der Moderne "externalisiert" wurden, zum anderen an konstruktivistischen Ansätzen, die nach den Selbstbeschreibungen und Selbstdefinitionen, nach der Repräsentation gesellschaftlicher Deutungsmuster in Symbolen, Codes und Diskursen fragen.
Die Frage nach Konstruktionen von Moderne und Tradition bildete den thematischen Rahmen des interdisziplinären Symposions des SFB Moderne im Oktober 1999. Einleitend konstatierte Cornelia Klinger, daß die Vorstellung vom "Ende der Moderne" nicht nur zu einem "explosionsartig" gewachsenen Interesse an der Moderne, sondern vor allem zu einer veränderten Konzeptualisierung geführt habe, einer Historisierung der Moderne als Epoche und einer immer neu formulierten Frage nach ihren Definitionskriterien und Periodisierungsmodellen. Ebenso verschoben haben sich die Zeithorizonte (Johannes Weiss): Mit dem Zerfall der großen Zukünftsentwürfe verbindet sich der Verlust der Idee einer fortschreitenden Überwindung des Gegenwärtigen und damit einer Leitvorstellung der Moderne. Mehrdeutigkeiten der Moderne um 1900 wurden exemplarisch am Beispiel der Allegorie und der damit verbundenen Parallelen zwischen Moderne und Barock (Richard Reichensperger) und der Debatten um die Rezeption der modernen Dramatik im deutschnational dominierten politischen Milieu von Graz (Heidemarie Uhl) thematisiert.
Die spezifische Ausprägung des Spannungsfeldes von Moderne und Tradition in der ethnisch und kulturell inhomogenen Region Zentraleuropa bildete einen gemeinsamen Horizont unterschiedlicher disziplinärer Zugänge. Die Zeichenfunktion von Architektur im Spannungsfeld von nationalen und supranationalen Identitätsentwürfen erweist sich an der Verschmelzung von technikorientierter Moderne und Nationalstil in den Bauten des ungarischen Architekten István Medgyaszay (Ákos Moravánszky) wie auch an Otto Wagners Entwurf der Wiener Postsparkasse, deren Semantik sowohl als programmatischer Verzicht auf national interpretierbare Symbole lesbar ist, während das k.u.k. Kriegsministerium Ludwig Baumanns – das auch wegen seiner räumlichen Nähe gewissermaßen als Gegenbau firmiert – sowohl gegen die architektonische Moderne als auch gegen den "Reichsstil" der deutschen Renaissance Stellung bezog und den Neobarock als genuin österreichischen Stil propagierte (Ursula Prokop).
Die Imagination nationaler Identität und ihr Anstoß für konkrete Modernisierungsschritte wurde am Beispiel der national motivierten touristischen Erschließung des Böhmerwaldes (Pieter Judson) deutlich, die sich nicht nur in der Durchsetzung von nationalen Codierungen in einer multiethnischen Region (u.a. durch Reiseführer) sondern auch im Ausbau der Infrastruktur (Elektrifizierung, Eisenbahnen) niederschlug. Daß Moderne und Tradition als Bezugspunkte nationaler Identitätskonzepte dienen, wurde an den ambivalenten Geschlechterkonstruktionen im deutschnationalen Diskurs (Heidrun Zettelbauer) ebenso gezeigt wie an der Suche nach nationalen Traditionen in der Projektion einer vermeintlich authentischen, autochthonen ungarischen Volkskultur, die, wie Tamás Hofer ausführte, selbst dem historischen Wandel und Modernisierungseinflüssen unterworfen war. Die Reaktionen auf die Herausforderungen gesellschaftlicher Modernisierung für die Religion als einem von Traditionen bestimmten Feld wurden von Sabine Haring am Beispiel der Mehrdeutigkeit von Säkularisierungsprozessen im großstädtischen Milieu thematisiert, wobei sowohl traditionelle Formen weiterbestehen als auch die neu entstehenden "politischen Religionen" sinnstiftende Funktionen erfüllen.
Aus unterschiedlichen Perspektiven wurden Modernitätskonzepte in den Wissenschaften diskutiert. Die musikgeschichtlichen Konstruktionen von Moderne wurden sowohl in Hinblick auf eine praxisorientierte "angewandte Ästhetik" (Cornelia Szabo-Knotik) als auch auf Definitionskriterien und Kategoriebildungen hinsichtlich der musikalischen Moderne (Barbara Boisits) diskutiert, wobei die Forderung nach einer identitätsstiftenden Funktion von Musik eine Schnittstelle bildet. Mitchell G. Ash betonte einerseits die Vielfalt des "Modernen" in den Wissenschaften, benannte jedoch zugleich mit der Verselbständigung von Symbolsystemen einerseits, dem Sieg der instrumentellen, technokratischen Vernunft zwei zentrale Kriterien der modernen Wissenschaften.
Unterschiedliche methodische Zugänge zum Spannungsverhältnis von Moderne und Tradition kennzeichneten die literaturwissenschaftlichen Beiträge. Georg Streim ging auf die kulturpolitischen Strategien Hermann Bahrs im Hinblick auf die Konstruktion einer österreichischen Moderne ein, deren argumentatives Zentrum die Versöhnung mit der Tradition und die Verknüpfung mit dem Konzept einer österreichischen bzw. Wiener Identität stand. In der Analyse der Mystik-Rezeption im Werk Robert Musils stellte Brigitte Spreitzer die Trennlinien, wie sie etwa zwischen sogenannter klassischer bzw. säkularisierter Mystik gezogen wurden, in Frage.
Mit der Reflexion von zeitgenössischen und retrospektiven Kategorisierungen und Definitionen von Moderne erhärteten die Referate, Kommentare (Karl Acham, Siegfried Mattl, Hannes Stekl und Gotthard Wunberg fungierten als Kommentatoren der vier Panels) und Diskussionsbeiträge des Symposions die Plausibilität der Frage "ob das Kollektivsingular ‚die' Moderne angesichts der Vielfalt politischer, wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und nicht zuletzt auch kultureller Gebilde, die mit der Bezeichnung ‚modern' belegt worden sind," überhaupt eine sinnvolle Bezeichnung ist, und ob es "nicht vielmehr geboten ist, von einer grundsätzlichen Pluralität der Moderne zu sprechen" (Mitchell G. Ash). Allerdings stellt sich gerade aufgrund der "Entgrenzung" des Moderne-Begriffs (Cornelia Klinger) die Frage nach neuen Begriffsbestimmungen. Wie anregend die Diskussion um eindeutige Definitionskriterien sein kann, zeigte sich nicht zuletzt in den – auf Einladung der Grazer Gesellschaft für Soziologie vorgetragenen - Thesen von Gotthard Wunberg zur Abstraktion als Paradigma der Moderne.

Heidemarie Uhl


Symposien - Vorschau


VI ICCEES World Congress: Divergencies, Convergencies, Uncertainties
Tampere/Finnland, 29. Juli bis 3. August 2000


Auf diesem vom Finnish Institute for Russian and East European Studies (Helsinki) ausgerichteten Kongreß, bei dem eine breite Themenpalette kulturwissenschaftlicher Ansätze im Rahmen der Ost- und Zentraleuropa-Forschung präsentiert wird, ist der Grazer Spezialforschungsbereich Moderne mit einem interdisziplinär zusammengesetzten Panel unter der Leitung von Monika Stromberger (Zeitgeschichte) vertreten. Unter dem Titel Central Europe 1900. Around Hypotheses on Modernity werden Forschungsergebnisse der MitarbeiterInnen (Kunstgeschichte, Musikwissenschaft, Geschichte, Soziologie) einer breiten wissenschaftlichen Öffentlichkeit vorgestellt.


Rezensionen


Winfried Freund, Johann Lachinger, Clemens Ruthner (Hg.): Der Demiurg ist ein Zwitter. Alfred Kubin und die deutschsprachige Phantastik. München: Wilhelm Fink 1999. 342 S., öS 496.-, DM 68.-


Mehr als nur ein "gewöhnlicher" Sammelband will der von Winfried Freund, Johann Lachinger und Clemens Ruthner herausgegebene Band Der Demiurg ist ein Zwitter. Alfred Kubin und die deutschsprachige Phantastik sein. Und er ist in der Tat: Handbuch zur Phantastik, Nachschlagewerk, Entwurf einer Geschichte der deutschsprachigen phantastischen Literatur, Einführung in die Theorie des Phantastischen (nicht nur, aber vor allem in der Literatur) und Fundgrube längst vergessener Autoren.
Die Geschichte der phantastischen Literatur ist im deutschsprachigen Gebiet keine kontinuierliche und keine unumstrittene. Nach einer ersten Konjunktur des Phantastischen in der Romantik, die sich als Gegenbild zu einer auf Rationalität setzenden Aufklärung sieht, gerät das Phantastische im Verlauf des neunzehnten Jahrhunderts in den Schatten einer auf gelingende Vermittlung von Individualität und Soziabilität abzielenden (bildungs-)bürgerlichen Literatur, bevor es im Zeitraum zwischen 1890 und 1930 erneut zu einem massiven Aufflackern phantastischer Literatur kommt, das von den Nationalsozialisten abgewürgt werden wird. Besonders stark sind in dieser Renaissance des Phantastischen um die Jahrhundertwende Autoren aus dem Raum der Donaumonarchie vertreten: Gustav Meyrink, Franz Spunda, Franz Kafka, Alexander Lernet-Holenia u.v.a. Eine zentrale Stelle nimmt hierbei der Graphiker und Buchillustrator Alfred Kubin (1877 im böhmischen Leitmeritz geboren, 1959 im oberösterreichischen Zwickledt gestorben) ein, dessen phantastischer Roman Die andere Seite 1909 erscheint. In seiner Person und seinem Werk laufen die Fäden der verschiedenen Beiträge dieses Bandes zusammen. Bereits der Titel des Bandes verdankt sich ja Kubin. "Der Demiurg ist ein Zwitter" – der letzte Satz aus Kubins Roman "Die andere Seite" faßt einen Impuls pointiert zusammen, von dem ein Großteil aller phantastischen Literatur lebt: von der These des Ineins-Seins von Chaos und Ordnung. Es ist dies die traumatische Erfahrung des Träumers Kubin, daß die Ordnung, die sich dem Chaos abgewinnt, selbst unweigerlich wieder in das Chaos zurückfällt, ja zurückfallen muß. "Simuliertes Chaos" nennt Winfried Freund die phantastische Literatur. "Der Demiurg, der Fürst dieser Welt, ist zugleich der deus malignus, der Täuscher und Betrüger." Alles, was ist, birgt immer schon sein Gegenteil in sich. Diese Sensibilität für die "andere Seite" der Ordnung provoziert jene "Unschlüssigkeit", die seit Tzvetan Todorov als Kennzeichen des Phantastischen gehandelt wird. Untrennbar ist an diese Konstatierung der zwei Realitäts- und Erfahrungs-welten, die phantastischer Literatur zugrunde liegen, die Frage geknüpft, inwieweit die Phantastik als "Teil oder Gegenprojekt der literarischen Moderne" (Clemens Ruthner) zu gelten hat.
Der anregende Band von Freund, Lachinger und Ruthner vermeidet abschließende Feststellungen. Schließlich geht es darum, eine bislang zu Unrecht von der Literaturwissenschaft vernachlässigte und diffamierte Gattung zu rehabilitieren und ihr jene Aufmerksamkeit zu sichern, die ihr als, wenn auch verdrängter oder als "trivial" abgetaner, Teil der Moderne zukommen müßte.

Alice Bolterauer


Kurt Blaukopf: Unterwegs zur Musiksoziologie. Auf der Suche nach Heimat und Standort, kommentiert von Reinhard Müller. Graz, Wien: Nausner & Nausner 1998 (= Bibliothek sozialwissenschaftlicher Emigranten 4). 283 S., öS 540.-, DM 80.-


Kurt Blaukopf, der im Juni des Vorjahres verstorbene Pionier und Hauptvertreter der Musiksoziologie in Österreich, hat in seinem letzten Buch eine autobiographische Darstellung mit der Herausgabe früher, heutzutage nicht mehr leicht erreichbarer bzw. überhaupt unpublizierter Texte vereint. Der autobiographische Teil gibt Einblick in ein reiches, nicht untypisches "österreichisches" Leben: 1914 in Czernowitz geboren, lebte er seit seiner Kindheit in Wien. Geprägt von der kulturellen Offenheit seines Elternhauses, in dem das Kolisch-Quartett Werke Schönbergs und Weberns aufführte, aber auch vom aufgeschlossenen Geist am Wiener Realgymnasium Stubenbastei, gründete er mit Freunden das "Neue Studio", in dem zeitgenössische Musik privat aufgeführt wurde. Obwohl Student der Rechtswissenschaften, galt sein Interesse vor allem dem Zusammenhang von Musik und Gesellschaft. Autodidaktisch erschloß er sich in den 1930er Jahren sowohl die musikwissenschaftliche als auch die soziologische Literatur und versuchte, eine Disziplin zu entwickeln, für die er nur auf wenige Vorarbeiten zurückgreifen konnte (so auf Max Webers Die rationalen und soziologischen Grundlagen der Musik, 1921, und auf einige Aufsätze Theodor W. Adornos). Methodisch geprägt wurde Blaukopf dabei vor allem durch die Arbeiten des "Wiener Kreises", insbesondere von der Vorstellung einer Natur- und Kulturwissenschaften verbindenden "Einheitswissenschaft".
1938 emigrierte er nach Paris, 1939 nach Jerusalem, wo er bei Edith Gerson Kiwi seine Kenntnisse der Musikgeschichte vertiefte. Wie schon in Paris schärfte die Emigration den Blick für die spezifisch österreichische Situation. Und so wurde ihm anläßlich seiner Studien über Gustav Mahler klar, "daß man das lebendige kulturelle Erbe Österreichs nicht erfassen konnte, solange man nicht in die Geschichte der mit Österreich verbundenen Länder und Nationen eindrang." Schmerzlich mußte er zur Kenntnis nehmen, daß an der Aufarbeitung dieses kulturellen Erbes auch im befreiten Österreich, in das er 1947 zurückkehrte, kein Interesse bestand und auch sonst die Situation einer offenen Forschung nicht günstig war: Seine bereits 1938 fertiggestellte, aber erst 1950 gedruckte Musiksoziologie wurde in Amerika als zu "marxistisch", im Osten dagegen als zu "bürgerlich" abgelehnt. Das von Hanns Eisler verfaßte Vorwort konnte mit Rücksicht auf den westdeutschen Markt gar nicht abgedruckt werden.
In der Folge befaßte sich Blaukopf zunehmend mit der durch technische (elektronische) Medien veränderten Musikwelt, einem Prozeß, den er "Mediamorphose" genannt hat und über dessen Bedeutung er sich mit Adorno einig wußte. Daß die Erforschung dieses Bereichs wie insgesamt die Musiksoziologie einen integrativen Ansatz verlangte, war Blaukopf klar, und er forderte die Verbindung von historischer und systematischer Musikwissenschaft, von Soziologie, Psychologie und Anthropologie. 1965 wurde ihm die Leitung des neu gegründeten Instituts für Musiksoziologie an der heutigen Universität für Musik und darstellende Kunst Wien übertragen. Daß er sich im akademischen Bereich Österreichs dennoch oft als "Außenseiter" fühlte, lag wohl auch daran, daß er entsprechend behandelt wurde. Erst 1994 wurde ihm in Anerkennung seiner Verdienste ein philosophisches Ehrendoktorat verliehen.
Die im zweiten Teil veröffentlichten frühen Abhandlungen zeigen sein breites Forschungsinteresse: Neben im engeren Sinne musikwissenschaftlichen und -soziologischen Arbeiten gibt es auch historische und philosophische. Über sie spricht er im ersten Teil durchaus selbstkritisch und auch freimütig Irrtümer einbekennend (z. B. über einen Aufsatz über den Existentialismus). Bereits diese frühen Schriften waren, wie Friedrich C. Heller es in einem Nachruf in bezug auf das Gesamtwerk formulierte, "gleichzeitig getragen von der wissenschaftlichen Klarheit positivistischer Weltsicht und einer völlig unlarmoyanten Sorge um die Erhaltung der Vielfalt unserer Kultur".

Barbara Boisits


Nicole Leandra Immler: Jahrhundertwende - Zeitenwende? Auf den Spuren eines historischen Selbst- und Zeitverständnisses. Graz: Leykam 1999. 192 S., öS 298.-, DM 41,20


Der Begriff der "Jahrhundertwende", der sich lange ohne nähere Erläuterung auf die Zeit um 1900 bezog, hat mit der Annäherung an das Jahr 2000 eine Doppeldeutigkeit erhalten, von der insbesondere die Geschichtswissenschaft nicht unberührt bleiben konnte. Wesentlicher noch ist aber, daß "Jahrhundertwenden" in den letzten Jahren zunehmend in das Blickfeld der Forschung gerückt sind, wobei primär deren Charakter als Konstrukt, als fiktive Zäsur thematisiert wird.
Diese aktuelle Fragestellung greift auch Nicole Leandra Immler auf, erweitert sie aber im vorliegenden Werk um Perspektiven der Moderneforschung wie der Analyse des Fortschrittsdiskurses und der "invention of tradition" im Kontext der nationalen Identitätsbildung. Die Autorin skizziert zunächst ausgehend vom "Jubeljahr" 1300 eine Geschichte der allmählichen Durchsetzung des Jahrhunderts als dominanter, zunehmend auch im Alltagsbewußtsein verankerter Form der Zeitrechnung. Ihr konstruktivistischer Zugang, der die Fragestellungen des ganzen Buches bestimmt, kommt in der Konzeption dieses einleitenden Teiles als "Geschichte der Wahrnehmung" zum Ausdruck.
Stützt sich Immler hier auf die aktuelle Sekundärliteratur, in der z. B. die Widerlegung des "Mythos vom Jahr 1000" als apokalyptische Ängste auslösendem Datum eine zentrale Rolle spielt, so zieht sie ihre eigenen Quellenrecherchen für die Erörterung der Jahrhundertwende um 1900 heran. Anhand der Feierlichkeiten im Deutschen Reich wird die Moderne als "Ambivalenz zwischen Aufbruch und traditionellen Erfahrungswelten", als Schnittstelle von Fortschrittsoptimismus und Kulturpessimismus thematisiert. Der Jahreswechsel 1899/1900 wird als Ereignis geschildert, in dem zukünftige Größe aus dem Vergleich mit dem Jahr 1800 in Deutschland bezogen wird, gleichzeitig der Topos der "kulturellen Krise" im Gegensatz zum politischen und ökonomischen Aufstieg des Reiches propagiert wird.
Ein Schwerpunkt der Analyse liegt auf der Inszenierung der Jahrhundertwende in München, wo die Feiern zur Festschreibung des Selbstbildes urbaner Identität als "Kunststadt" diente. Die Propagierung eines aus der Spannung von Avantgarde und Heimatkunstbewegung erwachsenen "Kulturmünchnertums" wird in dessen Funktion als Kontrastfolie zu Wien, das mit Dekadenz, und zu Berlin, das mit Kultur- und Sittenverfall gleichgesetzt wurde, untersucht.
Kritik ist in erster Linie in Form von Desiderata zu formulieren. Insbesondere ist die Beschränkung auf die Rezeption der Jahrhundertwende durch das bürgerliche Lager und das "offizielle" München zwar im Sinne der Geschlossenheit der Darstellung. Dennoch wäre der - aufgrund der vorliegenden Sekundärliteratur mögliche - Vergleich mit der Sicht der Sozialdemokratie wünschenswert und aufschlußreich.
Nicole Immlers Leistung liegt vorrangig in der stringenten Verbindung der Erforschung der Zeitwahrnehmung und -messung sowie theoretischer Zugänge zur Moderneforschung mit empirischer Arbeit zu urbaner Identität und Repräsentation. Hervorzuheben ist auch der klare, präzise Stil, der das Buch bei Erfüllung wissenschaftlicher Kriterien auch für Leser außerhalb der Fachöffentlichkeit verständlich und interessant macht.

Werner Suppanz


Gilbert Merlio, Nicole Pelletier (Hg.): Munich 1900 site de la modernité – München 1900 als Ort der Moderne. Bern, Berlin, Frankfurt/Main, New York, Paris, Wien: Peter Lang 1998 (= Jahrbuch für internationale Germanistik. Reihe A, Kongressberichte 47). 289 S., DM 108.-, öS 717.-


Spätestens seit Erscheinen der von Walter Schmitz 1988 herausgegebenen Textsammlung Die Münchner Moderne. Die literarische Szene in der "Kunststadt" um die Jahrhundertwende hat sich auf breiter Ebene die Meinung durchgesetzt, dass neben Berlin und Wien auch München als weiteres deutschsprachiges Zentrum der Moderne anzusehen ist. Neben einer Vielzahl wissenschaftlicher Monographien über einzelne Künstler entstand in den vergangenen dreißig Jahren eine umfangreiche Literatur zur historischen und kulturellen Situation der "heimlichen Hauptstadt" (Karl Bosl). Welche charakteristischen Merkmale die "Münchner Moderne" von anderen zeitgleichen städtischen Entwicklungen unterscheiden, beschäftigt Kulturwissenschaftler in diesem Zusammenhang immer wieder. Auch die Fragestellungen des vorliegenden Bandes seien davon geleitet, betonen die Herausgeber Merlio und Pelletier, um aber einschränkend festzustellen, dass nur versucht worden sei, "einige Aspekte eines komplexen kulturellen Momentes zu beleuchten."
In der Tat bietet der Sammelband mit acht deutschsprachigen und neun französischen Artikeln – eine Zusammenfassung liegt in jeweils beiden Sprachen vor – eher punktuelle Hinweise darauf, was die Spezifika einer "Münchner Moderne" ausmachen könnten. Schwerpunktmäßig befassen sich die Beiträge mit Literatur und Theater, am Rande mit bildender Kunst, wobei methodischer und inhaltlicher Zugang sowie Kenntnisstand der aktuellen Forschungsliteratur seitens der einzelnen Verfasser sehr unterschiedlich sind. Man ist allerdings geneigt, entsprechende Diskrepanzen der Konzeption der Herausgeber anzulasten. Dies betrifft auch den Umfang der Artikel, der durchaus ein Qualitätskriterium bilden kann: Stellt z. B. Walter Müller-Seidel in seinem aufschlussreichen 22-seitigen Artikel über Literatur im wissenschaftsgeschichtlichen Kontext eine Passage über Otto Gross in einen übergeordneten, bislang wenig beachteten Problemzusammenhang, so findet sich parallel dazu ein dreieinhalbseitiger eher oberflächlicher biographischer Abriß Jacques LeRiders über den Psychiater und Psychoanalytiker. – Der Germanist Moritz Baßler richtet seinen Blick auf die Tiefenstruktur eines Textes von Max Dauthendey. Baßler wertet das Versepos Die geflügelte Erde als Ausdruck einer "Zwischenmoderne", zu der in seinen Augen auch die Münchner Moderne zu zählen sei. Dies bleibt allerdings der einzige Rekurs auf München, was nicht verwundert angesichts der Tatsache, daß Dauthendey zu der bayerischen Metropole nur eine lose Verbindung hatte. Eine konkrete Bezugnahme auf München zeigt sich hingegen bei Ursula E. Koch (über Münchner illustrierte Witzblätter und Satirejournale), Helga Abret (über den Verleger Albert Langen) und Anne-Marie Saint-Gille (über Annette Kolbs Roman Die Schaukel); ihre Beiträge beleuchten mit den deutsch-französischen Transfererscheinungen ein Teilgebiet der Münchner Moderne, das im Zuge der Kulturtransferforschung in Zukunft wohl verstärkte Beachtung erfahren wird.

Petra Ernst


Peter Sprengel, Gregor Streim: Berliner und Wiener Moderne. Vermittlungen und Abgrenzungen in Literatur, Theater, Publizistik. Mit einem Beitrag von Barbara Noth. Wien, Köln, Weimar: Böhlau 1998 (= Literatur in der Geschichte, Geschichte in der Literatur 45). 718 S., öS 980.-, DM 140.-


Wien und Berlin stellen nach Justinus Kerner (1786-1862) "das Herz" und "den Kopf" des "deutschen Körpers" dar; unabhängig von den diskursiven Implikationen dieser Metapher behauptet die Formulierung des schwäbischen Romantikers sowohl eine Form der Zusammengehörigkeit als auch eine Polarität der beiden Städte, die sich in das Beschreibungsmuster "Gefühl und Sinnlichkeit versus Rationalität" übertragen ließe. Eine kulturelle Festschreibung erfuhr diese simplifizierende vergleichende Perspektive in den ästhetisch-programmatischen Auseinandersetzungen seit den 1890er Jahren, und in gewisser Weise prägt dieses Bild auch die gegenwärtige wissenschaftliche Diskussion über die Wiener und die Berliner Moderne - am deutlichsten ausgedrückt in der Kategorisierung einer ästhetischen (impressionistischen) Wiener und einer naturalistischen (expressionistischen) Berliner Moderne. Die daraus resultierenden, mitunter stark schematisierenden Deskriptionsverfahren zu hinterfragen bzw. aufzubrechen, bildete ein Ziel des von Gregor Streim und Peter Sprengel verfaßten Bandes über die Rezeptions- und Austauschbeziehungen in Literatur, Theater und Publizistik (v. a. im Zeitschriften- und Verlagswesen) zwischen Wien und Berlin in den Jahren 1890 bis 1918. Mit der Auswertung umfangreichen - teilweise auch unveröffentlichten – Quellenmaterials präsentieren die Autoren einen in dieser Dichte bisher einzigartigen Überblick über die vielfältigen individuellen und institutionellen Transfererscheinungen und Vermittlungsprozesse zwischen Wien und Berlin und deren dynamisierende Wirkung auf die "Gesamtentwicklung der literarischen Moderne". Das Buch gliedert sich in zwei Hauptteile, die zum einen die gegenseitige Wahrnehmung und die mediale Vermittlung der Kommunikationsverläufe ("Blicke"), zum anderen die tatsächlichen Austauschbeziehungen ("Begegnungen") untersuchen, ein Nebenteil, der sich den literarischen Städtebildern Wiens und Berlins widmet, dokumentiert die Tendenz der zeitgenössischen Schriftsteller zur typologisierenden Darstellung der jeweils angenommenen Spezifika bzw. zur Funktionalisierung derselben. Obwohl Streim, Sprengel und Noth ihre Überlegungen vorwiegend an exemplarisch ausgewählten "Fallgeschichten" und Autorenpersönlichkeiten explizieren, eröffnet sich in der Zusammenschau eine Fülle von Einzelergebnissen, die eine Weiterführung bzw. Ausdehnung der Forschungstätigkeit im Rahmen dieser Thematik auch für die Bereiche Musik, bildende Kunst und Medien (z. B. Film) herausfordern; stellvertretend sei hier auf das Kapitel "Wien und Berlin" in der Zeit der "Waffenbrüderschaft" hingewiesen, das sich mit den verändernden kulturellen Identitätskonzepten v. a. österreichischer Autoren zur Zeit des Ersten Weltkriegs auseinandersetzt. Der Band, der zugleich die Resultate eines mehrjährigen Forschungsprojekts an der Freien Universität Berlin dokumentiert, belegt ohne Mühe, dass die Vorstellung zweier antagonistischer "Modernen" - als weitere Varianten wären im deutschsprachigen Raum, wie Sprengel und Streim anführen, auch die Zentren Prag, Zürich und München zu nennen – zu korrigieren ist bzw. nur als heuristisches Konstrukt legitimierbar bleiben kann.

Petra Ernst


Garry Stevens: The Favored Circle. The Social Foundations of Architectural Distinction. Cambridge/Mass.-London: The MIT Press 1999. 228 S., $ 35,00


Pierre Bourdieus Feld- und Habitus-Theorie wurde in den letzten Jahren in verschiedensten Disziplinen auf die meisten Teilbereiche des kulturellen Feldes angewendet. In bezug auf die Architektur gibt es hingegen bisher nur sehr wenige einschlägige Untersuchungen. Der australische Architektursoziologe Garry Stevens unternimmt es nun, mit Bourdieu das Feld der Architektur zu analysieren, und zwar in dessen dreifachem Sinn: 1. als Schlachtfeld, auf dem zwischen Etablierten und Newcomern der Kampf um Deutungsmacht und Kontrolle des symbolischen Kapitals ausgetragen wird, 2. als Kräftefeld, in dem jeder Akteur Kräften ausgesetzt ist und selbst Kraft ausübt, und 3. als Spielfeld mit bestimmten Regeln, die durch den Habitus der Akteure definiert werden.
Stevens kommt zu dem Schluß, daß erfolgreiche Architekten – gemeint sind nicht jene, die finanziell Erfolg haben, sondern jene, die im Feld der Architektur ein Maximum an kulturellem Kapital (im Sinn von Anerkennung durch Zeitgenossen und Nachwelt) erwerben können – ihren Erfolg nicht so sehr ihrem Genie und ihrer individuellen Kreativität verdanken; vielmehr leite sich dieser vom sozialen Umfeld, in das ihr Werk eingebettet ist, und von einer Reihe anderer Faktoren ab, die das Feld der Architektur bestimmen.
Dieses konstituiert sich durch die Interaktionen von Personen und Institutionen, Diskursen und Reglementierungen: im besonderen durch die Architekten und Baufirmen, die Financiers, die öffentlichen und privaten Auftraggeber, die Architekturkritiker und die Diskurse über Architektur in den verschiedenen Medien, die Ausbildungssysteme sowie die Bauordnungen und Baubehörden. Hinzu kommt, daß im Vergleich mit den anderen Teilfeldern des kulturellen Feldes – Literatur, bildende Kunst, Musik, ja selbst Kino – jenes der Architektur die geringste Autonomie hat, da in der Regel große Geldsummen und in bestimmten Fällen politische Entscheidungen im Spiel sind. Innerhalb des Feldes der Architektur trennt Stevens zwischen einem Unterfeld, das primär durch ökonomisches Kapital bestimmt wird (Architektur als Wirtschaftssektor), und einem anderen, in dem es um kulturelles Kapital und Werte wie Individualität und Kreativität geht (Architektur als Kunst).
Die subversive Kraft von Stevens' Zugang erweitert die in den letzten beiden Jahrzehnten verschiedentlich unternommenen architekturhistoriographischen Versuche, von der Tradition einer Geschichtsschreibung, die sich auf eine Heroengeschichte der modernen Architektur mit einsamen Größen wie Frank Lloyd Wright, Le Corbusier, Walter Gropius und Mies van der Rohe konzentriert, abzugehen. Nicht der einzelne Architekt, sein Konzept und sein großes Werk, auch nicht der Berufsstand des Architekten stehen im Zentrum, sondern das Feld in seinen verschiedenen Bedeutungen. Der Bourdieu'schen und Stevens'schen Theorie folgend bestimmt das jeweilige Feld – und eben auch jenes der Architektur – nicht nur selbst, wer als Mitglied anerkannt wird (z. B. Architekten versus Ingenieure im 19. Jahrhundert). Auch welcher Bau als wertvoll und welcher Architekt als bedeutend betrachtet wird, hängt davon ab, wie die Auseinandersetzungen zwischen den Akteuren des Feldes ausgehen. In letzter Konsequenz gibt es in der Architektur keinen ästhetischen Wert an sich, vielmehr konstruiert das Feld den jeweils gültigen Wertmaßstab.

Antje Senarclens de Grancy


Büchervorschau - Neuerscheinungen aus dem SFB


Alice Bolterauer: Rahmen und Riß. Robert Musil und die Moderne. Wien: edition praesens 2000.


Die vorliegende Studie versucht anhand der Rahmen/Riss-Metapher ein zentrales Dilemma Musilschen Schreibens zu fassen, das als symptomatisch für die Moderne angesehen werden kann: die Ambivalenz des Identitätsbegriffs. Der Begriff der Identität, der bei Musil in Hinblick auf seine Figuren immer negativ konnotiert ist, kehrt sich dort ins Positive, wo es gilt, die Identität der Literatur gegenüber heteronomen Beanspruchungen zu behaupten. Moderne Literatur ist mit sich identisch dort, wo es ihr gelingt, eine Identität des "Werdens" zu entwerfen. Dieser Problematik wird in dem Band anhand von zentralen Themenkomplexen wie "Seele", "Heiligkeit", "Tier", "Mathematik" etc. nachgegangen.


Brigitte Spreitzer: Texturen. Die österreichische Moderne der Frauen. Wien: Passagen 1999. (= Studien zur Moderne 8).


Das literarische Schaffen zum Großteil unbekannter österreichischer Autorinnen zwischen ca. 1880 und 1930 wird in paradigmatischen Problemfeldern des Denk- und Lebenszusammenhanges Moderne situiert. Thematische Schwerpunkte bilden die (aporetischen) Anstrengungen weiblicher Selbstschöpfung in Texten von Elsa Asenijeff, Grete Meisel-Hess, Rosa Mayreder und Else Jerusalem; die literarische Auseinandersetzung mit der Problematik weiblicher Bildung und Erziehung bei Irma Troll-Borostyáni, Bertha von Suttner, Rosa Mayreder, Alice Schalek, Helene von Druskowitz und Elsa Asenijeff; die Parodie philosophischer Meisterdiskurse durch Helene von Druskowitz; Maria Janitscheks Satire der Misogynie in misogyner Satire; die kritische Rezeption Freuds bei Maria Lazar, Marta Karlweis und Mela Hartwig; Veza Canettis und Marta Karlweis' Experimente mit der Groteske; die Bilanzierung der Moderne im Paradigma radikaler Fremdheit durch Martina Wied, Else Feldmann und Maria Lazar.


Sonja Rinofner-Kreidl: Edmund Husserl: Zeitlichkeit und Intentionalität. Freiburg, München: Alber 2000. (=Alber Phänomenologie 8).


Muß eine phänomenologische Philosophie einen dogmatischen Intuitionismus vertreten? Ist Husserls transzendentale Phänomenologie ein cartesianisches Letztbegründungsvorhaben? Als Leitfaden zur Beantwortung dieser Fragen dient der Zusammenhang der Intentionalitäts-, Subjekt- und Zeitbewußtseins-lehre. Methodischer Ansatz und Ergebnis der Zeitbewußtseinsanalysen Husserls werden in Auseinandersetzung mit den diesbezüglichen Untersuchungen Alexius Meinongs und Franz Brentanos bestimmt. Die Autorin verteidigt eine Interpretation der Phänomenologie, die es erlaubt, den Einwand des Dogmatismus und Certismus zu relativieren bzw. zu entkräften, die Neuartigkeit und Eigentümlichkeit des phänomenologischen Idealismus (in Abgrenzung von einer Transzendentalphilosophie Kantischen Typs) klar herauszustellen und die Zeitbewußtseinsanalysen, die in systematischer und werkgeschichtlicher Hinsicht eine zentrale Stellung einnehmen, für eine konstruktive Kritik der Idee der Phänomenologie fruchtbar zu machen.


Helmut Konrad (Hg.): Der Erste Weltkrieg und die Moderne. Wien: Passagen 2000. (= Studien zur Moderne 12).


Der Band Der Erste Weltkrieg und die Moderne geht dem Einfluß nach, den der erste große Krieg dieses Jahrhunderts auf unterschiedliche Bereiche in Wissenschaft, Politik und Kunst ausgeübt hat. Das dabei entstehende Bild ist durchaus ambivalent. Einerseits tritt der Krieg als großer Beschleuniger auf, der in der Wissenschaft den Weg über bis dahin streng gezogene Tabugrenzen ermöglicht. Andererseits läßt er Politikmuster und politische Handlungsträger relativ unverändert, obwohl sich Legitimationsgrundlagen verschieben. In der Kunst widerum trägt der Erste Weltkrieg zum Aufbau neuer Spannungsfelder bei.


Astrid Kury: "Heiligenscheine eines elektrischen Jahrhundertendes sehen anders aus..." Okkultismus und die Kunst der Wiener Moderne. Wien: Passagen 2000. (= Studien zur Moderne)


Der "moderne" Okkultismus bildete eine wesentliche Inspirationsquelle für zahlreiche Künstler der Avantgarde. Ausgehend von der Sonderstellung der Kunst der Wiener Moderne im internationalen Vergleich wird die Rezeption des Okkultismus im Wiener Jugendstil und Expressionismus untersucht. Schwerpunkte der Analyse sind das spezifische kreative Milieu in Wien um 1900 und die ikonografische Analyse ausgewählter Werke von Gustav Klimt, Egon Schiele, Oskar Kokoschka und Erich Mallina.


Rainer Leitner: Das Gymnasium in der Zeit der Wiener Moderne als kreatives Milieu. Phil. Diss., Graz 2000.


Bedeutende Vertreter der Wiener Moderne waren Schüler bzw. Absolventen des humanistischen Gymnasiums. Dieses wirkte – egal, ob geliebt oder gehaßt – in mehrfacher Weise identitätsstiftend und stellte für jene Generation zukünftiger Intellektueller und Künstler insgesamt das kreative Milieu schlechthin dar. Seine Konstituenten neben sozialer Herkunft und Elternhaus der Schüler waren: Die Metropole Wien mit ihrer multikulturellen und vielsprachigen Bevölkerung, die den soziokulturellen Nährboden jenes Phänomens des Fin de siècle bildete. Die Stadt selbst leistete für die jungen Exponenten einen bedeutenden Beitrag durch ihre kulturelle Infrastruktur (Theater, Konzerte, Museen, Cafés, Bibliotheken usw.) sowie durch den hervorstechenden Kontrast zwischen der bildungsbürgerlichen Oberschicht und der Masse der Durchschnittsbevölkerung, die in den äußeren Bezirken oft an der Grenze zur Verelendung ihr Dasein fristete.
Das Gymnasium selbst bildete durch folgende Umstände ein kreatives Milieu: Einmal durch den Lehrplan und die vermittelten Inhalte (die alten Sprachen), wie sie seit der großen Schulreform des Jahres 1848 obligat und, abgesehen von österreichischen Spezifika, Teil des gesamteuropäischen Bildungskanons waren. Schüler wie Lehrer repräsentierten gleichfalls die multikulturelle und vielsprachige Zusammensetzung der Bevölkerung der Donaumonarchie; Freundeskreise unter den Schülern sowie die Interaktion zwischen Lehrerpersönlichkeiten und Schülern waren nicht zu unterschätzende Faktoren in der Herausbildung jener Kreativität.
Einen wichtigen Schlüssel bilden autobiographische Texte, die sich auf die Schulzeit beziehen. Sie geben bemerkenswerte Beispiele dafür, wie das Gymnasium als "Ort des Gedächtnisses" wirkte und wie es auf die Rekonstruktion von Erinnerung und Identität Einfluss genommen hat.

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