Symposien – retrospektiv


Gibt es einen Krieg der Wissenschaften? Zum Verhältnis von Kultur- und Naturwissenschaften nach der Sokal-Affäre
Podiumsdiskussion der AG Ismen und Weltanschauungen des SFB Moderne, Graz, 9.6.1999


Das Verhältnis von Naturwissenschaften einerseits und Geistes- und Sozialwissenschaften andererseits war eines der großen Themen der intellektuellen Auseinandersetzung der Zeit um 1900, wobei vor allem der Aufstieg der Sozialwissenschaften - die ja geradezu die Instrumente der Selbstreflexion der Moderne wurden - und die Frage nach der "Wissenschaftlichkeit" dieser neuen Disziplinen (methodische Anleihen bei den Naturwissenschaften) im Mittelpunkt des Interesses standen. Die Arbeitsgruppe Ismen und Weltanschauungen hat sich, angeregt durch die Beschäftigung mit Quellentexten aus der Zeit der Jahrhundertwende, der aktuellen Auseinandersetzung (War of Sciences) angenommen, die durch die berühmt-berüchtigte Sokal-Affäre aus dem innerakademischen Bereich in die breitere Öffentlichkeit getragen worden ist. Dem amerikanischen Physiker Alan Sokal war es im Jahr 1996 gelungen, der renommierten kulturwissenschaftlichen Zeitschrift Social Text einen pseudowissenschaftlichen Nonsens-Artikel über die Möglichkeit einer politisch korrekten, mithin frauen- und minderheitenfreundlichen Physik unterzujubeln. Die ungeprüfte Veröffentlichung des von Unsinn strotzenden Artikels hat in den USA eine heftige Debatte über grundlegende Standards kulturwissenschaftlicher Forschung ausgelöst. DiskussionsleiterPeter Stachel (Historiker, SFB Moderne) eröffnete mit einem gedrängten Überblick über die Sokal-Affäre, Johannes Feichtinger (Historiker, Universität Graz) bot eine Zusammenfassung des demnächst in deutscher Übersetzung (Beck-Verlag) erscheinenden Buches von Alan Sokal und Jean Bricmont, in dem vor allem die französische postmoderne Philosophie scharf kritisiert wird. Friedrich Stadler (Wissenschaftshistoriker, Universität Wien), der mit einigen der Kontrahenten der amerikanischen Diskussion auch in persönlichem Kontakt steht, erläuterte den dem Konflikt (mit)zugrundeliegenden Rahmen des US-amerikanischen Wissenschaftssystems. Darko Polšek (Soziologe, Universität Zagreb) konfrontierte Sokals Kritik an den Kulturwissenschaften mit zahlreichen Textbelegen von naturwissenschaftlichen Autoren, hauptsächlich Physikern, die - wiewohl von den Autoren ernst gemeint - ähnlich unseriös seien wie die Ausführungen in Sokals Scherz-Artikel. Als Vertreter der Naturwissenschaften konzedierte Wolfgang Kummer (Physiker, TU Wien) die Schlüssigkeit einiger der von Polšek vorgebrachten Beispiele, riet aber dazu - angesichts des Umstandes, daß in der (eingeschränkt) positiven Einschätzung von Sokals Aktion unter den Diskutanten offenkundig Einigkeit bestand - die Frage nach einem Dialog von Natur- und Kulturwissenschaften grundsätzlicher zu diskutieren. Die außergewöhnlich große Anzahl an Zuhörern und Mitdiskutanten belegt das breite Interesse an der Thematik, auch wenn letztlich Einigkeit darüber herrschte, daß einige Aspekte der Diskussion sich dem spezifischen akademischen Milieu der Vereinigten Staaten verdanken und nicht ohne weiteres auf europäische Verhältnisse übertragbar sind.

Peter Stachel


Der Erste Weltkrieg und die Moderne in Zentraleuropa
Kulturwissenschaftliches Symposion, Ljubljana, 25. und 26.3.1999


Das Symposion thematisierte in sieben Vorträgen von slowenischer Seite und sieben von VertreterInnen des SFB Moderne den Ersten Weltkrieg in seinen Auswirkungen auf die Kultur der Moderne in Zentraleuropa. Die Initiative der Organisatoren Dietmar Goltschnigg und Neva Šlibar ermöglichte eine Kooperation der Universitäten Graz und Ljubljana, die sich insbesondere für die Bearbeitung des zentraleuropäischen Kontextes des SFB Moderne als wertvoll erwies.
Neben dem theorieorientierten Referat von Jola Škulj (Ljubljana), das die Begriffe "Moderne", "Modernität" und "Modernismus" reflektierte, bot die Veranstaltung Ausführungen zu drei inhaltlichen Schwerpunkten. Zunächst wurde der Erste Weltkrieg als Gedächtnisort analysiert. Während der Vortrag von Petra Svoljšak (Ljubljana) die Gesamtdarstellung des Ersten Weltkriegs im historischen Gedächtnis Sloweniens zum Thema hatte, verband Joze Deñman (Kranj) die Erfahrungswelten im Ersten Weltkrieg mit jenen des Zweiten und machte dies insbesondere am Generationenkonflikt zwischen den 1914-1918 großteils in der k. u. k. Armee stehenden slowenischen "Vätern" und den im Zweiten Weltkrieg entweder auf Seite der Deutschen oder der Partisanen kämpfenden "Söhnen" fest. Eine mikrosoziologische, mentalitätsgeschichtliche Betrachtung des "Großen Krieges" stand im Mittelpunkt der Ausführungen von Sabine Haring (Graz), die anhand literarischer Quellen von Ernst Jünger und Erich Maria Remarque mentale Strukturen der Frontkämpfer und ihre Relevanz für das politische Handeln in der Zwischenkriegszeit näher beleuchtete.
Der kulturwissenschaftliche Blick auf die politisch-militärischen Aspekte des Ersten Weltkrieges bildete den zweiten Schwerpunkt des Symposions. Werner Suppanz (Graz) machte den engen Zusammenhang der Legitimation der österreichisch-ungarischen Politik und Kriegsführung mit ihrer religiösen Codierung sowie mit dem Säkularisierungsprozeß deutlich. Rok Stergar (Ljubljana) analysierte die soziokulturelle Position der Laibacher Garnison der k. u. k. Armee im städtischen Leben der Jahrhundertwende. Der Vortrag von Eva-Maria Hois (Graz) zeigte die Bedeutung der Armee als Ort des Kulturaustauschs am Beispiel der Volksliedsammlung der Musikhistorischen Zentrale des k. u. k. Kriegsministeriums auf.
Die Verarbeitung des Ersten Weltkriegs in Kunst und Literatur der zentraleuropäischen Moderne stellte den dritten Veranstaltungsschwerpunkt dar. Dominik Schweiger (Graz) erläuterte am Beispiel des Panslawismus in der Musik Leoš Janá…eks seine These, daß nationalistisches Material in der Musik prinzipiell nicht feststellbar sei. Vier Vorträge widmeten sich dem Einfluß des Ersten Weltkrieges auf die Literatur. Dietmar Goltschnigg (Graz) untersuchte am Beispiel der "Feinde Goethe und Heine" (Max Nordau) die propagandistischen Selbst- und Fremdbilder auf deutscher bzw. österreichischer und auf französischer Seite. Špela Virant (Ljubljana) spürte im Werk Franz Kafkas Kommunikationstheorien auf, die zur Analyse des modernen Medienkrieges beitragen. Mit Propaganda befaßte sich auch Petra Ernst (Graz), die den Wandel der Münchener satirischen Zeitschrift "Simplicissimus" von ihrer ursprünglich liberalen Ausrichtung zum nationalistischen Hetzblatt nachzeichnete. Katja Mihurko (Ljubljana) analysierte schließlich die Rollenbilder und Gender-Beziehungen in den Werken schreibender Frauen der slowenischen Moderne. Den Abschluß des Symposions bildeten die Ausführungen zur bildenden Kunst. Lev Menaše (Ljubljana) erläuterte anhand der slowenischen Kriegsmalerei das Konzept der paysage moralisé, dessen Funktion die Inspiration des Betrachters im patriotischen Sinn ist. Elfriede Wiltschnigg (Graz) untersuchte das Werk Oskar Kokoschkas, das einerseits von seinem Erleben als Beobachter, Kritiker und Opfer des "Krieges der Menschen", andererseits von seiner Selbstwahrnehmung als Verlierer im "Krieg der Geschlechter" geprägt war.
Das sehr offen gehaltene Generalthema ermöglichte einen informativen Überblick über die Moderneforschung an der Universität Ljubljana und im Grazer Spezialforschungsbereich. Die Vorträge und Gespräche boten zudem Gelegenheit, den unterschiedlichen Blick auf den Ersten Weltkrieg im Kontext einer zentraleuropäischen Moderne von zwei unterschiedlichen Forschungsstandorten aus zu diskutieren.

Sabine Haring und Werner Suppanz


Strategien der Identitätsbildung in der Moderne
Zum 4. Österreichischen Zeitgeschichtetag in Graz, 27.-29.5.1999


Im Rahmen des Themenschwerpunkts "Identität" des Österreichischen Zeitgeschichtetages fand das Panel Strategien der Identitätsbildung in der Moderne statt, das mit vier VertreterInnen des SFB Moderne und einem Gastreferenten aus den USA besetzt war. Werner Suppanz (Graz) untersuchte in seinem einleitenden Vortrag die zunehmende Obsoletheit der supranationalen Identitätsmomente der Habsburgermonarchie, die sich auf das "Gottesgnadentum" beriefen, sowie die nicht realisierten Entwürfe eines säkularisierten politischen Sinnhorizontes für den Gesamtstaat.
Identitätsbildung auf nationaler Grundlage stand im Mittelpunkt des Beitrags von Heidemarie Uhl (Graz), die am Beispiel von Akten kultureller Zeichensetzung (Denkmäler, Straßennamen, Theateraufführungen) in Graz um 1900 die Ambivalenz deutschnationaler Identitätspolitik herausarbeitete. Heidrun Zettelbauer (Graz) erweiterte die Diskussion über Identitätskonstruktionen um den Aspekt "Geschlecht" und setzte sich in ihrem Vortrag mit der Widersprüchlichkeit der Positionierung von Frauen im deutschnationalen Diskurs der Jahrhundertwende auseinander. Ihre Beispiele zeigten deutlich, wie einerseits das "nationale Projekt" Frauen gezielt ausgrenzte oder funktionalisierte, diese andererseits jedoch nicht nur Objekt des nationalen Diskurses waren, sondern ihn auch mitprägten.
Petra Ernst (Graz) sprach über jüdische Identitätsbildung um die Jahrhundertwende im Deutschen Reich. Am Beispiel der Romane Werther, der Jude (1892) von Ludwig Jakobowski und René Richter. Die Entwicklung eines modernen Juden (1906) von Lothar Brieger-Wasservogel zeichnete sie Entwicklungstendenzen jüdischen Selbstverständnisses im Spannungsfeld zwischen zionistischen und assimilatorischen Bestrebungen nach.
Abschließend bereicherte Howard Louthan (Notre Dame, Ind., USA) die Ausführungen der VertreterInnen des SFB Moderne mit einem Vortrag über die Identitätskrise in Zentraleuropa um einen "Blick von außen", wobei er als Schwerpunkt das Fallbeispiel der Herausbildung der böhmischen Identität behandelte. Obwohl sich die Vortragenden den Strategien von Identitätsbildung in der Moderne aus unterschiedlichen Perspektiven annäherten, zog sich die Thematisierung von Wechselbeziehungen zwischen Fremd- und Selbstbildern wie ein roter Faden durch die Beiträge.

Martina Nußbaumer und Katharina Wegan


Gibt es eine österreichische Philosophie? Die Denktradition(en) der zentraleuropäischen Moderne
Workshop des SFB Moderne anläßlich des 70. Geburtstags von Rudolf Haller, Graz, 28.5.1999


Die Titelfrage, ob es eine österreichische Philosophie gibt, suggeriert nicht zufällig, dass es mehrere geben könnte. Die Teilnehmer sollten sich mit der sogenannten "Neurath-Haller-These" auseinandersetzen. Diese These besagt, dass es eine einheitliche, in sich kohärente und von der übrigen deutschsprachigen Philosophie deutlich abgegrenzte österreichische Philosophie gäbe. Nun macht es verhältnismäßig wenig Schwierigkeiten, die österreichische Philosophie von der deutschen (post-kantianischen) abzugrenzen. Doch innerhalb der österreichischen Philosophie gibt es sehr disparate Strömungen. Der vielleicht schärfste Gegensatz entsteht aus der dezidiert anti-metaphysischen Haltung des Wiener Kreises und den ontologischen Arbeiten der Denker der Brentano-Meinong-Schule. Ganz klar repräsentieren etwa Meinongs Gegenstandstheorie und Brentanos Annahme irrealer Gegenstände (und ebenso seine spätere Verwerfung derselben) genau jene Metaphysik, die nach der Auffassung des Wiener Kreises von einer modernen wissenschaftlichen Philosophie ein für alle Mal auszurotten sei, nämlich Metaphysik als eine apriorische (d. h. erfahrungsunabhängige) Wissenschaft von der bewusstseinsunabhängigen Wirklichkeit. Die Möglichkeit einer solchen Wissenschaft wurde von den Vertretern des Wiener Kreises mit allem Nachdruck geleugnet, alle Fragen, die einer solchen Wissenschaft zuzurechnen wären, als bloße "Scheinfragen" ohne echten Sinn abgetan. Die Frage ist nun, ob es trotz dieser Gegensätze zwischen österreichischen Denkern irgendwelche durchgängig vorhandenen Merkmale gibt, die die Rede von "der" österreichischen Philosophie rechtfertigen würden.
Jan Sebestik widmete seinen Vortrag mit dem Titel Die Prager Moderne dem tschechischen Philosophen Thomas G. Masaryk, Schüler Franz Brentanos und späteren Präsidenten der Tschechoslowakei, insbesondere dessen Beziehung zur Religion.
Thema von J. C. Nyíris Vortrag mit dem Titel Österreichisch-ungarische Kommunikationsphilosophien war die Beziehung zwischen Denken und Sprache im Verständnis einiger Sprachphilosophen und Filmtheoretiker der Monarchie bzw. ihrer Nachfolgestaaten. Konkret ging es um folgende Fragen: Gibt es ein Denken ohne Sprache? Wie beeinflussen unsere Kommunikationsmittel unser Denken? Unterscheidet sich das Denken in einer Kultur der rein mündlichen Rede vom Denken in einer Schriftkultur, und dieses wiederum vom Denken in einer Kultur der Bilder? Manche "Kommunikationsphilosophen" der österreichischen Moderne betonten die Rolle der Schriftsprache; andere kamen, unter dem Eindruck des neuen Mediums Film, zu der Auffassung, dass die Bilder die Schriftlichkeit überwinden würden.
Das besondere Interesse für die Sprache als Gegenstand der philosophischen Reflexion führt Nyíri auf die sozio-kulturelle Situation in der Donaumonarchie zurück, insbesondere natürlich auf die Vielsprachigkeit dieser Region, aber auch auf die Kluft zwischen "Schriftsprache" und mündlicher Umgangssprache.
Nicht beantwortet wurde die in der Diskussion gestellte Frage, warum die sprachliche Wende in der Philosophie erst nach 1900 erfolgte (und nicht schon viel früher), wenn ihre Ursache, wie Nyíri spekuliert, die Vielsprachigkeit der Donaumonarchie gewesen sei.
Peter Simons unternahm in seinem Beitrag Metaphysik ja oder nein: Ein Unterscheidungsmerkmal innerhalb der österreichischen Philosophie den Versuch, eine Parallele zu ziehen zwischen der Entwicklung von der Prämoderne zur Moderne und der Moderne zur Postmoderne in der Kunst einerseits und in der Philosophie andererseits. Simons versuchte, allgemeine Merkmale der Moderne bzw. Postmoderne zu entwickeln. Dabei ging er zunächst nicht von der Philosophie aus, sondern von der Malerei, der Musik, der Literatur, dem Drama und der Architektur. Der Übergang von der Prämoderne zur Moderne sei dadurch gekennzeichnet, dass das Medium selbst bzw. das Material in den Vordergrund trete: in der Malerei die "Oberfläche", in der Musik das Tonmaterial, in der Literatur die Sprache, in der Architektur Technik und Baumaterialien. Der Übergang von der Moderne zur Postmoderne hingegen sei gekennzeichnet durch eine zunehmende "Vordergründigkeit der Ontologie". Diese These wurde hauptsächlich am Beispiel der Literatur expliziert: In postmodernen literarischen Texten gehe es nicht mehr vordergründig um die Sprache (also das "Material" des Textes), sondern entweder um die Ontologie des Textes selber oder um die durch den Text "projizierten Welten", also um die im Werk dargestellte Realität.
In der Philosophie nun können wir um die Jahrhundertwende eine Hinwendung zur Sprachanalyse feststellen; um die Mitte des Jahrhunderts jedoch kommt, nach Simons' Darstellung, in der Philosophie die ontologische Wende, insbesondere in Gestalt von Ontologien möglicher Welten, also Theorien, in welchen die Existenz unendlich vieler bloß möglicher Welten angenommen wird.
Die Parallele soll also lauten: Hinwendung zur Sprache beim Übergang von der Prämoderne zur Postmoderne sowohl in der Philosophie als auch in der Literatur; und, 50 Jahre später: Abwendung von der Sprache, Hinwendung zur Ontologie, ebenfalls sowohl in der Philosophie als auch in der Literatur. Gegen diese Darstellung spricht allerdings nicht nur (wie auch in der Diskussion festgehalten wurde), dass die Sprachreflexion in der Literatur (und zwar gerade in der österreichischen Literatur) auch noch lange nach 1950 eine ganz wichtige Rolle spielt. Dagegen spricht auch, dass gerade in der österreichischen Philosophie eine Hinwendung zur Ontologie ganz gewiss nicht erst um 1950 stattfand — man denke an so wichtige und einflussreiche Philosophen wie Brentano und Meinong.
Zur Neurath-Haller-These sagte Simons am Ende, dass die österreichische Philosophie "nur schwach vereinheitlicht" sei. Ein gemeinsames Merkmal sei die Aufgeschlossenheit gegenüber aufklärerischen Ideen. Wie in der Diskussion zu Recht gesagt wurde, reicht dieses Merkmal wohl nicht einmal für eine "schwache Einheit" der österreichischen Philosophie. Das Prädikat "aufklärerisch" kann, sofern es nicht näher spezifiziert wird, wahrscheinlich jeder guten Philosophie zugesprochen werden.
Haller bekannte in seinem Abschluss-Statement, dass es für ihn selbst schwierig sei zu erklären, wie man zugleich ein Anhänger des Wiener Kreises und ein Vertreter der Brentano-Meinong-Tradition sein könne.
Wenn man versucht, aus diesem Symposium Lehren zu ziehen, endet man bei einer Art zweifachen Skepsis, nämlich einerseits in Bezug auf die Neurath-Haller-These und andererseits in Bezug auf die Beziehung der Philosophie zur Moderne. Was die Neurath-Haller-These betrifft, so sind wir auch in diesem Symposion dem Aufweis eines positiven Merkmals, das tatsächlich ein Spezifikum aller österreichischen Philosophie wäre, nicht merklich näher gekommen. Es scheint, dass man "die" österreichische Philosophie allenfalls negativ definieren kann, nämlich als entschieden anti-kantianisch und vor allem anti-hegelianisch.
Eine andere Frage ist, was es mit der Modernität der österreichischen Philosophie auf sich hat. Inwiefern war die österreichische Philosophie modern? Ich habe schon begründet, warum Peter Simons' Antwort auf diese Frage nicht aufrecht zu erhalten ist. Nicht alle österreichischen Philosophen von 1900 bis 1950 betrachteten Philosophie als Sprachanalyse; und andererseits gab es natürlich auch vor 1950 (und auch weit vor 1900) Metaphysik. Außerdem war zumindest einer der beiden großen Zweige der österreichischen Philosophie (nämlich der Brentano-Zweig) stark auf die Vergangenheit gerichtet, nämlich auf Aristoteles bzw. auf die mittelalterliche Scholastik. Aus dieser Tradition wurden nicht bloß die Fragestellungen übernommen, sondern vielfach auch die Strukturen der Argumentation und wohl auch der "analytische" Denkstil.
Weniger problematisch ist es sicherlich, von einer Philosophie der Moderne zu sprechen, verstanden als die Philosophie jenes zeitlichen und geographischen Bereichs, der mittels Philosophie-externer Kriterien als "Moderne" definiert worden ist. Eines hat dieser Workshop jedenfalls einmal mehr gezeigt: dass es lohnt zu untersuchen, was die Philosophen der Moderne zum geistigen Leben ihrer Zeit beigetragen haben.

Maria E. Reicher


Symposien - Vorschau


Speicher des Gedächtnisses.
Tagung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Kommission für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte, Wien, 5.-6. November 1999 Konzept: Moritz Csáky, Peter Stachel (beide SFB Moderne) u. a.


1. Absage an / Wiederherstellung von Vergangenheit: Hauptvortrag: Ernst Schulin (Freiburg): Absage an / Wiederherstellung von Vergangenheit. Weitere Referate von Gottfried Korff (Tübingen), Konrad Köstlin (Wien), Leopold Auer (Wien), Manfried Rauchensteiner (Wien)
2. Kompensation von Geschichtsverlust: Hauptvortrag: Jan Assmann (Heidelberg): Ritus, Monument und Schrift als Gedächtnisspeicher im alten Ägypten. Weitere Referate von Beatrix Kriller (Wien), Werner Telesko (Wien)
3. Die Erfindung des Ursprungs: Hauptvortrag: Aleida Assmann (Berlin, Konstanz): Kanon - Museum - Denkmal. Drei Dimensionen des kulturellen Gedächtnisses. Weitere Referate von Leopold Kammerhofer (Wien) und Andreas Fingernagel (Wien)
4. Systematisierung der Zeit: Hauptvortrag: Klaus E. Müller (Frankfurt/Main): Das Geschehen im Netz der Zeit: Eine ethnologische Abwägung. Weitere Referate von Gotthart Wunberg (Wien, Tübingen), Hans Petschar (Wien), Lydia Haustein (Göttingen) 5. Resümee: Stift Klosterneuburg als exemplarischer Speicher des Gedächtnisses (Führungen: Hermann Fillitz, Floridus Röhrig)


Rezensionen


Jürgen Schiewe: Die Macht der Sprache. Eine Geschichte der Sprachkritik von der Antike bis zur Gegenwart. München: Verlag C. H. Beck 1998. 328 S., DM 68,- / ÖS 496,-


Der Umstand, daß die Abfassung einer Geschichte der Sprachkritik seit langem ein Desiderat darstellt, legt nahe, daß es sich dabei um ein Vorhaben handelt, an dessen Verwirklichung schon so mancher gescheitert ist. Umso größere Anerkennung verdient Jürgen Schiewes Versuch, sich dieses nicht bloß in seiner historischen Dimension umfangreichen, sondern auch inhaltlich schwer abzugrenzenden Gegenstandes anzunehmen. Was den zeitlichen Horizont betrifft, behilft sich der Autor mit einer weitgehenden Beschränkung seiner Untersuchung auf den deutschen Sprachraum der letzten 300 Jahre. Dies aber hat zur Folge, daß der Inhalt des Buches kaum mehr mit dessen Untertitel übereinstimmt: Entfallen doch auf die Behandlung des Zeitraumes von der griechischen Antike bis zum Ende des 17. Jahrhunderts nur ganze 38 Seiten.
Zur inhaltlichen Präzisierung seines Themas grenzt Schiewe die Sprachkritik zunächst sowohl vom rein deskriptiven Zugang der Sprachwissenschaft als auch vom erkenntnistheoretischen Interesse der Sprachphilosophie ab, Sprachkritik habe mit dem Sollen von Sprache zu tun. Sie mache Aussagen darüber, wie Sprache "aussehen" oder wie sie benutzt werden soll. Unter diesem Aspekt erscheint nun auch die eben beanstandete Einengung des Zeitrahmens als gerechtfertigt, setzt doch Sprachkritik im Sinne Schiewes in Deutschland erst mit dem Barock ein - als ein planmäßiges Unterfangen, auf die allgemeine Entwicklung und den Gebrauch des Deutschen Einfluß zu nehmen. So durchlebte die deutsche Sprache nacheinander die Phasen der Aufwertung (gegenüber dem Gelehrtenlatein), der Normierung (als "hochdeutsche" Schriftsprache) und der Reinigung (von fremdsprachlichen Elementen).
Um 1900 schließlich wurde diese selbstsicher-nationalistische Haltung von einer existentiellen Sprachkrise unterwandert, welche das Verhältnis von Sprache und Wirklichkeit problematisierte und weite Kreise vor allem der deutschsprachigen Intellektuellen erfaßte. Während die philosophische Erkenntniskritik (Wittgenstein, Wiener Kreis) die mangelnde logische Präzision der Alltagssprache bedauerte, entsetzten sich engagierte Literaten (Kraus, Tucholsky) über die Mißbrauchsmöglichkeit von Sprache als Mittel ideologischer Manipulation. Sprache bildet Realität nicht ab, sie "erfindet" Realität, täuscht Tatsachen vor: Weil ein Wort vorhanden ist, meinen wir, diesem Wort müsse auch etwas Wirkliches, ein außersprachlicher Gegenstand entsprechen (Mauthner).
Diese Einsicht konnte sich laut Schiewe erst nach dem Zweiten Weltkrieg, nach der Erfahrung der Lingua Tertii Imperii (Klemperer), allgemein durchsetzen. Heute freilich gehört es zur Grundüberzeugung einer um "political correctness" bemühten Sprachkritik, daß soziale Machtverhältnisse sich nicht bloß in sprachlichen Konventionen ausdrücken, sondern durch den ständigen - unbewußten und unhintergehbaren - Gebrauch dieser Sprachformen auch gefestigt und gleichsam "verewigt" werden.
Schiewe schließt mit dem Ausblick auf eine Zukunft, in der die Sprachkritik um eine Bildkritik zu erweitern sein wird. Denn auch die visuellen Medien schaffen erst jene Realität, deren objektive Zeugen sie zu sein vorgeben.

Andrea Fruhwirth


Corina Caduff, Joanna Pfaff-Czarnecka (Hg.): Rituale heute. Theorien – Kontroversen – Entwürfe. Berlin: Reimer 1999. 230 S., DM 48.-, ÖS 350.-


Beim Volk der Newar im Kathmandu-Tal in Nepal existiert ein Ritual des Textlesens, genannt pa thyakegu, das wiederholt im klösterlichen Tempelkomplex des Kwa Bahah, Lalitpur, stattfindet. Der Text, der hiebei gelesen wird, trägt den schönen Titel Die Perfektion der Weisheit in achttausend Zeilen. Die lokale Bevölkerung, die eine Lesung vor allem in gefährlichen Situationen veranstaltet, erhofft sich von der nach bestimmten, traditionell festgelegten Regeln erfolgenden Lektüre dieses Textes die Erfüllung ihrer Wünsche, Genesung, glückliche Heimkehr. Zehn Vajracarya-Priester übernehmen je einen Teil des Textes, führen das guru mandala Ritual durch und lesen im Anschluß daran alle gleichzeitig diesen Sanskrittext, leise oder überhaupt unhörbar.
Das Lesen eines Textes als Ritual stellt wohl nur eine besonders spektakuläre Auffassung von Literatur, ihrem Ursprung und ihrer Wirkung, dar. In der Tat verhält es sich jedoch so, daß im Zuge der Debatte um die Kunstwissenschaften als Kulturwissenschaften auch der Begriff des Rituals zunehmend in den Mittelpunkt des Interesses gerät. Gewiß bringt die Übertragung eines Begriffs aus einer bestimmten Disziplin (hier der Ethnologie) in eine andere (z. B. Kunstwissenschaft) Probleme mit sich, Einschränkungen und neue Akzentuierungen. So kann es in der Diskussion um das Ritual in kulturwissenschaftlichem Kontext nicht um die Frage nach dem "Montageplan" eines "echten" Rituals gehen oder darum, welche Ritualformen welchen Religionstypen zuzuordnen seien. Wenn von "Ritual" im Zusammenhang mit Kunst die Rede ist, stehen sinnvollerweise etwa folgende Aspekte im Vordergrund: Kunst als im weitesten Sinn "religiöses", sinnstiftendes Ritual; der Ursprung der Kunst im Primitiv-Authentischen des archaischen Rituals; rituelle Kunst als performative Kunst (Aufhebung der Rollen von Zuschauer und Akteur im Rahmen von ritualhaft inszenierter Kunst) etc.
Das Interesse für das Ritual, das sich bereits um 1900 nachweisen läßt (man denke nur an Strawinskijs Le sacre du printemps, an Gauguins Atelier der Tropen oder an Hofmannsthals Elektra, von Nietzsches Initialzündung Die Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik gar nicht zu sprechen), manifestiert sich in der Postmoderne als Klage über die Ent-Ritualisierung der Gesellschaft, als Nachweis von "säkularen" Ritualen oder grundsätzlich als Bereitschaft zur "Wiederverzauberung der Welt".
Der Sammelband Rituale heute, den die Ethnologin Joanna Pfaff-Czarnecka und die Germanistin Corina Caduff herausgegeben haben, will – so der Untertitel – Theorien, Kontroversen, Entwürfe bieten. Er bringt Beiträge aus der Sicht der Ethnologie, der Psychologie, der Literatur-, Rechts- und Theaterwissenschaft. Die japanische Schriftstellerin Yoko Tawada, die den Computer als gespensterfreundlichen Platz bezeichnet, beschließt den Band mit Betrachtungen über ritualisiertes Schreiben in unterschiedlich ritualisierten kulturellen Kontexten.

Alice Bolterauer


Neuerscheinungen aus dem SFB


Helene Zand: Das Tagebuch – Ort der Identitätskonstruktion. Studie zur konstitutiven Rolle von Identität und Gedächtnis im Tagebuch Hermann Bahrs. Phil. Diss., Graz 1999.


In den Tagebüchern Hermann Bahrs vollzieht sich die auf mehreren Ebenen erschriebene Konstruktion eines fragmentierten Bewußtseins. Indem sich das Ich in die verschiedenen diachronen und synchronen Bezüge des kulturellen Netzwerkes einschreibt, wird es zum Produkt dieser Bezüge. Im Tagebuch, das die ständigen Umschreibungen und Neupositionierungen des Ich einbeziehen kann, bildet sich die Identität als geschichtenförmige Konstruktion heraus und wird als Selbst-Erzählung einer Person präsentiert. Die repräsentativen Diskurse werden in der Analyse aufgegriffen und ihre Bedeutung für die Identitätskonstitution unterstellt.


Hermann Bahr: Tagebücher – Skizzenbücher – Notizhefte. Bd IV: 1904-1905, hg. v. Moritz Csáky, bearb. v. Lukas Mayerhofer und Helene Zand. Wien: Böhlau.


Auch der vierte Band der Tagebuchedition repräsentiert wieder die Vielfältigkeit eines kulturellen Netzwerkes, dem sich der Schriftsteller und Journalist Bahr ausgesetzt sah. Schwerpunkte des Bandes sind zum einen die Weiterführung der Antikenrezeption durch den Athenaufenthalt 1904, weiters die Rezensententätigkeit für das Neue Wiener Tagblatt und die Österreichische Volks-Zeitung. Breiten Raum nimmt auch die Dokumentation der Beziehung Bahrs zu Anna Mildenburg ein.


Dietmar Goltschnigg: Die Fackel ins wunde Herz. Kraus über Heine – Eine Erledigung. Texte, Analysen, Kommentar. Wien: Passagen.


Kraus hat gegen Heine jahrzehntelang einen unversöhnlichen Strafprozeß geführt, der nunmehr erstmals lückenlos dokumentiert wird. Die Fackel-Texte bilden das Zentrum eines dicht vernetzten Kommunikationssystems, wie es in dieser komplexen Intertextualität bisher noch nicht erfaßt worden ist. Heine erscheint darin als Inbegriff der verabscheuten Moderne, die um die Mitte des 19. Jahrhunderts von Paris ihren Ausgang genommen und ihre adäquate Fortsetzung um die Jahrhundertwende in Wien gefunden habe, wo die sogenannte "Heine-Affaire" das kulturelle und politische Leben jahrelang beherrschte. Mit seinen obsessiven Angriffen auf Heine fällt Kraus selber dem von ihm vehement geleugneten "jüdischen Selbsthaß" zum Opfer, denn er projiziert sein eigenes Judentum auf den geistesverwandten Rivalen, um seine zeitlebens forcierte Assimilation, seine "Entjudung" zu vollenden.


Peter Stachel: Ethnischer Pluralismus und wissenschaftliche Theoriebildung im zentraleuropäischen Raum. Fallbeispiele wissenschaftlicher und philosophischer Reflexion der ethnisch-kulturellen Vielfalt der Donaumonarchie. Phil. Diss., Graz 1999.


Dargestellt und analysiert werden in ideengeschichtlicher und wissenssoziologischer Perspektive jene wissenschaftlichen und philosophischen Theoriebildungen und Traditionen innerhalb des Habsburgerstaates, die sich als Reflexion der gegebenen politischen und soziokulturellen Situation in einem Vielvölkerstaat im Zeitalter eines dominanten ideologischen Nationalismus interpretieren lassen. In der Auswahl wurden vornehmlich solche wissenschaftlichen Ansätze berücksichtigt, die einen synthetisierenden und harmonisierenden Ansatz verfolgten, der sich in der Leibniz'schen Formel von der "Einheit in der Vielfalt" zusammenfassen läßt. Dieser Ansatz verdankt sich einerseits der Wahrnehmung der in der Lebenswelt real vorhandenen kulturellen, sprachlichen und konfessionellen Pluralität innerhalb des Staates, ist aber andererseits von harmonisierenden, gesamtstaatlich orientierten Vorgaben – etwa bildungspolitischer Art – überformt.


Moritz Csáky, Richard Reichensperger (Hg.): Literatur als Text der Kultur, Wien: Passagen 1999.


An die Stelle eines eng gefaßten Kulturbegriffs wird hier ein Konzept von Kultur als Text zur Diskussion gestellt. Kultur kann so als ein Bündel von semiotischen Systemen (J. M. Lotman) oder als die Zirkulation von sozialer Energie (St. Greenblatt) verstanden werden (M. Csáky, R. Reichensperger: Einleitung). Ausgehend von diesen Überlegungen thematisieren elf Beiträge Kultur innerhalb der Koordinaten Text, Geschichte und Literatur. Während u. a. Moritz Baßler (Tübingen/Rostock) sich auf die Thesen des New Historicism konzentriert, befaßt sich Peter V. Zima (Klagenfurt) mit der Problematik von Intertextualität. Jaroslav Stritecký (Brünn) entwirft eine Kulturtypologie Mitteleuropas, Leslie Bodi (Melbourne) hinterfragt typische Kriterien eines österreichischen Standard-Deutsch und Richard Reichensperger (Wien) versucht anhand literarischer Beispiele von A. Stifter bis H. C. Artmann eine Stadtsemiotik Wiens zu entwerfen.


Zerfall und Rekonstruktion. Identitäten und ihre Repräsentation in der Österreichischen Moderne, hg. von Hildegard Kernmayer unter Mitarbeit von Claudia Kreš-Edlinger. Wien: Passagen 1999 (= Studien zur Moderne 5).


Die Frage nach der Identitätsbildung sowie nach jenen Strategien, die im kulturellen und politischen Diskurs der österreichischen Moderne der Herstellung und Durchsetzung konsistenter Identität dienen, bestimmt das Erkenntnisinteresse der kulturwissenschaftlichen Beiträge des vorliegenden Bandes. Die Frage nach der Relationalität von Subjekt und Objekt, von Innen und Außen, vom 'Einen' und dem 'Anderen' intendiert dabei mehr als lediglich eine erkenntnistheoretische Explikation des Verhältnisses von Identität und Differenz. Vor dem Hintergrund psychoanalytischer, systemtheoretischer und poststrukturalistischer Theoreme weisen die Beiträgerinnen und Beiträger vielmehr die 'identitätslogische' Verfaßtheit des philosophischen, kunstwissenschaftlichen und bildungstheoretischen Diskurses der letzten Jahrhundertwende nach. Neben den sozio-ökonomischen Implikationen der Identitätsbildung interessieren dabei vor allem die spezifischen Qualitäten der gesellschaftspolitischen und literarisch-künst-lerischen Ganzheitsentwürfe. Alle Beiträge spannen den Bogen zur philosophischen und ästhetischen Reflexion der Postmoderne.


Moderne Identitäten, hg. von Alice Bolterauer und Dietmar Goltschnigg. Wien: Passagen 1999 (= Studien zur Moderne 6).


Der Sammelband, der zum Teil auf Vorträgen des internationalen Symposions Identität(en) in der Moderne (16.-18. Oktober 1997, Graz) basiert, vereint Beiträge aus verschiedenen Disziplinen (Philosophie, Musikwissenschaft, Kunstgeschichte, Geschichte, Soziologie, Mediengeschichte und Germanistik), die es unternehmen, der Ambivalenz der Moderne zwischen Krise der Identität und ihrer Rekonstruktion nachzuspüren. Versteht sich modernes Bewußtsein als permanenter Einspruch gegen Identitätsbehauptungen, die mehr zu sein beanspruchen als Konstruktion, so produziert eben dieses Krisenbewußtsein zum andern auch eine unstillbare Sehnsucht nach Ganzheit, Einheit und Sinn.


Barbara Aulinger: Die Gesellschaft als Kunstwerk. Fiktion und Methode bei Georg Simmel. Wien: Passagen 1999 (= Studien zur Moderne 7).


Georg Simmels formale Soziologie, für die er selbst eine bis dato nicht näher bestimmte künstlerische Methode in Anspruch nahm, wird unter dem methodologischen Aspekt der Kunstgeschichte analysiert. Simmels bemerkenswert häufige Verweise auf Kunst und Kunstgeschichte als Wissenschaft erweisen sich als treibende Kraft seiner Perspektive auf die Gesellschaft, "als ob sie ein Kunstwerk" wäre. Simmels Formvorstellung findet sich präfiguriert in der Kunstgeschichte, besonders in Schriften seines Lehrers Hermann Grimm sowie in den damals aufsehenerregenden Theorien von Conrad Fiedler und Adolf von Hildebrand. Auch Simmels Bedingungen und Zielvorstellungen für eine Soziologie als autonome Wissenschaft - die Entdeckung "realer Gebilde" in der Gesellschaft - fanden im kunsthistorischen Konstrukt "Stil" ihr Vorbild. Der Band gibt einerseits der Soziologie der Jahrhundertwende einen methodologischen Impuls, andererseits eröffnet er der Kunstgeschichte wissenschaftstheoretisch eine neue Dimension.


Einheit und Vielheit. Organologische Modelle in der Moderne, hg. v. Barbara Boisits und Sonja Rinofner-Kreidl. Wien: Passagen (= Studien zur Moderne 10).


Der vorliegende Sammelband diskutiert organologische Denkansätze, die in verschiedenen Bereichen (Biologie, Psychologie, Soziologie, Philosophie, Literatur, Staatslehre und politische Theorie, Ökonomie, Kulturkritik und -geschichtsschreibung, Musikwissenschaft) gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelt wurden, sowie jüngere Konzeptionen. Anhand konkreter Ausgestaltungen organologischen Denkens sollen einseitige programmatische Auffassungen der Moderne in Frage gestellt werden. Insbesondere wird untersucht, ob es in der Absicht einer auf Einheit oder Ganzheit zielenden Betrachtungsweise liegt, soziale, kulturelle oder wissenschaftliche Differenzierungsprozesse rückgängig zu machen. Ist die Zuordnung von Organismusmodellen zu kulturkonservativen oder (politisch) reaktionären Bestrebungen gerechtfertigt? Kann über "Moderne" und "Modernität" überhaupt in der Entgegensetzung progressiver und regressiver Tendenzen gesprochen werden? Die Beiträge des Bandes führen aus verschiedenen thematischen und disziplinären Perspektiven zu einer Beantwortung der Frage hin, ob organologisches Denken als ein Instrument der Gegenmoderne zu verstehen ist oder ob es eine Grundströmung modernen Denkens repräsentiert, der nicht selten die Funktion einer Krisenbewältigungsstrategie zukommt.

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