Kultur - ein "selbstgesponnenes Bedeutungsgewebe"?

Bericht über den 3. Workshop des SFB Moderne in Gorizia (April 1998)


Bereits zum dritten Mal begaben sich die Mitglieder des Grazer Spezialforschungsbereichs in eine dreitägige Klausur. Rund vierzig MitarbeiterInnen, die Projektleiter sowie als internationale Gäste Neva Šlibar (Ljubljana) und Wolfgang Lipp (Würzburg) tagten im "Istituto per gli incontri culturali Mitteleuropei" in Gorizia, einer Einrichtung, die aufgrund der dort seit vielen Jahren betriebenen kulturwissenschaftlichen Forschungen dem SFB verbunden ist.

Wenngleich die methodische und terminologische "Vielsprachigkeit" eines interdisziplinären Projekts die Fixierung eindeutiger Begrifflichkeiten a priori ausschließt, so erweist es sich doch als unumgänglich, die in den Disziplinen unterschiedlich gewichteten historischen und aktuellen Ausprägungen von Leitbegriffen zu diskutieren, um Übereinstimmungen und Differenzen zu klären und damit die Gesprächsbasis zu intensivieren. Hatte man sich in Dubrovnik mit Moderne - Modernisierung auseinandergesetzt, so stand der Kulturbegriff im Zentrum des Workshops in Gorizia.


Aktuelle Kulturtheorien


In Impulsreferaten wurden aktuelle Theoriebildungen, Kulturtheorien der Jahrhundertwende und Kulturkonzeptionen von Künstlern der Jahrhundertwende vorgestellt. Dem interdisziplinären Ansatz des SFB wurde dabei auch insofern Rechnung getragen, als einige der Vortragenden aus fachfremden Bereichen referierten. So Rainer Leitner (Österreichische Geschichte), der sich in seinem Beitrag über Anthropologie und Literaturwissenschaft v.a. auf Doris Bachmann-Medick bezog. Nach deren Meinung müsse eine Interpretationshaltung als Novum erachtet werden, die Ethnographien im Licht der Literatur und Literatur im Licht ethnographischer Einstellungen untersucht. Das Erschließen von Texten in Hinblick auf ihre interkulturelle Vergleichbarkeit verlange die Textualisierung von Kulturen, wie sie schon der New Anthropologism in seiner Auseinandersetzung mit der Frage nach der Entwicklung ethnoliterarischer Interpretationsmethoden vorführte. Als neuer Gegenstandsbereich solle ein Verständnis der Textvermitteltheit von Kulturen und von kulturellen Implikationen literarischer Texte erschlossen werden. Leitner spannte den Bogen weiter zu Clifford Geertz, der davon ausgeht, daß Kultur das von den Mitgliedern einer Gesellschaft "selbstgesponnene Bedeutungsgewebe" darstellt, durch das Handlungen permanent in interpretierende Zeichen und Symbole übersetzt werden. Begreift man, wie Geertz, literarische Texte als konstruktiv irritierende gesellschaftliche Ausdrucksformen, so sind Texte (ebenso wie kulturelle Bräuche und andere soziale Praktiken) erst über eine Vermittlungsachse der Herausbildung kultureller Codierungen möglich. Geertz fordert auf, vertraute und kanonisierte Texte wieder fremd zu machen, sie mit ethnologischem Blick wieder neu zu produzieren. Ein Hauptvertreter des New Historicism, Stephen Greenblatt, führte Geertz´ Ansatz in die Literaturwissenschaft ein. Mit Blick auf Greenblatts Vorgehen, Textkonstellationen der Renaissance zu Gebilden kultureller Selbststilisierung zu überhöhen, stellte Leitner die Frage, ob eine interpretative Kulturanthropologie nicht Gefahr laufe, mittels ihrer durch Einzelauslegungen gewonnenen Ergebnisse nur ihre methodischen Prämissen zu bestätigen.

Obwohl ein Kulturbegriff aus systemtheoretischer Sicht nicht besteht, stellte Alice Bolterauer (Germanistik) zur Diskussion, wie ein solcher unter Zugrundelegung systemtheoretischer Annahmen gedacht werden könne. In ihren Ausführungen bezog sie sich auf Niklas Luhmann, Dirk Baecker (Berlin), Niels Werber und Dirk Kretzschmar (Bochum). Von Kultur zu sprechen, ist nach Bolterauer nur dann sinnvoll möglich, wenn man von einer Beobachtung erster Ordnung (Luhmann) - die nur im Bereich des Faktischen operieren und Kultur als etwas postulieren würde, das von seiner Umwelt, die nicht Kultur ist, unterschieden werden könne - auf eine Beobachtung zweiter, auf einer Metaebene angesiedelten Ordnung umstellte. Dadurch eröffnet sich nach Luhmann zugleich ein Vergleichshorizont, der eine dritte Ebene ins Spiel bringt, ein Tertium comparationis, das Ähnlichkeit trotz Differenz garantiert. Kultur besitzt keine hierarchisch übergeordnete Funktion, sondern ist eine "Beobachtung mit Blick für Vergleichsmöglichkeiten" (Luhmann). Der Soziologe und Systemtheoretiker Dirk Baecker knüpft an die Idee von Kultur als dreistelligem Vergleich an. Ihm gilt Kultur "als Codierungsregel für Kommunikation, die Tertiarität von Binarität unterscheidet und erstere gegen letztere zum Einwand erhebt". In einem weiteren Schritt führte Bolterauer Werbers und Kretzschmars "Weltkunst"-Konzept vor, das trotz seiner immanenten Logik eine Tendenz zur Beliebigkeit nicht verhehlen kann. Beide Systemtheoretiker plädieren für einen Wechsel des Kulturbegriffs als einer "spezifischen, zeitstabilen und ontologisch-substantialistischen Kategorie" zu einem "kontingent-selektiven Horizont für je zeitgebundene Sinngebungen". Bolterauer erkennt darin ein faszinierendes Moment: Alles, was verglichen werden kann, muß sich gefallen lassen, mit allem verglichen zu werden.

Katharina Scherke (Soziologie) stellte mit Pierre Bourdieu einen Soziologen vor, dessen theoretischer Ansatz zur Zeit von den Kultur- und Gesellschaftswissenschaften in hohem Maße rezipiert wird (Der Begriff des kulturellen Feldes bei Pierre Bourdieu). Ausgehend von einem allgemeinen Überblick über die Konzeption Bourdieus mit den Begriffen des "Habitus" und des "(sozialen Kräfte)Feldes" im Zentrum entwickelte sich eine rege Diskussion über dessen konkrete Aussagen zum Kulturbegriff. Die Theorie vom individuellen Habitus und dem Feld als Rahmen, in dem gesellschaftliche Praxis erzeugt und durch Zwänge wie die Verfügungsmöglichkeit über Ressourcen und über die Kapitalformen strukturiert wird, ermöglicht es Bourdieu, in der Frage nach sozialer Determination oder Autonomie der Kunst eine Mittelposition einzunehmen. Denn die auf die Künstler wirkenden gesellschaftlichen Einflüsse werden durch das künstlerische Kräftefeld, in dem vor allem die Kunstschaffenden, die Auftraggeber, die Mäzene und die Rezipienten von Kunstwerken interagieren, gebrochen. Das kulturelle Feld als Ganzes wiederum wird wesentlich bestimmt von der Verfügung über "kulturelles Kapital", das für Bourdieu neben dem ökonomischen und sozialen eine von drei Kapitalformen darstellt und seinerseits als institutionelles (Bildungstitel), als inkorporiertes (angeeignete Bildung) und als objektiviertes (Kulturgüter wie Bibliotheken, Museen etc.) auftritt.

Den Abschluß der Ausführungen zum aktuellen kulturwissenschaftlichen Diskurs machten Heidemarie Uhl (Zeitgeschichte) und Josef Schiffer (Österreichische Geschichte), die in ihren Vorträgen aus unterschiedlichen Perspektiven Thesen zur "Geschichtswissenschaft als historischer Kulturwissenschaft" vorstellten. Uhl (Geschichte zwischen historischer Sozialwissenschaft und historischer Kulturwissenschaft. Zur aktuellen Debatte um Kultur als Leitbegriff der Geschichtswissenschaft) skizzierte dabei die gegenwärtige Diskussion um die "kulturgeschichtliche Wende" als Paradigmenwechsel mit dem Wandel von der "Gesellschaft" zur "Kultur" als deren Leitbegriffe. Die kulturanthropologisch geprägte Neuformulierung zielt insbesondere auf die Kultur als System von Bedeutungen ab (Clifford Geertz, Friedrich Tenbruck). Uhl hob die Beschäftigung mit der "Macht der Weltauslegung" - ausgedrückt in den symbolischen und diskursiven Repräsentationen der gesellschaftlichen Welt - in den kulturhistorischen Ansätzen hervor. Gerade diese Perspektive, die die Durchsetzung von Werten und Weltdeutungen sozialer Gruppen betont, erweitert die herkömmlichen, auf Politik und Ökonomie abzielenden Analysen sozialer Macht entscheidend.

Einen Ansatz, der die Verknüpfung von Geschichts- und Kulturwissenschaft besonders deutlich verkörpert, präsentierte Josef Schiffer (New Historicism und `Poetics of Culture´) anhand des New Historicism, dessen Grundannahmen aus der Literaturwissenschaft stammen. So wie Literatur immer im historischen Kontext zu lesen sei, sei Geschichte als Text, als Komplex von Erzählungen zu behandeln und damit der Analyse narrativer Muster zugänglich. Die Diskursanalyse als vorrangige Methode des New Historicism betrachtet die Texte als Gewebe, als netzartiges synchrones Ordnungsmuster von Zitaten und Texten, deren "Fäden" verfolgt werden sollen. In dieser neuen Form der Hermeneutik bildet der Interpret einen aktiven Teil der Diskursvernetzung. Die schriftliche Repräsentation des Gewebes bedient sich der Methode der "Kulturpoetik" ("Poetics of Culture"), die die Verbindungen zwischen den Diskursfäden in den verschiedenen Bereichen des historisch-kulturellen Gewebes darstellen soll.


Kulturtheorien der Jahrhundertwende


Den zweiten Schwerpunkt des Workshops bildeten die Kulturtheorien der Jahrhundertwende. Grundlage aller drei Präsentationen war die Debatte um die universale Historisierung des Wissens und Denkens in der Moderne (Ernst Troeltsch), d.h. das Bewußtsein der Gewordenheit aller kulturellen und historischen Phänomene und damit auch der Standpunkte der Forscher. Der darauf beruhende Diskurs über den Verlust des Glaubens an zeitlich wie räumlich universell gültige Normen und Erkenntnisgewißheiten, der als historischer und Werterelativismus auftritt, stand in intensiver Wechselbeziehung mit dem Verständnis von Kultur und der Aufgabe der Kulturwissenschaften. Die Bedeutung der Debatte um den Historismus im 19. Jahrhundert erlaubt es, ihn ebenso wie Fortschritt, Rationalismus und Technisierung als wesentliches Kriterium der Moderne zu bezeichnen (Otto Gerhard Oexle). Zunächst bot Barbara Boisits (Musikwissenschaft) einen Überblick über den Historismus und das Problem der Objektivität in den Kulturwissenschaften. Danach folgten zwei Fallbeispiele anhand der Kulturtheorien von Max Weber und Ernst Troeltsch.

Boisits betonte, daß der Historismus die Möglichkeit von Erkenntnisgewißheiten unter der Voraussetzung der Wertfreiheit und Subjektlosigkeit des Forschers bejaht. Er forderte damit die Frage nach der Legitimität von Wertungen und der Begründung von Objektivität heraus. Die Kritiker bemängelten die "Gleich-Gültigkeit" aller historischen Phänomene und die lebenspraktische Orientierungslosigkeit, die aus der Historisierung resultierten. Die Antworten darauf fielen unterschiedlich aus: Nietzsche plädierte für die Unterordnung der Wissenschaft unter das Leben. Troeltsch wollte auf der Basis einer Universalgeschichte - als einer wissenschaftlichen Disziplin - eine Kultursynthese entwickeln, die dem Leben wieder verbindliche Werte vorschreiben könne. Max Weber wiederum hielt die Möglichkeit einer Wertsetzung durch Wissenschaft für unmöglich. Objektivität könne es nur im Sinne der Reflexion über die unvermeidbaren Wertsetzungen des Wissenschaftlers und des Verzichts auf deren Ableitung aus dem empirisch Gegebenen geben.

Den Zusammenhang von Wissenschaftstheorie und Kulturtheorie bei Weber führte anschließend Werner Suppanz (Zeitgeschichte) weiter aus (Zum Kulturbegriff bei Max Weber). Weber versteht unter "Kultur" jene Kategorie menschlichen Handelns, die die Aufgabe der Sinnproduktion, der Zuweisung von Bedeutungen für gesellschaftliche Erscheinungen umfaßt, und damit ein zentrales Element modernisierter Gesellschaften. Forschungsobjekt der Kulturwissenschaften sei daher die "Kulturbedeutung" der sozialen Erscheinungen. Dieser Kulturbegriff Webers ist eng verflochten mit seiner Diagnose der rationalisierten, "entzauberten" Welt: Wissenschaft und Religion seien nicht (mehr) in der Lage, Werte und Bedeutung zu vermitteln. Der zweckrationale Fachmensch verdränge den alten Kulturmenschen. Substitute der Sinngebung, die Erlösung vom Alltag und vom Druck des Rationalismus versprechen, seien daher Esoterik, Rückzug in die Privatheit, vor allem aber die Kunst als Religionsersatz.

Ernst Troeltsch dagegen war optimistischer als Weber, wie Sabine Haring (Soziologie) erläuterte (Ernst Troeltsch: Der Historismus und seine Probleme). Er konstatierte ebenfalls die Zerstörung aller "Wert-Selbstverständlichkeiten" durch den Historismus als zentrales Zeitproblem. Troeltsch hielt aber die empirische Geschichte und die Geschichtsphilosophie als Nachfolger des kirchlichen und des rationalistischen Dogmas für fähig, ein Ideal einer neuen Kultureinheit zu erstellen, d.h. aus hebräischem Prophetismus, klassischem Griechentum, antikem Imperialismus und abendländischem Mittelalter als den die Moderne tragenden Kräften in Verbindung mit dem Neuen eine Kultursynthese zu schaffen. Kennzeichnend für ihn ist daher der Versuch, die Historie und damit die Wissenschaft in den Dienst des Lebens zu stellen und auf diese Weise den Werterelativismus, der aus der Historisierung des Wissens folgt, zu überwinden.


Kulturkonzepte von Künstlern um 1900


Daß die Divergenz des theoretischen Diskurses über Kultur ihr Pendant auch in den entsprechenden Auseinandersetzungen der Künstler der Moderne findet, bestätigten die Vorträge von Dominik Schweiger (Musikwissenschaft), Helga Mitterbauer (Germanistik) und Astrid Kury (Kunstgeschichte).

Dominik Schweiger konfrontierte zunächst musikästhetische Konzepte und Positionen von Feruccio Busoni und Arnold Schönberg. Ausgehend von der Überlegung, daß Musik zwar als kulturelles Subsystem fungiere, beruhe sie jedoch auf Bedingungen, die in der Natur ihres Materials liegen - und damit unabhängig von außermusikalischen Phänomenen seien. Der Frage, wie Autoren über diese Problematik denken, ging Schweiger anhand Busonis Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst (Erstausgabe 1907) nach. In nuce seien darin bereits wesentliche Konstanten von Schönbergs Ästhetik vorhanden. (Kunst-)Musik gilt Busoni als höchststehende kulturelle Erscheinung, hinter der sich ein Anderes, "der Geist eines Kunstwerkes, das Maß der Empfindung, das Menschliche" verbirgt. Die Unkörperlichkeit und Durchsichtigkeit ihrer Materie und ihre Sprachlichkeit ohne semantische Aufladung macht die Musik laut Busoni für die Beschreibung realistischer Begebenheiten ungeeignet - Programmmusik und Realismus in der Oper wird damit eine Absage erteilt. Eine heftige Diskussion unter den Tagungs-Teilnehmern entspann sich an Busonis ahistorischem Ansatz, daß der künstlerische Prozeß in der Entdeckung von bereits Vorhandenem liege. Schönbergs Auseinandersetzung mit Busonis Entwurf einer neuen Ästhetik skizzierte Schweiger anhand prägnanter Äußerungen des Komponisten in Briefen und theoretischen Schriften über einen Zeitraum von über 20 Jahren. Schon früh - mit der Harmonielehre - beginnt Schönberg zwischen dem "Was" und dem "Wie" von Musik sowie von außermusikalischer Wirklichkeit zu unterscheiden. Spätere Termini für diese Ansätze lauten "Wesen und Erscheinung", "der musikalische Gedanke und seine Darstellung", "Stil und Gedanke". Sind einerseits Schönbergs theoretische Ausführungen konkret bzw. im Sinne einer griffigen Handwerkslehre zu verstehen, so bleibt andererseits wie bei Busoni die Bestimmung dessen, was der Gedanke sei, stets diffus.

In die gesellschaftliche Wirklichkeit der Jahrhundertwende führte Helga Mitterbauer zurück mit ihrem Vortrag über eine der schillerndsten Persönlichkeiten des kulturellen Lebens der Moderne, den Schriftsteller, Literaturvermittler, Journalisten und Satiriker Franz Blei. Vor allem in zwei Essays, Die Deutsche Kultur (1910) und Streitfrage über die biologischen Begriffe Zivilisation und Kultur (1922), reflektiert Blei explizit den Kulturbegriff. Als Besonderheit hob Mitterbauer hervor, daß Blei schon um 1910 mit seinem Kulturbegriff nicht nur auf kulturelle Hochleistungen abzielte, sondern auch Alltagshandlungen bzw. die Ästhetisierung des täglichen Lebens in seine Überlegungen miteinbezog. Mitterbauer zeichnete Einflußlinien nach (von Nietzsche über Dilthey und vor allem Oswald Spengler), um daran Bleis eigentliche Leistung zu verdeutlichen: das rasche Aufgreifen aktueller Denkfiguren und deren Transposition in andere kulturelle und soziale Bereiche.

Mit einem Beitrag Astrid Kurys schloß die Tagung in Gorizia. Sie untersuchte die Auseinandersetzung der bildenden Künste mit den Veränderungen der Umwelt durch den Modernisierungsprozeß und geht primär von zwei Reaktionsweisen aus, einer affirmativen und einer kompensatorischen. Für beide Varianten konstatiert Kury innovative Prozesse, die entweder die künstlerische Transformation neuer Wahrnehmungen oder die Konstruktion ästhetischer Gegenwelten bezwecken. Kury schließt sich damit Le Riders - zunächst wertneutraler - Definition von "Modernität" als künstlerischer Haltung an, die zu zeitgenössischen Entwicklungen Position bezieht und somit auch für eine zeitgemäße Kunst bürgt, die den veränderten Lebensbedingungen und neuen Weltbildern in affirmativer oder kompensatorischer Weise Rechnung trägt. Nach Hinweisen auf allgemein auffällige, zeitbedingte Elemente der bildenden Kunst (z.B. Transitorik - Bevorzugung "schneller" künstlerischer Techniken, neue Raum- und Zeiterfahrung - Verzicht auf Linearperspektive), konstatierte Kury für die Malerei der Wiener Moderne eine Dominanz von Versuchen, der empirischen Wirklichkeit durch Konstruktionen von Meta-Realitäten entgegenzutreten. "Stimmung", "Ornament", "Blick nach Innen" werden als spezifisch "wienerische" Elemente erkannt. Das gleichzeitige Fehlen revolutionärer Bildfindungen machte Kury dann u. a. anhand gegensätzlicher Entwicklungstendenzen in Berlin deutlich. Eine endgültige Antwort auf die Frage nach Kausalbeziehungen zwischen dem Modernisierungsprozeß und der Ausbildung neuer künstlerischer Darstellungsweisen kann wahrscheinlich nicht gegeben werden, ohne der Gefahr der Einseitigkeit zu erliegen bzw. wesentliche kunstimmanente Aspekte zu vernachlässigen.

Von Petra Ernst und Werner Suppanz

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