Interdisziplinarität – Transdisziplinarität

Zu Theorie und Praxis in den Geistes- und Sozialwissenschaften


Von Johannes Feichtinger, Helga Mitterbauer und Katharina Scherke


Since the 1980’s European and American researchers have increasingly been calling for interdisciplinary and/or transdisciplinary working methods. They hoped that these new approaches would facilitate and improve the analysis of complex thematic fields. The theoretically demanding concepts of interdisciplinary and/or transdisciplinary studies, however, have often turned out to be quite challenging when we tried to put them into practice.
In the Special Research Area in Graz Moderne – Wien und Zentraleuropa um 1900, in which 72 young researchers in all from seven disciplines have been participating since 1994, interdisciplinary approaches have been developed and put into practice based on a concrete research topic. The paper presented here briefly reflects on the interdisciplinary working methods developed by the SFB and attempts to position them within the current theoretical debate.



Als erstes inter- beziehungsweise transdisziplinäres geistes- und sozialwissenschaftliches Großprojekt in Österreich hat der Grazer Spezialforschungsbereich Moderne – Wien und Zentraleuropa um 1900 im Sommer 2004 das Ende der vorgegebenen maximalen Laufzeit erreicht. In diesen zehn Jahren haben sich nicht weniger als 72 JungwissenschaftlerInnen aus sieben Disziplinen neben der Aus- und Weiterbildung in ihrem engeren Fachbereich auch eine Zusatzqualifikation in interdisziplinärer Zusammenarbeit angeeignet.
Dieses Experiment war für die Beteiligten ohne Zweifel ein mühsamer, aber ein höchst lohnender Prozess, und es dauerte lange Zeit, bis die Rede von „Leitdisziplinen“ etc. verklungen war. Das Gelingen der Kooperation über Disziplinengrenzen hinweg verdankt sich verschiedenen organisatorischen Maßnahmen, die sowohl von den Projektleitern als auch von den wissenschaftlichen MitarbeiterInnen initiiert wurden: Ein maßgebliches Forum der interdisziplinären Kommunikation bildeten die Arbeitsgruppen zu bestimmten Themenbereichen (Ismen und Weltanschauungen, Identitäten, Kultur und Gesellschaft, Ästhetik der Moderne, Kulturtransfer). In diesen Arbeitsgruppen fanden intensive Diskussionen in Kleingruppen (von rund acht bis zwölf Personen aus verschiedenen Disziplinen) statt, in denen anstehende Forschungsprobleme aus verschiedenen Perspektiven erörtert wurden. Als ebenso erfolgreich erwiesen sich interne Workshops, (1) die als „Klausurveranstaltungen“ an verschiedenen Orten Zentraleuropas durchgeführt wurden und an denen möglichst alle Projektleiter und MitarbeiterInnen teilnahmen. Dabei trugen neben den Diskussionen während des Tagungsprogramms informelle Gespräche bei der Anreise und bei gemeinsamen Essen nicht unwesentlich zur Förderung der interdisziplinären Kommunikation bei. Des Weiteren bildeten die einmal im Jahr durchgeführten Symposien, (2) an denen der SFB gemeinsam mit internationalen Fachleuten diskutierte, und die Jour fixes mit externen ExpertInnen (3) Foren der Zusammenarbeit über disziplinäre Grenzen hinweg.
Als kontraproduktiv stellte sich eine Rahmenbedingung wissenschaftlicher Drittmittelforschung in Österreich heraus: Die vom Hauptgeldgeber, dem Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF), vorgegebene maximale Beschäftigungsdauer von sechs Jahren für wissenschaftliche MitarbeiterInnen, die auf naturwissenschaftliche oder technische Disziplinen abgestimmt ist, aber der aktuellen Situation in den Geistes- und Sozialwissenschaften nicht gerecht wird, hatte das zwangsweise Ausscheiden zahlreicher gut eingearbeiteter JungforscherInnen zur Folge. Da es sich bei den Fähigkeiten in interdisziplinärer Kommunikation überwiegend um informelle, nicht einfach weiterzugebende Kenntnisse handelt, war es für die neu einsteigenden Kolleginnen und Kollegen relativ schwierig den Anschluss an den Wissensstand der älteren KollegInnen zu finden. Die Kontinuität konnte vor allem durch MitarbeiterInnen aufrecht erhalten werden, die entweder als fix angestellte AssistentInnen von Anfang an quasi ehrenamtlich im SFB tätig waren oder die zuerst einen Werkvertrag innehatten und erst zu einem späteren Zeitpunkt der Laufzeit fix in das Projekt eingebunden wurden oder sich dem Projekt so verbunden fühlten, dass sie auch aus Nachfolgeprojekten, Anstellungen oder der Arbeitslosigkeit heraus weitgehend unentgeltlich am SFB mitarbeiteten.
Dass im SFB erfolgreich Inter- bzw. Transdisziplinarität betrieben wurde, ohne dem Fallstrick einer erzwungenen Sprachvereinheitlichung zu unterliegen, belegt nicht nur das höchst erfreuliche Ergebnis der Abschlussevaluierung, die für den Spezialforschungsbereich Moderne – Wien und Zentraleuropa um 1900 die beste Beurteilung seiner Gesamtleistung erbrachte, die bisher ein SFB in Österreich erreicht hat, sondern drückt sich auch durch zahlreiche Publikationen aus: Neben der Buchreihe des SFB, den Studien zur Moderne, ist in diesem Zusammenhang etwa auf den Band Ver-rückte Kulturen, in dem VertreterInnen aus sieben Disziplinen gemeinsam das Konzept des Kulturtransfers kulturwissenschaftlich erweitert haben, oder auf den in diesem Frühjahr erschienenen Abschlussband Kultur – Identität – Differenz hinzuweisen, in dem nahezu alle Beiträge von mehreren AutorInnen aus unterschiedlichen Fachrichtungen verfasst wurden. (4)
Am Ende der Laufzeit sollen nun einige Reflexionen zu den Begriffen Inter- und Transdisziplinarität sowie ihrer Geschichte und Praktikabilität vorgenommen werden, ohne den zahlreichen Definitionen eine weitere hinzufügen zu wollen.


Der Ruf nach Interdisziplinarität und der Übergang zur Transdisziplinarität


Seit den 1980er Jahren ertönte in der deutschsprachigen Wissenschaftslandschaft im Rahmen wissenschaftspolitischer Diskussionen vermehrt der Ruf nach Interdisziplinarität. Man versprach sich von interdisziplinärer Forschung vor allem die Aufhebung erkenntnishemmender Phänomene des modernen Wissenschaftsbetriebes. Die historische Ausdifferenzierung des Systems Wissenschaft und seine Organisationsform in Form von Fakultäten und Instituten hatte im 20. Jahrhundert für eine zunehmende Spezialisierung der einzelnen Wissenschaftsdisziplinen gesorgt. Problematisch an dieser gewachsenen Disziplinstruktur war aus Sicht der Befürworter interdisziplinärer Forschung, dass die Disziplingrenzen im Laufe der Zeit nicht mehr als historisch gewordene und solcherart keineswegs naturhaft oder zwingend vorgegebene erkannt wurden, sondern sich zu unüberwindbaren Erkenntnisgrenzen entwickelt hatten. Interdisziplinarität, so beispielsweise die Hoffnung der Teilnehmer der 1986 am Bielefelder Zentrum für Interdisziplinäre Forschung abgehaltenen Tagung zum Thema Ideologie und Praxis der Interdisziplinarität. Schelskys Konzept und was daraus wurde, (5) solle die verloren gegangene Einheit der Wissenschaften wiederherstellen und damit disziplinäre Erkenntnisgrenzen zu überwinden helfen. Hierbei müsse – so eine Forderung von Jürgen Mittelstraß – allerdings beachtet werden, dass das Ziel interdisziplinärer Forschung nicht die Aufhebung der Disziplinarität sei, sondern die Korrektur der durch Spezialisierung entstandenen Wissenslücken moderner Wissenschaft. Auf die zu erforschenden Probleme moderner Gesellschaften, die durchwegs sehr komplexer Art seien, biete Mittelstraß zufolge die bisherige disziplinär organisierte Forschung keine erfolgversprechenden Lösungen mehr: „Probleme, die technische Kulturen, d. h. die modernen Industriegesellschaften, heute im überreichen Maße haben, tun uns nicht den Gefallen, sich als Probleme für disziplinäre Spezialisten zu definieren.“ (6) Interdisziplinarität soll die „Rückgewinnung wissenschaftlicher Wahrnehmungsfähigkeiten“ ermöglichen und „nicht zuletzt auch Probleme und Problementwicklungen erkennbar machen, bevor sie da sind, d. h. bevor sie uns auf den Nägeln zu brennen beginnen.“ (7) Mittelstraß verbindet hier also mit Interdisziplinarität auch einen aufklärerischen Anspruch – interdisziplinäre Forschung soll Orientierungswissen liefern, das als „Stück Selbsterkennung und damit Selbstkontrolle der wissenschaftlich-technischen Welt“ fungieren kann.
Mittelstraß fordert auch bereits, dass interdisziplinäre Forschung – wenn sie sich nicht nur in einer Ansammlung von WissenschaftlerInnen verschiedener Disziplinen niederschlagen will – eigentlich Transdisziplinarität sein müsse. Ein Ansatz gewissermaßen, der auf den bestehenden Disziplinen aufbaut, diese jedoch mitverändert. „Sie [die Transdisziplinarität] lässt die Dinge nicht einfach, wie sie sind, sondern stellt, und sei es auch nur in bestimmten Problemlösungszusammenhängen, die ursprüngliche Einheit der Wissenschaft – hier als Einheit der wissenschaftlichen Rationalität, nicht der wissenschaftlichen Systeme verstanden – wieder her.“ (8)
Da Interdisziplinarität vielfach nicht mit diesem Grundverständnis betrieben werde, plädiert Mittelstraß für eine Einstellungsänderung, durch die vor allem Querdenken sowie neue Fragestellungen erreicht werden könnten. Zudem erhebt Mittelstraß den Anspruch, dass bereits die Studien interdisziplinär aufgebaut sein sollten, denn: „Wer nicht interdisziplinär gelernt hat, kann auch nicht interdisziplinär forschen.“ (9)
Die Professorin am interdisziplinären Studienprogramm der Wayne State University in Detroit und Präsidentin der Association for Integrative Studies, Julie Thompson Klein, (10) führt, acht Jahre nach dem Bielefelder Symposion, alle interdisziplinären Aktivitäten auf die Vorstellung von Einheit und Synthese zurück. Ihrer Ansicht nach werde Interdisziplinarität vor allem angewandt, um auf komplexe Fragen zu antworten, um breite Themengebiete zu behandeln, um disziplinäre Bezüge zu entdecken, um Probleme zu lösen, die außerhalb des Bereichs einzelner Disziplinen liegen sowie um einheitliches Wissen zu erlangen, entweder im engeren oder größeren Rahmen.
Obwohl Interdisziplinarität (verstanden als ein Prozess, um eine integrative Synthese zu erlangen, ein Prozess also, der üblicherweise mit einem Problem, einer Frage, einem Thema oder einem Gegenstand beginnt (11)) bereits auf den verschiedensten Gebieten praktiziert wird, macht Thompson Klein als Gründe für eine weitverbreitete Konfusion eine generelle Unsicherheit über die Bedeutung des Begriffs aus, beobachtet sie eine weit verbreitete Unvertrautheit mit der interdisziplinären Forschung („published work on the subject is used by a relatively small group of people“ (12)) und kritisiert den Mangel eines einheitlichen Kerns des Diskurses über Interdisziplinarität. Gerade die Dispersion des Diskurses würde jedem Versuch, das Konzept der Interdisziplinarität zu definieren, massiv im Wege stehen.
Beim 1. Weltkongress der Transdisziplinarität wurde Interdisziplinarität im Sinne einer bloßen Kombination bestehender Organisationen des Wissens zum „Tabu“ erklärt, der, schon von Mittelstraß vorgeschlagene, Begriff der Transdisziplinarität befürwortet, denn Transdisziplinarität basiere auf jenen Entwicklungen in Wissen und Kultur, die gekennzeichnet sind durch Komplexität, Hybridität, Non-Linearität und Heterogenität. Im Sinne dieser Definition wird Transdisziplinarität zu einem Gemeinsamen an Axiomen für eine Gruppe von Disziplinen. Basierend auf der Dynamisierung des Wissens, der Mobilität und permanenten Neukonfigurationen bringe Transdisziplinarität neue theoretische Strukturen, Forschungsmethoden und Praxisformen hervor, die nicht mehr bestimmten Disziplinen zugeordnet werden können. (13)


Weitere Aspekte der Debatte und die Rolle der Kulturwissenschaften


Interdisziplinarität beschreibt eine wissenschaftliche Praxis, an der mehr als eine Disziplin beteiligt ist; das Ziel interdisziplinärer Praxis ist die disziplinübergreifende Bewältigung wissenschaftlicher Probleme. (14) Somit versteht sich Interdisziplinarität als Reaktion auf die anhaltende Spezialisierung in den etablierten wissenschaftlichen Disziplinen, und zugleich als Antwort auf das wachsende Bewusstsein vom vielschichtigen Charakter wissenschaftlicher Herausforderungen.
Verschiedene AutorInnen verweisen aber auch darauf, dass Interdisziplinarität mit dem Anspruch einer unified science in Verbindung steht, wie sie u. a. von verschiedenen Mitgliedern des Wiener Kreises, allen voran Otto Neurath, vertreten wurde. (15) Die Suche nach solch universalistischen Theorien (grand theories) ist heute aber umstrittener denn je; zwar kommen ‚große Erzählungen’ (J. F. Lyotard) oftmals den Hoffnungen der Menschen entgegen, v. a. in Zeiten kollektiver Verunsicherung, der Wirklichkeit hielten Theorien, die universelle Aufklärung versprachen, aber selten stand.
Interdisziplinarität ist heute eine Trademark, die oft unreflektiert verwendet wird, aber auch ein methodisch-theoretischer Ansatz, der das weite Spektrum zwischen punktueller Zusammenarbeit über einen beschränkten Zeitraum bis hin zu einer neuen Wissenschaftsauffassung mit Anspruch auf Institutionalisierung umfasst.
Ein Punkt, der in der theoretischen Debatte um Interdisziplinarität von Julie Thompson Klein unterstrichen wird, ist, dass die Opposition zwischen Disziplinarität und Interdisziplinarität rhetorisch aufrecht erhalten wird: So wird Disziplinarität unter WissenschaftlerInnen mit analytischem Geschick, Interdisziplinarität mit synthetisierender Geschicklichkeit assoziiert: De facto passiert jedoch in beiden beides.
Wird von Interdisziplinarität gesprochen, soll geklärt werden, was eine Disziplin auszeichnet. Dafür liefert Thomas S. Kuhn eine Handhabe: Wissenschaftsdisziplinen seien durch scientific communities geprägt, die sich ihrerseits auf tradierte Wissenschaftspraxen berufen: Eine wissenschaftliche Gemeinschaft besteht (nach Kuhn) aus den Fachleuten eines wissenschaftlichen Spezialgebiets, die einer gleichartigen Ausbildung und beruflichen Initiation unterworfen sind. Sie haben die gleiche Fachliteratur gelesen und vielfach dasselbe daraus gelernt, bezeichneten doch die Grenzen dieser Standardliteratur die Grenzen eines wissenschaftlichen Gegenstandsbereiches; jede Gemeinschaft hat für gewöhnlich ihr eigenes Gegenstandsgebiet. Zwar gäbe es Schulen innerhalb der Wissenschaften, die miteinander in Konkurrenz lägen; ihre Dauer sei aber begrenzt, da sich der wissenschaftliche Austausch zusehends auf Schulen beschränke. Würde der Austausch dennoch zwischen unterschiedlichen Schulen weitergeführt, könnten oft bedeutende Meinungsverschiedenheiten und Missverständnisse hervorgerufen werden. (16) Thomas S. Kuhn entwirft das Bild von territorial organisierten, sich ihrer Stabilität versichernden wissenschaftlichen Reproduktionsgemeinschaften, die das Ziel verfolgen, ihre unverwechselbare Fachidentität abzusichern. Die Abgrenzung des Faches werde, so Rolf Lindner, der sich Kuhn anschließt, um so prägnanter formuliert, je näher einander die Disziplinen aufgrund verwandter Theorien, Verfahren und Gegenstandsbereiche seien. Diesen Spielregeln der Abgrenzung folge auch Interdisziplinarität, beruhe sie doch auf der wechselseitigen Anerkennung der jeweiligen Disziplingrenzen. Daher sei die Interdisziplinarität ein durchaus konservatives Verfahren wissenschaftlicher Praxis, verfestigte sie doch disziplinäre Grenzen durch ritualisierte Grenzüberschreitung. Das Wissenschaftssystem selbst sei dann ein Ensemble von Disziplinen, die als eigenständige und geschlossene Einheiten mit eigenem Gegenstand, Methoden und Traditionen zu charakterisieren seien. (17)
Der Begriff der Interdisziplinarität in der vorliegenden Ausrichtung versprach daher nicht sehr produktiv zu sein, notwendig schien eine Differenzierung und Präzisierung der Terminologie. Joseph Kockelmans hat dafür (ausgehend von einer Definition von Disziplinen als Wissensgebiete oder Untersuchungsfelder, die durch ein Corpus von allgemein verbindlichen Methoden charakterisiert sind) folgende terminologische Unterscheidungen angeboten: Multi-, Pluri- und Transdisziplinarität, sowie cross-disciplinary work, ein Begriff, der jenes Vorgehen bezeichnet, dass Vertreter verschiedener Disziplinen ein Problem zu lösen versuchen, ohne hierfür aber eine neue Disziplin zu schaffen.
Innerhalb der deutschsprachigen Geisteswissenschaften ist seit längerem eine Asymmetrie zwischen der Rationalität der Fakten und der Rationalität historisch gewachsener Disziplinen zu beobachten: Das Ziel ist daher der Ausgleich zwischen dem Missverhältnis sich ständig weiter ausdifferenzierender Disziplinen mit dem Resultat von in sich homogenen Subdisziplinen mit definiertem Aufgabenfeld, definierter Zielsetzung sowie Methoden- und Theorieninventar einerseits und rasch anwachsenden wissenschaftlichen Herausforderungen anderseits, die trotz (oder vielleicht gerade wegen) der disziplinären Ausdifferenzierung nicht abzudecken sind.
Ein solches Missverhältnis ist im deutschsprachigen Raum im Besonderen in den historisch-hermeneutisch und philologisch ausgerichteten Geisteswissenschaften zu diagnostizieren. Wie Hartmut Böhme und Klaus Scherpe betonen, (19) haben diese es verabsäumt, sich einer Überprüfung und inneren Kritik auszusetzen. Daher haben die Geisteswissenschaften auch ihre disziplinäre Homogenität, wie sie sich im 19. Jahrhundert ausbildete, bewahrt. In der Tat wurden innovative Ansätze der Zwischenkriegszeit, wie z. B. die durchaus moderne Variante der Kulturwissenschaft Warburg-Cassirer’scher Prägung, vertrieben, später kontinuierlich unterdrückt und bald vergessen; diese mussten sich anderswo etablieren. (20)
Der sich entfaltende Theorie- und Methodenpluralismus vermochte die stabilen Disziplinen lange Zeit nicht aufzubrechen, er entwickelte sich lediglich in wissenschaftlichen Schulen. Damit entstanden durchaus hegemoniefreie, innovative, doch umstrittene Diskursräume. Aber auch innerhalb universitärer Disziplinen wurden die Traditionen von lokal-, regional und nationenspezifischen Disziplin- und Methodenausprägungen durchbrochen, und zwar von außen her, durch Impulse aus anderen Ländern: Hartmut Böhme und Klaus Scherpe unterstreichen daher, dass durch die Internationalisierung auch im deutschsprachigen Raum eine nachholende Normalisierung stattgefunden habe, sodass methodisch-theoretisch stabile, oft überlebte Disziplinen im Begriff sind, sich zu verwandeln: z. B. die Volkskunde zur Europäischen Ethnologie. (21)
Der Theorie- und Methodenpluralismus findet heute sein Dach unter den transdisziplinär ausgerichteten Kulturwissenschaften, die ihren Gegenstand diskursiv verhandeln und methodisch vielfältig sind. Die Kulturwissenschaften können daher einen Rahmen für die verschiedensten Reformbemühungen abgeben.
Mit Böhme und Scherpe sind verschiedene Gründe dafür anzuführen, dass die traditionellen Disziplinen von sich aus über ihre Grenzen hinausdrängen, d. h. transdisziplinär argumentieren: Zum einen verfügen traditionelle, auch in sich differenzierte Disziplinen mit national spezifischen methodischen Ausprägungen kaum mehr über die notwendigen Mittel, gegenwartsrelevanten wissenschaftlichen Herausforderungen nachzukommen. Zum anderen ergab sich mit der zunehmenden Betonung der Funktion gegenüber der Substanz künstlerischer Medien eine Perspektivenverschiebung, bedingt durch die Auflösung der nationalen Kanones der Literaturen durch die Medienkonkurrenz; mit dem Verlust der Privilegierung kanonischer Meisterwerke mussten auch jene Philologien ihre Handlungsunfähigkeit eingestehen, die sich auf ihre traditionellen Grenzen versteiften. Zum dritten ging infolge der Ausdifferenzierung und Spezialisierung der Disziplinen die Fähigkeit verloren, übergreifende Fragestellungen zu erkennen; gemeinsame Problemfelder wurden zunehmend ignoriert. (22)
Vor dem Hintergrund auswärtiger Entwicklungen boten sich folgende Lösungsstrategien an: Erstens die Infragestellung von traditionellen disziplinären Abgrenzungen sowie die Akzeptanz einer interdisziplinär komparatistischen Vielfalt von Diskursen und eine transdisziplinäre Sicht auf das jeweilige Forschungsobjekt; dafür war zweitens die Schaffung von Diskursforen, von Medien der Verständigung, welche die Multiperspektivität als Chance begriffen, notwendig. Die Kulturwissenschaften gaben dafür schließlich drittens den institutionellen Rahmen ab, nicht jedoch wieder als selbständige, bewusst nach Abgrenzungen suchende Disziplinen, sondern als Metaebene der Reflexion. So besteht eine wesentliche Leistung der Kulturwissenschaften darin, dass sich durch die multidisziplinären Standorte die Blickpunkte auf die Inhalte verändern; dadurch können übersehene Problemgemeinsamkeiten wieder entdeckt werden.


Fazit


In den Diskussionen um Inter- und Transdisziplinarität fehlte der Hinweis, wie die theoretisch anspruchsvollen Konzepte in die Praxis umgesetzt werden können. In der konkreten Arbeit stößt etwa der weitreichende Anspruch einer transdisziplinären Veränderung der Wissenschaftslandschaft häufig an seine Grenzen, da wo nach wie vor Vertreter traditioneller disziplinärer Vorstellungen für die Vergabe von Forschungsmitteln verantwortlich sind oder die Ausbildung des Nachwuchses regeln. In der Praxis gilt es daher anhand konkreter Forschungsfragen, die Möglichkeiten neuer Forschungsausrichtungen auszuloten und auch den Konzepten der Inter- sowie Transdisziplinarität eine praktikable Ausformung zu geben. Die MitarbeiterInnen des von vornherein interdisziplinär angelegten (und damit auch als Reflex auf die Interdisziplinaritätsdiskussion der 1980er Jahre entstandenen) Spezialforschungsbereiches Moderne können am Ende der Laufzeit des Projektes auf einen reichhaltigen Erfahrungsschatz hinsichtlich der Möglichkeiten und auch Probleme interdisziplinärer Forschung zurückblicken. Während Inter- oder Transdisziplinarität andernorts gern als Schlagwort verwendet wurde, ohne dass klar wurde, wie interdisziplinäre Arbeit im Alltag wirklich aussehen und funktionieren kann, wurde im SFB Moderne Interdisziplinarität zehn Jahre lang erarbeitet und praktiziert, was sich auch maßgeblich in den Publikationen des SFBs niedergeschlagen hat. Die oben genannten organisatorischen Maßnahmen (Arbeitsgruppen, Workshops, Symposien usw.) dienten der konkreten Umsetzung neuer Forschungsausrichtungen. Insbesondere in den Arbeitskreisen des SFBs wurde deutlich, welche Schwierigkeiten sich ergeben können, wenn verschiedene Disziplinen gemeinsam an einem Thema arbeiten sollen. Als Beispiel sei hier etwa nur auf den unterschiedlichen Gebrauch ein und derselben Begriffe in verschiedenen Disziplinen verwiesen, der im Forschungsalltag zu zahlreichen Problemen führen kann. Der Begriff ‚Moderne‘ findet beispielsweise eine sehr unterschiedliche Konnotation in den am Projekt beteiligten Disziplinen: Er wird sowohl als Epochenbezeichnung (die oft nur wenige Jahrzehnte umfasst) als auch als Bezeichnung für den gesamten gesellschaftlichen Transformationsprozess der Neuzeit verwendet. Die Frage ist, wie mit solchen Begriffsunterschieden und daraus möglicherweise resultierenden Verständnisschwierigkeiten umzugehen ist? Ein wesentliches Ergebnis der Arbeit des SFBs ist, dass das Ziel interdisziplinärer Arbeit nicht die Vereinheitlichung des Sprachgebrauchs sein kann, die zu nicht enden wollenden Diskussionen zwischen den Disziplinen um die Hegemonie in der Begriffsdefinition führen würde. Es geht vielmehr darum, im interdisziplinären Gespräch Einblick in die unterschiedliche Begriffsverwendung und damit auch verschiedenartige Ausrichtung von Forschungsfragen in anderen Fächern zu erlangen, um, darauf aufbauend, Schnittpunkte zu finden, an denen sich die Arbeiten der einzelnen Disziplinen sinnvoll ergänzen können. Voraussetzung für eine solcherart verstandene Interdisziplinarität ist neben einer generellen Offenheit und Neugier für die Arbeitsweise anderer Fächer auch genügend Zeit, um die Gemeinsamkeiten und Unterschiede des Zugangs in der Diskussion konkreter empirischer Beispiele oder aber auch theoretischer Positionen auffinden zu können. Die Konsequenz einer solchen breiten, fächerübergreifenden Grundlagendiskussion ist nicht nur, dass der gemeinsame Forschungsgegenstand aus möglichst vielen Perspektiven betrachtet wird, sondern auch dass ein Wissenstransfer zwischen den einzelnen Fächern insofern stattfindet, als theoretische Konzepte und Zugänge anderer Disziplinen teilweise als fruchtbar für das eigene Fach erkannt werden und auf diese Weise Eingang in die, im Wissenschaftssystem nach wie vor privilegierte, disziplinäre Forschungsarbeit finden können.



(1) Vgl. dazu die Berichte über die Workshops des SFB Moderne in allen Heften des newsletter MODERNE.
(2) Vgl. dazu die Ankündigungen und Berichte über die Symposien in ebda.
(3) Die abgehaltenen Jours fixes sind auf der Website des SFB Moderne aufgelistet, siehe: http://www-gewi.kfunigraz.ac.at/moderne/index.html.
(4) Vgl. dazu die auf der hinteren inneren Umschlagseite aufgelisteten Bände der Studien zur Moderne sowie: Federico CELESTINI, Helga MITTERBAUER (Hg.), Ver-rückte Kulturen. Zur Dynamik kultureller Transfers, Tübingen 2003 (Stauffenburg Discussion 22). – Moritz CSÁKY, Astrid KURY, Ulrich TRAGATSCHNIG (Hg.), Kultur – Identität – Differenz. Wien und Zentraleuropa in der Moderne, Innsbruck [u. a.] 2004 (Gedächtnis – Erinnerung – Identität 4). – Eine Auflistung der zahlreichen Publikationen, die in den vergangenen zehn Jahren publiziert wurden, findet sich ebenfalls auf der Website des SFB Moderne: http://www-gewi.kfunigraz.ac.at/moderne/index.html.
(5) Vgl. Jürgen KOCKA, Einleitung, in: Jürgen KOCKA (Hg.), Interdisziplinarität. Praxis – Herausforderung – Ideologie, Frankfurt/Main 1987, 7.
(6) Jürgen MITTELSTRASS, Die Stunde der Interdisziplinarität?, in: Jürgen KOCKA (Hg.), Interdisziplinarität. Praxis – Herausforderung – Ideologie, Frankfurt/Main 1987, 154 f.
(7) Ebda, 155.
(8) Ebda, 156.
(9) Ebda, 157.
(10) Julie T. KLEIN, Interdisciplinarity. History, Theory and Practice, Detroit 1990.
(11) Vgl. Julie T. KLEIN, Notes Toward a Social Epistemology of Transdisciplinarity (Vortrag für den 1. Weltkongress der Transdisziplinarität, Arrábida, Portugal, 2.-6.11.1994) http://perso.club-internet.fr/nicol/ciret/bulletin/b12/b12c2.htm
(12) Vgl. ebda, 13.
(13) Vgl. dazu auch: Michael GIBBONS [u. a.], The New Production of Knowledge. The Dynamics of Science and Research in Contemporary Societies, London 1994.
(14) Vgl. Ansgar NÜNNING, Metzlerlexikon Literatur und Kulturtheorie: Ansätze – Personen – Grundbegriffe, Stuttgart–Weimar 1998, 237 f.
(15) Vgl. Julie T. KLEIN, Interdisciplinarity. History, Theory and Practice, Detroit 1990, 25.
(16) Vgl. Thomas S. KUHN, Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, Frankfurt/Main 151999, 188 f.
(17) Vgl. Rolf LINDNER, Die Stunde der Cultural Studies, Wien 2000, 16 f.
(18) Vgl. Joseph KOCKELMANS (ed.), Interdisciplinarity and Higher Education, University Park, Pa. 1979.
(19) Vgl. Hartmut BÖHME, Klaus R. SCHERPE, Zur Einführung, in: DIES. (Hg.), Literatur- und Kulturwissenschaften. Positionen, Theorien, Modelle, Reinbek 1996 (rowohlts enzyklopädie 575), 7-24, hier 8.
(20) So sind es auch auswärtige Entwicklungen (der „linguistic turn“, der Strukturalismus, dem sich die Sozialgeschichte deutscher Prägung paradigmatisch widersetzte, der Poststrukturalismus und der Dekonstruktivismus), die heute das methodisch-theoretische Inventar für die Transformation der Geisteswissenschaften bilden.
(21) Vgl. BÖHME, SCHERPE, Einführung, 8 f.
(22) Vgl. ebda, 10 ff.

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