„. . .stets im Zusammenhang des Ganzen. . ."
Metaerzählungen der politischen Lager Österreichs um 1900


Von Werner Suppanz


Holistic models to explain societal phenomena as well as to offer recipes for the reconstruction of society in a period of individualization, fragmentation, and dissolution were a characteristic feature of political discourse in Austria around 1900. The three political camps, the socialdemocratic, the Christian conservative, and the German national camp, considered liberalism as a common enemy, among others on a cultural level. However, their diagnoses of society resulted from differing meta-narratives and offered incompatible concepts of a renewed wholeness.


Einleitung (1)


Seit den 1880er Jahren bildete sich in der österreichischen politischen Kultur jenes Charakteristikum heraus, das sie insbesondere in der Ersten Republik, aber auch danach noch bis weit in die Zweite Republik hinein prägen sollte: die Aufteilung in drei „Lager" (2). Es handelt sich dabei um das sozialdemokratisch-marxistische Lager, dominiert von der Sozialdemokratischen Partei, das christlich-konservative Lager, dominiert von der Christlichsozialen Partei, und das deutschnationale Lager, das sehr heterogen war und erst 1920 in der Großdeutschen Volkspartei eine institutionelle Zusammenfassung erfuhr. Kennzeichnend für die politische Kultur, die die „Lagerbildung" hervorbrachte, war eine hochgradige organisatorische Erfassung der Bevölkerung in ihren „Vorfeldorganisationen", die dem Zweck dienten, die unterschiedlichen Lagerkulturen und ihre in vieler Hinsicht unvereinbaren Identitätsentwürfe durchzusetzen. (3) Den Jahren 1880 bis 1920 kam in der Konstituierung dieser drei Lager entscheidende Bedeutung zu. In ihrer Zeitdiagnose waren den politischen Lagern folgende Auffassungen gemeinsam:
1) Die Epoche um 1900 und das ganze 19. Jahrhundert werden als Zeit umstürzender Veränderungen wahrgenommen. Die Lager teilten großteils die grundsätzlich positive Einstellung zum technischen Fortschritt als Mittel zur Produktionssteigerung oder zumindest die Anerkennung der Unvermeidbarkeit von Industrialisierung und Technisierung. Innovation auf diesem Gebiet galt als Voraussetzung, um sich ökonomisch, politisch und militärisch in der Gegenwart behaupten zu können.
2) Gleichzeitig erfolgte die Wahrnehmung der modernen Welt als Epoche, die von Tendenzen der Individualisierung und der Auflösung von Ganzheiten geprägt sei. Als gemeinsames Feindbild, mit dem diese Entwicklung identifiziert wurde, galt der Liberalismus. Die weitgehend übereinstimmende Zielrichtung der Kritik ist jedoch von dem Umstand begleitet, dass die ,liberalen Tendenzen' von unterschiedlichen Ansätzen und mit unterschiedlichen Lösungsangeboten kritisiert wurden.


Das sozialdemokratische Lager


Die konkreteste Vorstellung von Modernität im Sinne von „durchgesetztem Fortschritt" vertrat das sozialdemokratische Lager. U. a. Steigerung der Produktivität, technischer Fortschritt und zunehmende globale Verflechtung galten als objektivierbare Indikatoren der Modernisierung. Als deren unvermeidliche Folge erschien jene Form der inter- oder transnationalen Verflechtung, die aktuell als Globalisierung diskutiert wird:

Der Arbeitsmarkt kennt keine Nationalitätsgrenzen, der Weltverkehr schreitet über alle Sprachgrenzen hinweg. Das überall herrschende Kapital, dessen Ausdruck und Maßstab das Geld ist, kümmert sich nicht um die vermeintliche Abstammung. In den Werkstätten arbeiten unter gleichen Bedingungen die Arbeiter der verschiedenen Nationalitäten nebeneinander und müssen sich den gleichen wirtschaftlichen Gesetzen fügen. (4)

Die Globalisierung, so die optimistische Annahme, werde letztlich zur Überwindung „nationaler und religiöser Vorurteile" führen, wie Karl Renner im Kampf, dem theoretischen Organ der sozialdemokratischen Partei, formulierte: „Ich vermeine, dass ein geschichtliches Entwicklungsgesetz, die Weltökonomie und die Weltideologie, zur Internationale treibt. Nicht eine Utopie ist sie mehr, nicht eine blosse Idee, sondern historische Kausalität." (5) Das Proletariat werde die Verkörperung dieser Menschheit der Zukunft sein, die die global organisierte Zivilisation verwirklichen werde. Zum einen ist das ökonomische und politische Zusammenwachsen zu einer weltweiten Ganzheit somit Ergebnis des alles durchdringenden „geschichtlichen Entwicklungsgesetzes", das der wissenschaftliche Materialismus erkannt habe. Weiters steht die Ausdehnung der Märkte, und zwar des Kapital-, des Waren- und des Arbeitsmarktes, im Vordergrund bei der Prognose der Entstehung einer globalen Zivilisation. Der Erste Weltkrieg wurde z. B. von Karl Renner diesem Fortschrittsoptimismus entsprechend als bloß „vorübergehende Störung" aufgefasst, als „nichts als eine jener harten Prüfungen, die jeder neuen Idee, jeder aufsteigenden Klasse niemals erspart werden". (6)
Die Verbreitung von Bildung und die Trennung von Kirche und Schule galten im sozialdemokratischen Lager als zentrale, den beschriebenen Tendenzen entsprechende Modernisierungserfordernisse. Diese Sicht war eng verbunden mit der Wertschätzung von Vernunft und Wissenschaftlichkeit. In der Vermittlung der Fähigkeit, Erkenntnis aufgrund der autonomen Vernunft zu erlangen, sah man die Aufgabe der „modernen Schule" und ein wesentliches Ziel des Kulturkampfes gegen die Kirche. (7) In diesem Zusammenhang wird deutlich, dass eine vorrangige Aufgabe der Wissenschaft die Vermittlung eines einheitlichen Weltbildes sein sollte. Die Auffassung von Wissenschaft, insbesondere der Naturwissenschaft, als Metaerzählung kommt hier paradigmatisch zum Ausdruck: (8) „Die moderne Naturwissenschaft ist von dem Streben geleitet, alle qualitative Mannigfaltigkeit und Verschiedenheit der Welt unserer Erfahrung auf die von einheitlichen Gesetzen beherrschte, mathematisch erfassbare Bewegung eines elementaren Substrats zu beziehen." Wissenschaft sorge somit für eine einheitliche Welterklärung und dafür, dass alle Lebensbereiche von ihren Kriterien durchdrungen werden:

Mit den gewaltigen Umwälzungen im Zeitalter des Frühkapitalismus hebt die Entwicklung der modernen Naturwissenschaft an. Sie hat sich ein Gebiet nach dem anderen erobert, bis sie an der Schwelle des modernen Kapitalismus das Leben selbst, das Leben der Arten und das Gesellschaftsleben der Menschen sich unterworfen hat. (9)

Im Bereich der Kunst folgte das sozialdemokratische Lager tendenziell den etablierten Maßstäben und vertrat primär das Ziel der Zugänglichkeit kanonisierter (bürgerlicher) Hochkultur für die Arbeiterschaft. Begleitet wurde diese Position jedoch von Kritik an der Kunst der Moderne als bürgerlicher und dem Ausblick auf ihre Überwindung, auf eine neue, post-bourgeoise Kunst. Ersterer wurde vorgeworfen, sie sei von Individualismus geprägt, weichlich und lebensfremd. Ihre entscheidende Schwäche sei der Umstand, dass sie nicht das Produkt einer einheitlichen positiven Weltanschauung wie des Marxismus sei. (10) Die Kunst der Arbeiterklasse hingegen als Hohelied auf den Triumph der körperlichen Arbeit stehe mitten im Leben und gebe die Realität der modernen Gesellschaft wieder:

In der Literatur hallen und klingen wieder die Rhythmen und Geräusche der modernen Arbeit, der Maschine, des Verkehrs. Die Schilderung einer Arbeitsstunde im Hafen von Odessa bei Gorki wird zu einer Symphonie auf die arbeitende Masse, ihre Kraft und Wucht, ihre geordnete Entschlossenheit, die Grösse und rhythmische Sicherheit ihrer Bewegung. [. . .] Das Einzelereignis wird durch die künstlerische Form seiner individuellen Schlacken entkleidet, ins Typische gesteigert, zum Symbol erhöht. (11)

Ordnung und Rhythmus dienen hier als keywords, die eine grundsätzliche Haltung zum Ausdruck bringen: Zum einen sah man in der Thematisierung der körperlichen Arbeit, ein höheres Maß an Übereinstimmung von Kunst und moderner Gesellschaft. Zweitens galten die Abkehr von der Darstellung individueller Befindlichkeiten und die Hinwendung zur Verankerung des Menschen, insbesondere des Arbeiters, im Kollektiv, in der Gesellschaft als Ziel. Diese Fokussierung wurde gleichzeitig als Überwindung von Vereinzelung und Fragmentierung, die die Durchsetzung der bürgerlichen Gesellschaft und ihrer Form des Fortschritts mit sich gebracht habe, betrachtet:

[. . .] der stets im Zusammenhang des Ganzen sich fühlende, seiner Verantwortung bewusste, den neuen Zielen zustrebende Mensch wird der Held dieser neuen Kunst sein. Seine Konflikte mit der alternden Gesellschaftsordnung, seine Kämpfe gegen diese feindselige Welt werden der Kunst ungeahnte Möglichkeiten der Entfaltung gewähren. (12)

Auch die Kunst wurde somit in den Dienst der Herstellung von Ganzheit gestellt, als Projektion in eine proletarische Zukunftsgesellschaft ebenso wie als Darstellung des Idealbildes eines Menschen, der den „Verlust der Ganzheit" in der bürgerlichen Moderne bereits überwunden hat. (13)


Das christlich-konservative Lager


Zentrales Anliegen des christlich-konservativen Lagers war es, den Konzepten von Fortschritt und Modernität eine alternative Bedeutungszuschreibung zu geben. Als politische Feinde wurden explizit der Liberalismus und der Sozialismus aufgefasst, gegen die sich der Hauptvorwurf der Zerstörung gesellschaftlicher Harmonie und Ganzheit durch Individual und Klassenegoismus richtete. Beide Konzepte seien Ausdruck des wirtschaftlichen Konkurrenzprinzips und damit des Kapitalismus, dessen Ergebnis der Klassenkampf sei, beide seien auch Ausdruck jüdischer Vorherrschaft. (14) Die christlichsoziale Partei verstand sich auf dieser Grundlage als die einzige wahrhaft antikapitalistische Partei.
Das Problem aus der Sicht der christlichsozialen Partei waren nicht Industrialisierung und Technisierung an sich, sondern der fehlende christliche Geist hinter den Wandlungsprozessen der Moderne und insbesondere die Entkoppelung von ökonomischem und kulturellem Wandel. (15) Nicht die Ablehnung des „modernen Fortschrittes" war somit die zentrale Position, sondern die Forderung nach Vereinbarkeit von moderner Ökonomie und christlicher Kultur. Deren Trennung sei verantwortlich für die Missstände der modernen Gesellschaft. Die christlichsozialen Gedanken der Solidarität und der Genossenschaft seien daher dem Individualkapitalismus und dem Klassenkampf entgegenzuhalten. Ziel war eine Moderne frei von philosophisch-religiösem und wirtschaftlichem Liberalismus. (16) Die Gesellschaft der Gegenwart um 1900 sei insofern als Bruch mit der Vergangenheit aufzufassen, als sich der soziale Wandel abrupt vollziehe und neue soziale Erscheinungsformen – insbesondere die Lohnarbeiterschaft – ohne historisches Vorbild hervorbringe. Dieser Veränderung gegenüber „vormodernen" Zeiten wurde die Schuld am Klassenkampf zugeschrieben. (17)
Zielvorstellung war daher, dass alle am technisch-ökonomischen Fortschritt teilhaben sollten; dem „Kulturfortschritt" dagegen brachte das christlich-konservatives Lager viel größere Skepsis entgegen: „Die moderne Wirtschaftsweise hat neben der Fülle von Licht auch viele Schatten über unser Kulturleben geworfen." Die Kritikpunkte betrafen die Arbeitsorganisation im Speziellen und die Ausbreitung von Urbanität und Liberalismus im Allgemeinen. Die Arbeitsteilung, so wurde konstatiert, zerstöre das „seelische Mitleben bei der Arbeit". Urbanisierung und Liberalisierung erforderten religiöse und sittliche Charakterstärkung, „sollen nicht Alkohol, Kino von heute und Tingeltangel endgültig die Vorherrschaft erringen". (18) An diesem Beispiel wird deutlich, dass die Moderne als urbane Lebensform, in hohem Maße als moralisch fragwürdiger Gewinn an Freiheit und Freizeit bewertet wird. (19) Als weitere vorrangig wahrgenommene Begleiterscheinungen der „modernen", städtischen Gesellschaft galten die Auflösung der Familie durch Berufstätigkeit der Fabrikarbeiterinnen und die Kinderarbeit. (20)
Zusammenfassend wurde über den Liberalismus daher ausgesagt, er habe „auf politischem Gebiete die Hindernisse der modernen und notwendig gewordenen Entfaltung weggerissen" und den notwendigen Übergang zur modernen Wirtschaftsweise geschaffen, gleichzeitig aber unnötige Leiden mit sich gebracht, deren Ursache die Dominanz der freien Konkurrenz gegenüber der christlichen Ethik sei. (21) Neben den positiven Wirkungen, die sich als Durchsetzung von politischer und ökonomischer Modernisierung beschreiben ließen, wurden kultureller Verfall, Zersetzung und Auflösung in allen Lebensbereichen als kennzeichnend für die Hegemonie des Liberalismus gewertet. Als Paradigma für diesen Prozess galt der Kampf um das Eherecht zwischen den säkularen Parteien und den Christlichsozialen. Wilhelm Miklas, der spätere Bundespräsident der Ersten Republik, vor dem Weltkrieg christlichsozialer Reichsratsabgeordneter, erklärte: „[. . .] die Feinde der katholischen Ehe ruhen und rasten nicht und rüsten immer wieder von neuem zum Sturm auf das katholische Eherecht. Und das muß man anerkennen. Mit wahrhaft teuflischer Planmäßigkeit geht der moderne Freisinn hiebei zu Werke." (22)
Ähnlich wie in der Sozialdemokratie wurden daher im christlich-konservativen Lager die Leiden thematisiert, die der „Fortschritt" mit sich bringe. Stärker aber wurden hier moralische Kategorien und vermeintliche kulturelle Verfalls- und Auflösungserscheinungen betont:

Der scharfe Kampf ums Dasein und die Zerreißung der Familie geben der Zeit ein individualistisches Gepräge: man ordnet sich nicht Autoritäten unter. man geht nicht mehr im Ganzen auf, wie früher in der Familie, Gemeinde, sondern strebt nach Selbstherrlichkeit und Selbstbestimmung und macht dabei auch vor Religion und Sittlichkeit nicht halt. (23)

Im Gegensatz zu den Sozialdemokraten, die Religion und Glauben in die private Sphäre verwiesen, wollten die Christlichsozialen daher das Christentum als gesellschaftlich verbindliche „große Erzählung" wieder einsetzen:

Es wächst uns eine neue Welt heran, neu in Arbeit und Lebensweise, neu im Fühlen und Denken. [. . .] Dieser neuen Welt eine auf den ewigen christlichen Grundsätzen aufgebaute und dauerhafte Ordnung zu geben, die jedem Gerechtigkeit widerfahren läßt, das ist Inbegriff der sozialen Frage, die demnach in unzählbare Probleme zerfällt, die nur durch soziale Kleinarbeit zu lösen ist. (24)

Als einer der Hauptgegner, der in der „neuen Welt" das Christentum bedrohe, wurde die Wissenschaft gesehen. Der methodische Agnostizismus ebenso wie die Dominanz aufklärerischen Denkens standen im Mittelpunkt der Kritik. (25) Michael Mayr, vor dem Ersten Weltkrieg Universitätsprofessor für Neure Geschichte in Innsbruck und christlichsozialer Landtags- und Reichsratsabgeordneter, 1920 bis 1921 Bundeskanzler der Republik Österreich, konstatierte, die „moderne Wissenschaft und Weltanschauung" führe die Menschen in „Wirrnisse". Denn der moderne Mensch verfüge über keine Erkenntnis, die in die Tiefe gehe, und somit über keinen Trost. (26) Das Gegenrezept aus der Sicht Mayrs sei die „katholische Wissenschaft", die auf einer letzten, nicht mehr bezweifelbaren Wahrheit aufbaue, denn: „Ein wirksames Eingreifen in die Kulturbewegung unserer Zeit ist nötig, um die geistigen und idealen Kräfte des Katholizismus mit ihrem Wahrheits- und Ewigkeitsgehalt dem Volke zum Nutzen und Segen richtig zu entfalten." (27)
Die Gegenwart um 1900 wurde gleichzeitig als Fortschritts- und Verfallsgeschichte aufgefasst, wobei eine Rhetorik des Verfalls dominierte. Auch der Weltkrieg wurde daher als Konsequenz moralischen Niedergangs aufgefasst. Kardinal Friedrich Gustav Piffl, Erzbischof von Wien, kommentierte den Krieg nicht zufällig mit einer Semantik der Fragmentierung:

Irdische Wohlfahrt und ungestörtes Erdenglück hat der Krieg unbarmherzig vernichtet und grausam zerbrochen; das vielgerühmte Ideal des Kulturfortschritts, in dem der eitle Menschengeist nach selbstherrlicher Verkörperung rang, hat die ungebändigte Leidenschaft, der egoistische Wahnwitz einzelner Völker zertrümmert und mit verhülltem Angesicht steht die vielfach vergötterte Humanität ratlos neben den unmenschlichen Gräueln und Opfern eines Vernichtungskampfes, in dem die Zerstörungskunst des Menschengeistes entsetzliche Orgien feiert. (28)


Das deutschnationale Lager


Auch das deutschnationale Lager vertrat jene Rhetorik des Fortschritts, die kennzeichnend war für die Epoche um 1900. Ähnlich wie in der Sozialdemokratie wurde kultureller Fortschritt vorrangig über die Säkularisierung der Gesellschaft und insbesondere des Schulwesens definiert. Was als „Fortschritt" aus Sicht der Deutschnationalen zu verstehen ist, wurde wiederholt explizit aufgezählt:

Die deutschnationale Partei steht auf Seite des freiheitlichen Fortschrittes; als die dringendsten Aufgaben des wieder zusammentretenden Reichsrates erblickt sie, neben der Verfassungsrevision, die gänzliche Aufhebung des Konkordates im Wege der Separatgesetzgebung, die Einführung der Geschwornengerichte für sämtliche, also auch die nicht durch die Presse begangenen politischen Delikte, die Reform der Vereins- und Pressgesetzgebung, die Einführung der Zivil-Ehe usw. (29)

Neben ihrer nationalen Komponente verkörperte die Deutsche Volkspartei Georg Ritter von Schönerers das, was das christlichsoziale Lager als den „modernen Freisinn" bezeichnet: Die DVP bezeichnete sich selbst als „streng national, entschieden freisinnig und wirtschaftlich reformatorisch". (30) Spätestens seit den 1880er Jahren trat der Deutschnationalismus gegenüber dem ,liberalen Erbe' zunehmend in den Vordergrund. Expliziter Antiliberalismus wurde immer öfter formuliert. Die Vorwürfe an den Liberalismus lauteten ähnlich wie seitens der Christlichsozialen: Diese Weltanschauung führe zur Auflösung des gesellschaftlichen Zusammenhangs. Dagegen setzte man die „große Erzählung" des Volkes als neuer Ganzheit, die Identität und Einheit stiften sollte. So formulierte die Deutsche Arbeiterpartei Österreichs (DAP):

Wir sind eine freiheitliche völkische Partei, die mit aller Schärfe bekämpft die rückschrittlichen Bestrebungen, die mittelalterlichen, kirchlichen und kapitalistischen Vorrechte und jeden fremdvölkischen Einfluß, vor allem den überwuchernden Einfluß des jüdischen Geistes auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens. (31)

Das Zitat macht deutlich, dass die religiös legitimierte Metaerzählung der Christlichsozialen als „mittelalterlich", als Synonym für „rückständig" gesehen wurde, in Abgrenzung dazu erfolgte das eigene Selbstverständnis als „modern" und „fortschrittlich". Die Trennung von Schule und Kirche galt daher als zentrales Element „neuzeitlichen" Bildungswesens, das ausschlaggebend für den Fortschritt des deutschen Volkes sein sollte. (32) Die „kapitalistischen Vorrechte" seien gleichbedeutend mit der Dominanz des Liberalismus, der als Klassengesellschaft gedeutet wird, die die Einheit des homogenen (deutschen) Volkes bedrohe. Deutlich wird hier aber auch ein weiterer Einwand gegen den Liberalismus – ähnlich wie auch bei den Christlichsozialen –, die Identifikation mit „jüdischem Geist" und jüdischer Dominanz. Der deutschnationale Antisemitismus macht sich am liberalen Kapitalismus fest, der als Internationalismus, als Tendenz zur Globalisierung dem völkischen Denken entgegengesetzt sei und als Tarnung für den „jüdischen Einfluss" diene.
Das deutschnationale Lager formulierte von den 1880er Jahren an zunehmend deutlich seine Narration von der Volksgemeinschaft als Grundlage gesellschaftlicher Ganzheit. Das Salzburger Programm von 1920 der Großdeutschen Volkspartei, der deutschnationalen Sammelpartei in der Ersten Republik, fasste diese Entwicklung schließlich zusammen. Es stellte den „Gedanken(n) der Volksgemeinschaft" an die erste Stelle der weltanschaulichen Positionen. In ihm liege ihr Gegensatz zum Liberalismus, der als Weltanschauung des Individualismus dem Gemeinschaftsgedanken entgegengesetzt sei: „Dem Liberalismus liegt eine Weltanschauung zugrunde, die in einseitiger Weise die Rechte des Individuums in den Vordergrund stellt und die Rechte der Gesamtheit vernachlässigt; sie wird darum als wirtschaftlicher Individualismus oder als Individualismus schlechthin bezeichnet." (33) Auf dieser Grundlage erfolgte auch eine Abgrenzung von der Sozialdemokratie. Diese wolle Vorkämpferin des Gemeinschaftsgedankens sein, der Klassenkampf, den sie propagiere, gehöre jedoch dem individualistischen Ideenkreise an. Sie betreibe daher individualistische Politik vom Arbeiterstandpunkt aus. Nur die Großdeutschen seien es, die dem Individualismus den Gedanken der Volksgemeinschaft gegenüber stellten. Diese wurde als Arbeits- und Kulturgemeinschaft aufgefasst (34), wobei die Kulturgemeinschaft durch die „Pflege der Volkseigenart" bewahrt werde. (35) Zu dieser stehe „der Jude" in Gegensatz, der „seinem Charakter und seiner Veranlagung nach durch und durch Individualist" sei. (36) Die Macht der individualistischen Weltanschauungen des Liberalismus und des Sozialismus beweise die jüdische Dominanz in der Gegenwart des Jahres 1920: „Unsere Zeit ist durch einen gewaltigen Aufstieg der Macht des Judentums gekennzeichnet, ein Aufstieg, der durch den Krieg nach eine besondere Förderung erfahren hat." Die besondere Gefahr des Feindkonstruktes „Judentum" bestehe, so die Großdeutschen, eben in der Durchsetzung der Tendenzen zur Fragmentierung und Auflösung: „Hand in Hand damit geht die Zersetzung des inneren Zusammenhaltes des Volkes. Der Jude betont, seiner Rassenveranlagung entsprechend, stets das Gegensätzliche, er findet überall das Trennende heraus, nicht das Verbindende." (37)
Diese Zitate, die schon deutlich auf die rassen-antisemitischen Diskurse bis hin zum Nationalsozialismus verweisen, machen die Funktion des Antisemitismus im Modernediskurs sehr deutlich. „Der Jude" steht hier als Verkörperung einer bestimmten Vorstellung von der Moderne, zu deren Überwindung die Metaerzählung des „Volkes" dienen soll – im christlichsozialen Lager teils unverhüllt, aber in der Form am aggressivsten und in der Funktion am deutlichsten im deutschnationalen Weltbild. (38) Liberalismus und Sozialismus als vermeintliche Vehikel jüdischer Dominanz fungierten bei den Christlichsozialen und bei den Deutschnationalen als Chiffren für die negativ konnotierten Aspekte von Modernität. „Der Jude" wird zunehmend zu deren Personifikation. (39)


Zusammenfassung


Die Emphase der Überwindung kennzeichnet also Rhetorik und Semantik aller drei Lager, ihre Antworten auf die „Fortschritts"-Tendenzen ihrer Zeit resultieren in der Konstruktion „großer Erzählungen". Hochgradig differente Phänomene wurden diskursiv zu einem Topos der Auflösung zusammengefasst Als kulturelle Herausforderung galt die Herstellung bzw. Wiederherstellung von gesellschaftlicher Ganzheit. Die Wahrnehmung von Fragmentierung, Pluralisierung, Individualisierung ist generell von einer negativen Bewertung begleitet, die Antwort darauf soll die Durchsetzung einer Metaerzählung – der sozialistischen Zukunftsgesellschaft, des christlich-katholischen Weltbildes oder des Volkes bzw. der Rasse – sein. Dieser Befund macht aber schon deutlich, dass die Deutungen, Bedeutungszuschreibungen und Lösungsansätze unterschiedlich, wenn nicht unvereinbar waren. Die Gegenwart der Moderne um 1900 galt in der österreichischen politischen Kultur letztlich als etwas, das hinter sich zu lassen war. Für die Sozialdemokratie lag die Überwindung in der Entwicklung zu etwas völlig Neuem, einer Gesellschaftsform der Zukunft, die auf den technisch-ökonomischen Tendenzen der Gegenwart aufbaute und sie für den Sozialismus nutzbar machen sollte. Sie stand dem liberalen und aufklärerischen Fortschrittsoptimismus am nächsten, während im christlich-konservativen und deutschnationalen Lager die angebotene Lösung in der Wiederherstellung von Kontinuität und der Kompatibilität einer – christlich oder völkisch gedeuteten – Tradition mit dem technisch-ökonomischen Wandel lag.



(1) Dem vorliegenden Beitrag liegt der Aufsatz Eine „wahrhaft moderne Partei". Der Diskurs über Modernität und Modernisierung in der politischen Kultur Österreichs um 1900 zugrunde, der im Tagungsband der Konferenz „Normen" und „Ausnahmefälle" in der europäischen Kultur um die Jahrhundertwende (Schweiz, Österreich, Deutschland, Russland). Epoche des Anfangs und des Endes an der Russischen Staatsuniversität für Geisteswissenschaften in Moskau erscheinen wird.
(2) Die Begrifflichkeit der politischen „Lager" wurde im Wesentlichen geprägt in: Adam WANDRUSZKA, Österreichs politische Struktur. Die Entwicklung der Parteien und politischen Bewegungen, in: Heinrich BENEDIKT (Hg.), Geschichte der Republik Österreich, München 1954, 289-486.
(3) Vgl. Ernst HANISCH, Der lange Schatten des Staates. Österreichische Gesellschaftsgeschichte im 20. Jahrhundert, Wien 1994 (Österreichische Geschichte 9), 117-152. Zur Parteiengeschichte vgl. Österreichische Parteiprogramme 1868 – 1966, hg. von Klaus BERCHTOLD, Wien 1967, 11-105.
(4) Manifest an das arbeitende Volk in Österreich (5. Arbeitertag, Wien, 10. Mai 1868), in: Österreichische Parteiprogramme, 111.
(5) Karl RENNER, Der Krieg und die Internationale, in: Der Kampf 8 (1915), 61.
(6) Ebda, 62.
(7) Programm des Wiener Neustädter Arbeitertages (13.–15.8.1876), in: Österreichische Parteiprogramme, 120.
(8) BAUER, Marx und Darwin, in: Der Kampf 2 (Okt. 1908 – Sept. 1909), 170.
(9) Ebda.
(10) Otto WITTNER, Der Sozialismus und die Kunst, in: Der Kampf 3 (Okt. 1909 – Sept. 1910), 282.
(11) Ebda, 283.
(12) Ebda, 284.
(13) Vgl. Hildegard KERNMAYER, Wiener Post-Moderne oder Sehnsucht nach der großen Erzählung? ,Identitätskrise' als Signatur einer Epoche. Einleitung, in: H.K. (Hg.), Zerfall und Rekonstruktion. Identitäten und ihre Repräsentation in der Österreichischen Moderne, Wien 1999 (Studien zur Moderne 5), 13-29.
(14) Josef SCHWINNER, Die Schädigung des Gewerbes durch die Entchristlichung der Gesellschaft, in: Der Katholikentag der Deutschen Oesterreichs vom 15. bis 17. August 1913 in Linz a. D., Linz 1913, 64. – Vgl. John W. BOYER, Culture and Political Crisis in Vienna. Christian Socialism in Power 1897–1918, Chicago–London 1995, 164-235.
(15) Ebda, 65.
(16) Ebda, 64.
(17) SCHMITZ, Die soziale Frage und die Katholiken, in: Katholikentag 1913, 81.
(18) Ebda, 82.
(19) Vgl. Roman HORAK, Kaffeehaus und Vorstadt, Feuilleton und Massenvergnügen, in: Michael FANIZADEH [u. a.] (Hg.), Global Players – Kultur, Ökonomie und Politik des Fußballs, Frankfurt/Main 2002 (Historische Sozialkunde 20/Internationale Entwicklung), 58.
(20) SCHMITZ, Die soziale Frage und die Katholiken, 83.
(21) Ebda, 84.
(22) Wilhelm MIKLAS, Die sakramentale Ehe, die Grundlage der christlichen Familie, in: Katholikentag 1913, 201.
(23) SCHMITZ, Die soziale Frage und die Katholiken, 80.
(24) Ebda.
(25) Friedrich LANG: Monismus und Christentum, in: Die christliche Familie 28, Nr. 1 (1. Jänner 1914), 25-27.
(26) Michael MAYR, Die Hochschulfrage für die Katholiken Österreichs, in: Katholikentag 1913, 92.
(27) Ebda, 93.
(28) Friedrich Gustav PIFFL, Die Wunderkraft des Glaubens, in: Die christliche Familie 30, Nr. 4 (1. April 1916), 88.
(29) Programm der Deutschnationalen in Graz (Graz 1870), in: Österreichische Parteiprogramme, 182.
(30) Kundgebung des Deutschnationalen Vereins (28. Juni 1882), in: Ebda, 197.
(31) Parteigrundsätze der Deutschen Arbeiterpartei Österreichs (Reichsparteitag, Iglau, 7./8. September 1913), in: Ebda, 226.
(32) Vgl. auch Parteigrundsätze der Deutschen Arbeiterpartei Österreichs, 229.
(33) Das „Salzburger Programm" der Großdeutschen Volkspartei (5.–7. September 1920), in: Österreichische Parteiprogramme, 439.
(34) Ebda, 440 f.
(35) Ebda, 443.
(36) Ebda, 478.
(37) Ebda, 479 f.
(38) Vgl. Helmut RUMPLER, Eine Chance für Mitteleuropa. Bürgerliche Emanzipation und Staatszerfall in der Habsburgermonarchie (= Österreichische Geschichte 8), 497-504. – Zum Antisemitismus in der Sozialdemokratie vgl. Herbert RÜTGEN, Antisemitismus in allen Lagern. Publizistische Dokumente zur Ersten Republik Österreich 1918-1938, Graz 1989 (Dissertationen der Karl-Franzens-Universität Graz 78), 8-78.
(39) Vgl. Hildegard KERNMAYER, Judentum im Wiener Feuilleton (1848–1903). Exemplarische Untersuchungen zum literarästhetischen und politischen Diskurs der Moderne, Tübingen 1998 (Conditio Judaica 24).

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