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Stand der Forschung und Editionsgeschichte

Auch wenn die hochdeutschen Komödien des Lambacher Benediktiners P. Maurus Lindemayr ästhetisch wie literaturhistorisch zu den interessantesten Beiträgen des österreichischen Theaterlebens der theresianisch-josephinischen Zeit gehören, in der Forschung fanden sie bislang kaum Beachtung. Dabei zeigen sich die neun Stücke, die vor allem auf der viel besuchten, 1770 wiedereröffneten Lambacher Stiftsbühne (zumeist mit Musikeinlagen des Stadl-Paurer Waisenhausleiters Joseph Langthaller) in Szene gesetzt wurden, als intelligente, künstlerisch eigenständige und bestens informierte Auseinandersetzungen mit der Praxis professionellen Schauspiels und den theatertheoretischen Positionen der Zeit. Keinem Schema verpflichtet, entfalten sie ein breites Spektrum der dramatischen Möglichkeiten im Lustspielgenre, das von der Besserungskomödie traditionellen Stils bis hin zur subtilen selbstreflexiven Literatursatire reicht und eine Mythentravestie ebenso umfasst wie ein hochaktuelles Zeitstück. Dass diese nicht-dialektalen Werke des bedeutendsten österreichischen Ordensdramatikers des 18. Jahrhunderts dennoch bis heute wissenschaftlich so stiefmütterlich behandelt wurden, ist wohl nicht nur der Fokussierung theaterwissenschaftlicher Forschung auf das literarische Zentrum Wien anzulasten. Maßgeblichen Anteil hat sicherlich auch die lokalpatriotisch motivierte Reduzierung des vielseitigen Schriftstellers und Übersetzers aus dem Italienischen und Französischen zum "kernigen P. Maurus" (Hans Anschober), der mit seinen Bauernkomödien und Gedichten im oberösterreichischen Dialekt als ‚Vater obderennsischer Mundartliteratur' gilt. Seine hochdeutschen Stücke wurden, da sie dem Bild nicht entsprachen, bereits in den ersten Werkkompilationen ausgespart und in frühen wissenschaftlichen Arbeiten als ästhetisch unzulänglich abgetan; bis heute ist denn auch ein Gutteil seiner Werke, die nicht in oberösterreichischer Mundart verfasst sind, ungedruckt. So haben sich gerade auch jene Lustspiele Lindemayrs für lange Zeit des literaturwissenschaftlichen Zugriffs entzogen, die nicht nur eine zum Teil bis heute lebendige Unterhaltungsqualität aufweisen, sondern auch als Dokumente eines umfassenden Modernisierungsprozesses gelesen werden können, der in diesen Jahrzehnten das österreichische Theaterschaffen grundlegend veränderte.
An Versuchen, das dramatische Gesamtwerk Lindemayrs zu edieren, hat es freilich nicht gefehlt. So bemüht sich schon sein als Zeichner und Kupferstecher berühmt gewordener ehemaliger Schüler und Mitbruder P. Koloman Felner (1750-1818), eine Drucklegung bei Eurich in Linz zu erreichen und übergibt dem Verleger zu diesem Zweck sämtliche Autographen Lindemayrs und die dazugehörigen Partituren. Zurück allerdings bekommt er sie nicht mehr; Eurich rechtfertigt sich auf Anfrage damit (wie P. Wolfgang Kollendorfer in der wichtigsten erhaltenen Handschrift der Werke Lindemayrs, dem Codex charteus 718 der Lambacher Handschriften- und Inkunabelsammlung, nachträglich vermerkt), "er wisse nicht, wo sie hingekommen sind". Immerhin erscheint 1822 eine recht sorglos redigierte Auswahl aus Lindemayrs dialektalen Werken in eben diesem Verlag. Wohl als Reaktion auf den Verlust der Originalhandschriften schreibt ein Nachfolger Lindemayrs als Seelsorger in Neukirchen, P. Karl Kaisermayr, ein Jahr nach dem Tod P. Kolomans sämtliche Werke Maurus Lindemayrs und seines Bruders Peter Gottlieb ab, um sie drucken zu lassen; indes wird dieses Vorhaben aufgrund der strengen Zensurbestimmungen der Metternichzeit zunächst aufgeschoben. Als der Linzer Bischof Sigismund von Hohenwart 1821 Interesse an den Werken zeigt, gibt man das Konvolut einem Mittelsmann zur Begutachtung. Wenige Monate später um die Rückgabe gebeten, entschuldigt sich dieser für den Verlust. Erst 1841 erhält P. Karl eine Abschrift des Dummköpfigen Hausknecht zugesandt, die er als seine eigene erkennt. P. Pius Schmieder, ebenfalls Neukirchner Pfarrer, verzichtet 1875 in seiner Edition auf die hochdeutschen Dichtungen, da sich "P. Maurus vor allem in der Volksmundart einen Namen gemacht" hätte. 1947 kündigt Hans Anschober (der schon gut zwei Jahrzehnte zuvor eine Sammlung für die Wiederaufführung bearbeiteter Lindemayrstücke herausgegeben hat) eine wissenschaftliche Gesamtausgabe der Werke der Brüder Maurus und Peter Gottlieb an, die bedauerlicherweise ebenso wenig zustande kommt wie die 1980 in Aussicht gestellte "kritische, historisch kommentierte Ausgabe" der theatralischen Werke Maurus Lindemayrs durch Hilde Haider-Pregler und Fritz Fuhrich.
So sind bislang erst vier dieser hochdeutschen Arbeiten in den Druck gelangt: neben einer kommentierten Faksimileausgabe des von Johann Haider vor gut drei Jahrzehnten im Seitenstettener Stiftsarchiv wiederentdeckten, bis dahin der Forschung völlig unbekannten Singspiels Die Hochzeit nach Geld (1766) der lange Zeit verschollene Argonautenzug nach Kolchis um das goldne Fell (1771?), Lindemayrs literatursatirischer Beitrag zum Hanswurststreit Der bei einem Arzten Theater unentbehrliche Hannswurst (1772) und Der Chamäleon des Herrn Rabeners (1775); im nächsten Goethe-Jahrbuch soll überdies Der von allen Seiten für einen Narren gehaltene Herr von Storax gebürtig von Weilham (1757/58) in der Bearbeitung durch Karl Heinz Huber erscheinen. Sowohl Die Anstalten zum Gratulieren (1773), der von Michael Haydn vertonte Engländische Patriotismus (1780), der kurze, mit Dialektalsequenzen versehene Dummköpfige Hausknecht sowie das Besserungsstück Der heruntergesezte Herr von Hochaus (1780/81) sind noch nicht ediert. Eine weitere Komödie mit dem Titel Die Frau von Seltsam, aus der zwei Lieder in einer Sammelhandschrift des Peter Gottlieb Lindemayr erhalten sind, ist verschollen.
Bei dieser dürftigen Editionslage kann es nicht verwundern, dass die wissenschaftliche Bearbeitung der durchaus ansprechenden und anspruchsvollen Texte - im Gegensatz zu den vergleichsweise gut erforschten Dialektwerken - im Argen liegt. Ausführlichere, wenn auch nicht allzu ertragreiche, teils verfälschende Besprechungen finden die im Ccl 718 enthaltenen Stücke erstmals in den unabhängig voneinander entstandenen Dissertationen Hans Maxbauers und Franz Johann Prohaskas aus dem Jahr 1914. Sieht man von Erwähnungen etwa bei Zajicek, Anschober oder in Nadlers Literaturgeschichte (interessanterweise zum Teil bei nachweislicher Unkenntnis der Texte) ab, ruht die Forschung bis zu Haiders profunden Besprechungen seiner Seitenstettener Fundstücke, deren Edition er als Voraussetzung sieht, "diesen wichtigen Teil des dramatischen Schaffens Lindemayrs erstmals genauer zu beleuchten". Aber auch die Hoffnung Haider-Preglers und Fuhrichs, mit ihrer Drucklegung zweier Stücke "Anlaß zu einer kritischen Revision der Lindemayr-Forschung" geben zu können, hat sich nur bedingt erfüllt.