Wissenschaftlicher Hintergrund

Der musikalisierte Alltag der digital Culture

Musik als modellbildendes Medium für eine Theorie der Medienkunst


Werner Jauk

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Medienkunst hat wie Wissenschaft epistemologisches Interesse, Medienkunst exploriert Lebensstrategien unserer Körperlichkeit in einer durch technologische Bedingungen veränderten Umwelt. Die Erhöhung der Geschwindigkeit über das mechanische Maß des Körpers hinaus und die Generierung von Wirklichkeit über Codes schaffen jene geänderten Lebensbedingungen, mit denen unser Körper zu interagieren hat. Darin ist heute Medienkunst die Avantgarde der digital Culture als Alltagskultur.

Musik in ihrer klanglichen Erscheinung ist die Formalisierung jener Imageries, die über die auditiv kontrollierte Körper-Umwelt-Interaktion erworben werden, Musik als "beziehendes Denken" ist darüberhinaus noch die Formalisierung jener willkürlichen Gestaltung abseits naturgegebener Ordnungen, die Codes erlauben. Es gibt Hinweise dafür, dass diese Imageries und Ordnungsarten adäquate Strategien zur Interaktion mit den neuen Lebensbedingungen seien: Musik ist durch Dynamisierung geprägte und durch Codierung entstandene kulturelle Form - Dynamisierung und Codierung sind die Grundpfeiler der digital Culture.
Hohe Geschwindigkeiten der Informationsübertragung verkehren die körperliche Interaktion mit den Umweltereignissen – der Auditory Space scheint Paradigma jener passiven Interaktion zu sein, in der der Körper überflüssig werde. Musik ist jener Ereignisraum, der dem "beziehenden Denken" zugänglich ist. Musik formalisiert dabei beziehende Wahrnehmung als Bedingung menschlicher Wahrnehmung zum Erleben der Zeitgestalt Klang. Während das Auge im sprichwörtlichen Augenblick den Zustand der Dinge analog abbildet, hört das Ohr das Verhalten der Dinge in der Zeit. Codes, in keiner Beziehung zur Außenwelt stehend, tragen die Potenzialität zur Schaffung von Wirklichkeiten abseits der mechanistischen Erfahrung in sich. Eine alternative Form der Generierung ist die hedonische – sie erbringt Ordnungen von bedeutungsneutralen Elementen nach ihrem Erregungswert. Das musikalische Werk geschaffen aus Codes (Notation) repräsentiert non-mechanistische Wirklichkeiten aus “beziehendem Denken“ geregelt nach “Spannung und Lösung“, die Interaktion mit diesem ist hedonisch.
Musik als Instrumentarisierung des emotionalen Ausdrucksverhaltens-lautes im musizierenden Verhalten ist nicht nur Generierungsform, sondern Modell des Zugangs, des input-interfaces, zu aus Codes geschaffenen virtuellen Welten. Zudem wird Musik in ihrer klanglichen Erscheinung in hedonischer Erregung körperlich rezipiert und ist darin auch Paradigma der output-interfaces, der Interaktion unserer Körper mit mixed realities, mit solchen auf die sensorische Ebene rückkonvertierten Virualitäten.

Musik, als dynamisierte und codierte Wirklichkeit, aus hedonischer Körperlichkeit geschaffen und ebenso körperlich rezipiert, dient als Modell für eine Theorie der Medienkünste – alternativ zu einer Theorie der Medienkünste aus der bildenden Kunst. Betrachtet als Formalisierung und Kultivierung der visuellen Wahrnehmung ist diese statisch und analog – die Interaktion mit “realen“ Welten ist stets mechanistisch. Die Transgression des Mechanistischen in den digital arts ist Thematisierung der hohen Mediatisierungsform der digital Culture, der Entfernung von der mechanistischen und der Zuwendung zu einer hedonischen Körperlichkeit – dies bindet sie notwendigerweise in die pop-culture ein.

Digital Culture ist musikalisierte Alltags-Kultur.