Nach der "Wende": Kirchen in Zentral-Osteuropa


Über den Autor
Károly Tóth war bis 1990 Bischof der reformierten Kirche Ungarns, über zehn Jahre lang Präsident der Christlichen Friedenskonferenz und Vizepräsident des Reformierten Weltbundes. Derzeit ist er Direktor des Ökumenischen Studienzentrums in Budapest.


In der hier wiedergegebenen Ausführung des emeritierten reformierten Bischofs Károly Tóth schwingt die dezent geäußerte Kritik am Bestreben der "befreiten" Kirchen des Ostens mit, sich vorrangig um das materielle Wohlergehen und die Machtpositionen der Institution zu kümmern und weniger - wie von ihm gefordert - um die "pastoralen Aufgaben". Die Kirchengeschichte zeigt allerdings, daß diese Schwerpunktsetzung zu allen Zeiten eher die Regel als die Ausnahme darstellte.

Konfessionelle Vielfalt
Der Versuch, die kirchliche Lage in Zentral-Osteuropa zu beschreiben und die Folgen der vor einigen Jahren (seit 1989) begonnenen radikalen Veränderungen zu untersuchen, kann nicht mehr als eine Bestandsaufnahme sein. Damals wurde ein weitgehender und tiefgreifender Prozeß in Gang gesetzt, der noch gar nicht als beendet angesehen werden kann; dieser Prozeß hat Veränderungen verursacht, die in der ganzen Welt spürbar geworden sind und deren Auswirkungen und Herausforderungen sogar schwerwiegende Folgen auch in Westeuropa und in anderen Teilen der Welt haben können. Im Grunde zeigten sich die Zeichen der Unzufriedenheit mit dem real-existierenden Sozialismus bereits früher; vor fünf Jahren wurde der Prozeß dramatisch beschleunigt und nahm revolutionäre Formen an. Es handelt sich also um einen Prozeß, der unaufhaltsam weitergeht, dessen Richtungen und Konturen sich klar zeigen, doch dessen Ergebnisse noch nicht sichtbar sind, auch nicht für die Kirchen.
Wenn wir uns in diesem Sinne - d. h. nicht isoliert, sondern die globalen Zusammenhänge betrachtend - auf Zentral-Osteuropa konzentrieren, müssen einige Gegebenheiten vor Augen gehalten werden:
Zentral-Osteuropa darf nicht als eine monolithische Einheit betrachtet werden, denn trotz der gemeinsamen Charakterzüge der Völker und Länder dieser Region bietet dieses Gebiet hinter dem verschwundenen Eisernen Vorhang ein buntes Bild und stellt eine ebenso reiche Vielfalt dar wie Westeuropa. Es muß zur Kenntnis genommen werden, daß Zentral-Osteuropa nie ein monolithischer Block war, auch nicht in der Zeit der brutalsten Periode des Stalinismus, trotz der damaligen mit Gewalt erpreßten Scheineinheit. Die kirchliche religiöse Lage der Region kennzeichnet sich noch differenzierter und bunter als die sozialen und politischen Verhältnisse.
Wenn wir von Zentral-Osteuropa sprechen, verstehen wir es nicht ausschließlich geographisch, auch nicht nur kulturell, sondern im Sinne der ehemaligen sozialistischen Länder. Eine der Besonderheiten dieser Länder besteht in der bewußten oder unbewußten šberzeugung der Völker, daß sie nicht zum "Osten" gehören, sondern sich aufgrund ihrer Kultur immer als organischer Teil jenes Europa verstanden, das von der westlichen Kultur geformt wurde und im Unterschied zur östlichen Form des Christentums steht, das durch Byzanz, die Orthodoxie, das Ausbleiben der Renaissance, der Reformation und Aufklärung in Südosteuropa geprägt erscheint. In diesem Sinne umfaßt Zentral-Osteuropa die folgenden Länder: die ehemalige DDR, Polen, Tschechien, die Slowakei, Ungarn, Kroatien und Slowenien und als Treffpunkt zweier Kulturen Rumänien sowie das kleine Jugoslawien.
Es gab zwei Tendenzen, die während der Zeit des Realsozialismus gegen die atheistische, internationalistische Ideologie wirkten: die Religion und der Nationalismus. Beide sind als natürliche Waffen gegen die Diktatur benutzt worden, die gerade diese zwei höchst komplexen Größen geradezu programmatisch zu unterdrücken suchte. Diese Kennzeichen der Wende können wohl einige spätere Widersprüche in Zentral-Osteuropa erklären.
Wir müssen festhalten, daß die Ereignisse der Wende 1989/90 nicht als revolutionär im Sinne der klassischen Revolutionen des 19. und 20. Jahrhunderts gelten können. Das ist der Grund dafür, daß der bekannte englische Politologe Timothy Garston Ash die Wende in der CSSR, Polen und Ungarn "Refolution", also eine Mischung von Reform und Revolution, nannte. Es muß hier auch vermerkt werden, daß die Kirchen als Institutionen keinen großen und direkten Einfluß auf die Ereignisse ausgeübt haben. Ihr Einfluß war eher indirekt, wie in der DDR oder in Polen, oder wurde durch einzelne Personen vertreten, wie durch den ungarischen reformierten Pastor L. Tökés in Rumänien. Aber die Kirchen waren die einzigen Institutionen, die ideologisch dem Marxismus durch ihre bloße Existenz widersprachen und doch toleriert wurden. Ob das als ein Widerstandsfaktor verstanden werden kann, bleibt eine Frage.

Kirche und Nationalismus
Die Behandlung des Problems des Nationalismus kann für das bessere Verständnis der Bedeutung der Kirchen in Zentral-Osteuropa hilfreich sein. Die oben erwähnte Verbindung zwischen der Religion und dem Nationalismus manifestiert sich besonders darin, daß die Staatsgrenzen auch religiöse, konfessionelle Trennlinien darstellen. Zum Beispiel gilt der Katholizismus in Polen und in Kroatien ebenso als "Nationalreligion" wie die Orthodoxie in Rußland, in Rumänien und in Serbien. Neue Dimensionen des Nationalismus ergeben sich dadurch, daß der Islam die Religion von einigen Volksgruppen und Nationen wie in Bosnien und in den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion ist.
Es ist bekannt, daß die ethnischen und nationalen Konflikte in diesem Gebiet nach der Wende entflammten. Dies ist ein höchst kompliziertes Problem, das auf verschiedene Ursachen zurückzuführen ist; der Nationalismus ist ein Konglomerat von verschiedenen Gefühlen, Ideen und Gedanken, das tragische Folgen mit sich brachte, vor welchen Westeuropa, aber auch die ganze Welt verblüfft und ratlos steht. Beim Analysieren der Komponenten des Nationalismus müssen wir klar sehen, daß nach der Jahrhunderte währenden Unterdrückung dieser Völker ihr Nationalgefühl tief verletzt wurde. Wir müssen uns daran erinnern, daß die Länder und Völker dieser Region für mehr als 400 Jahre unter dem Joch fremder Herrschaften leben mußten. Bis zum Ende des Ersten Weltkrieges herrschte die Habsburger-Monarchie im Westen, im Osten drohte das Riesenreich der russischen Zaren, im Süden befand sich das immer schwächer werdende Osmanische Reich. In der Zeit der fremden Herrschaften waren die Religionsgemeinschaften die Orte der Bewahrung der nationalen Identitäten der Völker: Die protestantischen Kirchen Ungarns kämpften gleichzeitig für ihre Religionsfreiheit und für die nationale Unabhängigkeit; die polnischen Katholiken wollten ihre nationale Identität gegen den preußischen Protestantismus und gegen die russische Orthodoxie verteidigen. Auf dem Balkan waren die orthodoxen Kirchen jahrhundertelang die einzigen Zentren des nationalen Bewußtseins ihrer Völker.
Diese Imperien brachen am Ende des Ersten Weltkrieges zusammen, was noch keine Freiheit für die zentral-osteuropäischen Völker mit sich brachte, da sich einige Jahre darauf zwei ideologische Monster erhoben: im Westen der deutsche Nationalsozialismus mit seinem Antirationalismus, im Osten Stalins sozialistischer Hyper-Rationalismus. So wurde Zentral-Osteuropa zum Exerzierplatz dieser zwei Ideologien - mit vernichtenden Folgen.
Es ist daher selbstverständlich, daß in der neu erhaltenen Freiheit der Nationalismus vulkanartig explodierte. Er wurde im Kampf gegen die sozialistische Machtstruktur als wirksames Mittel gebraucht, lebte aber nach dem Sieg weiter wie ein aus der Flasche befreiter böser Geist. Die Geister des Nationalismus kehrten als eine anachronistische Kraft zurück und versuchten, die seit 50 Jahren totgeglaubten Idole zu rehabilitieren: in der Slowakei den katholischen Priester Tiso, den "Staatspräsident" der von Hitler ausgerufenen "unabhängigen Slowakei", den faschistischen Diktator Antonescu in Rumänien, Pavelic in Kroatien und Regent Horthy in Ungarn.
Der Nationalismus wirkte um so vehementer, als schon die kommunistischen Diktaturen ihn als Heilmittel zur Hilfe gerufen hatten, nachdem die Entfremdung der Völker vom Sozialismus spürbar wurde. Das extreme Beispiel hierfür wurde von Ceausescu geliefert, der seine brutale Diktatur mit fanatischem Nationalismus verband. Leider könnte man hier weitere Beispiele erwähnen. Eine mit dem Nationalismus eng verbundene Versuchung stellt der Antisemitismus dar, der teilweise auch in der kirchlichen Tradition bewahrt wurde.
Man muß sich dessen bewußt sein, daß der Nationalismus im Grunde genommen aus zwei entgegengesetzten Komponenten besteht: Wie die Fachliteratur sagt, ist er eine "binäre Ideologie", die eine negativ-destruktive und auch eine positiv-konstruktive Seite hat. Es hängt von der jeweiligen Situation ab, welche der beiden Komponenten als wirksam in Erscheinung tritt. Dabei wird oft vergessen, daß das 19. Jahrhundert, welches als der Ursprung des modernen Nationalismus gilt, auch eine andere europäische Tradition beinhaltete; es gab nämlich eine Tradition in Europa, die schon im 19. Jahrhundert den Nationalismus im Namen des universellen Charakters des Christentums überwinden wollte. Novalis schrieb z. B. in seiner Schrift "Die Christenheit oder Europa" (1799) "über den fürchterlichen Wahnsinn, von dem die Nationen befallen seien."
Die Frage der ethnischen Konflikte und der nationalen Minderheiten hat die Kirchen in Mittel-Osteuropa vor eine sehr schweres, fast unlösbares Dilemma gestellt. Diese Feststellung gilt besonders für die in Minderheit lebenden Kirchen und ethnischen Gruppen, aber auch für die großen Kirchen in den Gebieten, wo Bürgerkriege toben (Ex-Jugoslawien und in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion Aserbaidschan, Georgien). Ihr Dilemma besteht darin, zwischen folgenden Möglichkeiten entscheiden zu müssen: Entweder lassen sie sich vom fanatischen Nationalismus instrumentalisieren, was die Konflikte weiter vertieft, oder sie versuchen Instrumente der Versöhnung und des Friedens im Sinne des Evangeliums Jesu Christi zu werden. Im zweiten Fall können sie leicht als unpatriotisch abgestempelt und von den zu fanatischem Nationalismus aufgehetzten Bevölkerungsgruppen abgelehnt werden.
Die Christen aber dürfen nie müde werden zu betonen, daß die christliche Theologie keinen qualitativen Unterschied zwischen den Nationen kennt. Die vorhandenen Unterschiede sind kontextuell, d. h. geographisch-historisch-kulturell, und können für die christliche Betrachtung nur eine relative Bedeutung haben. Das heißt: der kirchliche Gesichtspunkt zur Beurteilung der Nation muß immer ein theologischer bleiben. Zwischen den Zielsetzungen der politischen Stimmungen und Programme ist immer aus theologischer Perspektive zu differenzieren. Nationalität darf kein christliches Attribut der Kirche sein. Der nationale Charakter bezeichnet immer den Ort, wo der jeweilige Teil der universellen Kirche lebt und vom Herrn Zeugnis ablegt. Mit anderen Worten: "Der" Nationalismus muß immer eine kulturelle Kategorie bleiben, die nie politischen Zwecken dienen darf, sondern die die Weltgemeinschaft bereichernden spezifischen Merkmale sollen der Ausdruck des geistigen und individuellen Gehalts der Völker bleiben. Die Christen leben in der Regel in nationalen (und konfessionellen) Kirchen; neuerdings haben auch die nationalen Bischofskonferenzen der römisch-katholischen Kirche eine größere Bedeutung. Eine solche Verbindung mit der jeweils eigenen Nation kann ein Reichtum sein. Andererseits haben die Christen und Kirchen heute wieder Anlaß, vor dem Nationalismus Angst zu haben. Es kann nicht genügend betont werden, daß die Kirche das eine Volk Gottes ist, das aus allen Nationen besteht. Aber der Beitrag zur šberwindung eines gefährlichen und unglaubwürdigen Nationalismus wird nicht ein neuer Internationalismus sein, sondern der kreative Austausch, das Wahrnehmen des Reichtums von Kirchen, die vom ökumenischen Geist inspiriert sind.

Perspektiven und Versuchungen
Die Kirchen in Zentral-Osteuropa haben die Wende der staatlichen Kirchenpolitik wie ein Wunder erlebt. Während sie 40 Jahre lang unter feindlichen Regierungen lebten (und "feindlich" ist in diesem Zusammenhang ein milder Ausdruck), erfuhren die Kirchen plötzlich mit Freude, daß die frei gewählte Regierung es für ihre Aufgabe hielt, die Religion zu rehabilitieren und die Kirchen zu entschädigen.
Es ist offensichtlich, daß die Kirchen Zentral-Osteuropas in den vergangenen 45 Jahren gewollt oder ungewollt auch eine Art sekundärer politischer Rolle gespielt haben. Sie waren von der offiziellen Ideologie geduldete Alternativen. Diese Funktion ist mit dem Sturz des Systems überflüssig geworden. Seither hängen die gesellschaftliche Rolle und die Zukunft der Kirchen davon ab, wie die Mitglieder der Gesellschaft sich zu der eigentlichen vorrangigen Funktion der Kirchen verhalten.
Es ist aber nicht klar, was die Kirchen wollen: Restauration (status quo ante) oder einen von ernsthafter theologischer Besinnung begründeten Neuanfang. Sollen sie zum volkskirchlichen System zurückkehren, um dort fortzusetzen, wo das Kirchenleben vor 45 Jahren abgebrochen wurde, oder etwas Neues aufbauen? Die Versuchung der Vision eines neuen "Corpus Christianum" oder sogar der Gedanke des Neokonstantinismus ist mancherorts erschienen. Die Kirchen mußten schnell einsehen, daß die Rückgabe der früheren kirchlichen Institutionen ja noch nicht heißt, daß die der Religion entfremdeten Menschen zurückgewonnen sind. So verabschiedete die neue Regierungsmehrheit nach der Wende in Ungarn ein Gesetz, das die Rückgabe des früheren kirchlichen Eigentums regelt; es handelt sich u.a. um kirchliche Schulen, die in zehn Jahren an die Kirchen zurückgegeben werden. Durch diese Institutionen können die Kirchen viele Leute erreichen, die nicht zur Kirche gehen. Dazu erhalten die Kirchen beträchtliche finanzielle Unterstützung vom Staat. Mit all diesen neuen Möglichkeiten sind jedoch auch Probleme verbunden, da sie die Kräfte der Kirchen in einem Maße beanspruchen, daß ihre eigentliche Aufgabe vernachlässigt wird.
Die historischen "Großkirchen" müßten auch zur Kenntnis nehmen, daß sie in der pluralistischen Gesellschaft nur eine Gruppe unter vielen darstellen und auf die Dauer nicht von ihren Privilegien abhängen dürfen, sondern allein vom Glauben der Gläubigen - genau so wie im "Sozialismus", wenn nicht sogar mehr. Sie müßten auch nüchtern realisieren, daß der Glaube nirgends mehr vom gesellschaftlichen Konsens getragen wird. Eine große Herausforderung an die Kirchen in Zentral-Osteuropa ist das Auftreten verschiedener Sekten und neuerer Religionen. Das Interesse an Religion ist in dieser Region gestiegen, aber viele Menschen lassen sich auf die neuen religiösen Angebote ein, was zum Schwinden der Kirchlichkeit führen könnte. Dies um so mehr, weil einige gesellschaftliche Gruppen in der neuen Situation die Großkirchen als "Kollaborateure" des sozialistischen Regimes verdächtigen.
Aus den oben erwähnten Gründen kümmern sich die Kirchen - wie die biblische Martha - um vielerlei. All das ist zweifellos notwendig. Aber sie sollten nicht das "unum necessarium" (Lk 11,42) vergessen: das Wesentlichste, nämlich dem Volke Hirten und Propheten zu werden und imstande zu sein, mitten in der Frustration die pastoralen und prophetischen Aufgaben zu erfüllen. Die große Herausforderung an die Kirchen ist heute die Frage, ob sie den Triumphalismus meiden können, der heute eine neue Entfremdung der von der Kirche weggelaufenen Menschen herbeiführen könnte.

Erneuerung aus dem Osten?
Die theologische Bearbeitung der Wende wird ziemlich einseitig betrieben - wenn überhaupt. Jetzt wird noch die Vergangenheit summarisch verworfen, ohne eine ernsthafte Analyse dessen, was eindeutig Opportunismus genannt werden kann. Es wäre an der Zeit, eine theologische Antwort auf unsere Vergangenheit zu finden. Dies muß eine echte theologische Aufgabe sein und darf nicht zu einer ebenso opportunistischen Antithese von allen früheren theologischen šberlegungen geraten, die 40 Jahre lang als "offizielle Theologie" galten. Es wäre ein tragischer Fehler, das quasitheologische Denken von gestern durch eine andere Quasi-Theologie von heute zu ersetzen; es gilt zu vermeiden, daß die theologischen Werte neuerlich manipuliert werden.
Vor allem muß gesehen werden, daß große gesellschaftliche Veränderungen immer ein gesteigertes Interesse für die Lehren der Religionen und Kirchen wecken. Die gesellschaftliche Wirkung der religiösen Glaubenshaltung und šberzeugung ergibt sich auch daraus, daß der im Strom schneller Veränderungen lebende und sich mühsam orientierende Mensch die Zusammenhänge, die "Haltegriffe", das Ziel und den Sinn seines eigenen Lebens sucht. Zu solchen Zeiten sehnen sich die Menschen intensiver nach klaren, verständlichen und einfachen Weisungen, was das Gute und Richtige und was das Schlechte und zu Meidende ist. Das aber machte die Türe für alle Formen der Religiosität, besonders für die "vagabundierende" Religiosität der Sekten weit auf.
Auf die Rolle der Religionen als treibende Kräfte in der pluralistischen Gesellschaft haben die Religionssoziologen bereits seit der Aufklärung hingewiesen. Diese das moralische Gleichgewicht sichernde Rolle besteht darin, daß die Gesetze der Demokratie dem Bürger die weitestgehende Freiheit gewähren, die Moralregeln der Religion aber Schranken errichten, damit die Freiheit nicht zur Zügellosigkeit ausartet, und damit die weitgehenden Freiheitsrechte ausgleichen. Die Demokratie ist nämlich ohne starke Moralregeln - die als ungeschriebenes Gesetz die ganze Gesellschaft durchdringen - nicht funktionsfähig.
Im Laufe der seit der Wende vergangenen fünf Jahre entstanden auch Konfliktsituationen zwischen den neuen Regierungen und den Kirchen. Es seien hier nur vier solcher Spannungsfelder erwähnt:
  • a) Die Rückgabe des früheren kirchlichen Eigentums;
  • b) das Problem des Religionsunterrichtes in den staatlichen Schulen;
  • c) die mit der Religionsfreiheit zusammenhängenden Fragen in der pluralistischen Gesellschaft;
  • d) der Zugang der Kirchen zu den Medien (Radio, Fernsehen, Presse).
Trotz ihrer Sorgen, Probleme und Schwierigkeiten könnten die Kirchen in Zentral-Osteuropa einen wichtigen Beitrag zur europäischen Einheit beisteuern. Es würde sich z. B. lohnen, die Frage zu untersuchen, warum die Christen in jenem Teil Europas, dem militanten Atheismus widerstehend, den Realsozialismus überlebten. Aus ihren Erfahrungen geht hervor, daß nicht die menschlichen Bestrebungen stark sind, und nicht die großen Institutionen, sondern allein die Gnade des barmherzigen Gottes, und daß der Glaube der treuen Gläubigen die Kirche "retten" kann. Damit wird nicht gesagt, daß die Kirchen keine Institutionen brauchen! Doch sie haben erfahren, worin die "Stärke der Schwachheit" (2 Kor 11,9) besteht.
Wie könnten die Kirchen Zentral-Osteuropas diese wichtige Erfahrung mit dem übrigen Teil Europas so verbinden, daß dieses "Teilen" nicht als Hybris angesehen wird? Es sind nämlich Stimmen laut geworden, nach denen die Impulse zur kirchlichen Erneuerung Europas von den östlichen Teilen des Kontinents zu erwarten sind, weil dort die Kirchen durchs Fegefeuer der Verfolgung gereinigt worden seien. Diese Stimmen unterstreichen mit diesem Gedanken die Wichtigkeit des persönlich engagierten Glaubens, ohne den die Erneuerung unmöglich ist. Damit die östlichen Kirchen alle ihre Erfahrungen anderen Teilen Europas glaubwürdig mitteilen können, müssen sie diese Erfahrungen gemeinsam, im ökumenischen Geiste durchdenken.

Károly Tóth