Republika Srpska Krajina: Im serbisch-kroatischen Machtspiel


Über den Autor
Christian Promitzer ist Historiker, Publizist und Mitarbeiter der Ost-West-Gegeninformationen.


Seit die "Republika Srpska Krajina" am 19.12.1991 ausgerufen wurde, gibt es in dem international nicht anerkannten Staatsgebilde Fraktionskämpfe zwischen Gruppen, die eine unterschiedliche Haltung zur Regierung Kroatiens einnehmen und sich dabei auf verschiedene politische Kräfte in Serbien berufen. Die militärische Niederlage in Westslawonien verstärkt diese Auseinandersetzung aufs neue.

Am 28.Juni - dem Jahrestag der Schlacht am Amselfeld von 1389 - gab es im Städchen Slunj, im serbisch besetzten Teil von Kroatien, eine imposante Militärparade, zu der auch UN- und EU-Berater geladen waren. "Dies ist nur ein Teil der Kampfkraft, über die die Serbische Armee der Krajina verfügt. Und auch eine Garantie, daß man die Republik Serbische Krajina nicht weiter - Stück um Stück - reduziert." verkündete Mile Mrksic, der neuernannte Kommandant der Streitkräfte des nicht anerkannten Staates der kroatischen Serben, der versammelten Bevölkerung.
Nach dem kroatischen "Blitz"-Krieg in Westslawonien haben sich die strategischen und politischen Verhältnisse in der "Republika Srpska Krajina" ("Republik Serbische Krajina") drastisch verschlechtert. Aus strategischer Sicht stellt dieses parastaatliche Gebilde einen Sonderfall dar: Bis vor dem Fall der westslawonischen Enklave hat die Krajina aus drei territorial nicht miteinander verbundenen Teilen bestanden: dem Westteil, der sich als schmaler und gewundener Gebietsstreifen von Norddalmatien mit der Hauptstadt Knin über die Lika und den Kordun bis hin zur Banija südlich von Zagreb zieht; der nun von kroatischen Kräften eroberten Enklave Westslawonien mit dem Hauptort Pakrac, die sich eine vorspringenden Zunge gleich von der bosnischen Grenze weit ins kroatische Hinterland erstreckt hat; und Ostslawonien - östlich von Vinkovci und nördlich von Osijek - mit dem Zentralort Vukovar. Die Verkehrsverbindungen zwischen den beiden verbleibenden, über hunderte Kilometer voneinander getrennten Territorien führen durch das serbisch besetzte Nordbosnien und den nur einige Kilometer breiten Korridor in der Savetiefebene, der oftmals dem Beschuß von bosnischer und kroatischer Seite ausgesetzt ist.
Angesichts der kroatischen Militäraktion in Westslawonien diskutierten die Führungen der Krajina und von Radovan Karadzics "Republika Srpska" ("Serbische Republik") noch im Mai einen mehrmals schon angekündigten Plan zur Vereinigung beider Territorien zu einem gemeinsamen westserbischen Staat. Die Vereinigung sollte einerseits die militärische Verteidigung der "Krajina" gegenüber Kroatien verstärken und andererseits auf internationalem Feld vollendete Tatsachen schaffen: Die internationale Politik würde nicht mehr mit zwei international nicht anerkannten serbischen Einheiten auf dem Territorium zweier anerkannter Staaten (Kroatien und Bosnien-Herzegowina) zu tun haben, sondern mit einem gemeinsamen Gebilde, dessen Fläche sich über beide Staaten erstreckte. Für internationale Verhandlungen hieße dies, daß aus zwei formal voneinander getrennten jeweils "bilateralen" Problembereichen ein kaum mehr zu lösender "trilateraler" Komplex (Republik Kroatien, Republik Bosnien-Herzegowina und der westserbische "Staat") entstehen würde.
Daß es zur angekündigten Vereinigung dann doch nicht kam, lag einerseits an Unstimmigkeiten der beiderseitigen Führungen u.a über den Staatsnamen (bosnisch-serbischer Vorschlag: "Vereinigte Serbische Republik"- "Ujedinjena Republika Srpska", Krajina-Vorschlag: "Vereinigte Republik Serbische Krajina" - "Ujedinjena Republika Srpska Krajina"), vor allem aber an der Furcht der Krajina-Seite von Radovan Karadzic aufgesogen zu werden und andererseits am Widerstand des im Hintergrund operierenden Präsidenten Serbiens Slobodan Milosevic, der verhindern wollte, daß ihm mit dem Chef eines gestärkten westserbischen "Staates" (Radovan Karadzic) ein ernsthafter Konkurrent als panserbischer Führer erwachsen könnte. Tatsächlich scheint Milosevic bereit, einen Großteil der Krajina abzustoßen und unter gewissen Autonomiebedingungen dem kroatischen Staat zu überlassen, wie auch den Friedensplan der internationalen Kontaktgruppe für Bosnien zu akzeptieren, wenn Serbien von den Sanktionen befreit wird.

Wer ist Milosevics "Mann"?
Auch wenn aus den westserbischen Vereinigungsplänen nichts geworden ist, so kam es doch in der Führung der Krajina zu einer Abrechnung: Es mußte ein Sündenbock für den militärischen Fall von Westslawonien gefunden werden. Milan Babic, Chef der SDS ("Serbische Demokratische Partei"), der weitaus stärksten Partei im Parlament der Krajina, und der Präsident der "Krajina", Milan Martic, die bislang persönliche Feinde waren, schlossen einen Pakt. Dieser hatte zur Folge, daß das Parlament der "Krajina" auf einer Sitzung in Ostslawonien den Premierminister der Krajina, Borislav Mikelic, absetzte. Mikelic hatte keine Hausmacht, galt aber als Milosevics "Mann" (Babic und Martic waren früher zu jeweils unterschiedlichen Zeiten Milosevics "Männer" gewesen). Mikelic hatte sich hinter vorgehaltener Hand für den Z4-Plan der weniger bekannten internationalen Mini-Kontaktgruppe für Kroatien ausgesprochen. Der Z4-Plan sah die schrittweise Eingliederung der Krajina in den kroatischen Staatsverband unter Zusicherung von Autonomierechten ein. Mikelic war es auch gewesen, der Ende letzten Jahres seitens der "Krajina" die erfolgreich abgeschlossenen Verhandlungen mit Kroatien über die ™ffnung des Autoput durch Westslawonien für den kroatischen Verkehr geführt hatte. Ein Zwischenfall auf dieser Straße war jedoch der Vorwand für die von langer Hand vorbereitete kroatische "Blitz"-Aktion in Westslawonien gewesen. Als sich Mikelic nach dem Fall von Westslawonien nun auch gegen die Vereinigung der Krajina mit Karadzics Phantomstaat aussprach, brachte er in den Augen von Babic und Martic das Faß zum Überlaufen und wurde abgesägt.
Die Vereinigungsgespräche über einen gemeinsamen westserbischen "Staat" hatten auch einen weiteren Effekt: Goran Hadzic, der früher der engsten Führung der Krajina angehört hatte, drohte nun "im Auftrag" mehrerer lokaler Gemeinden mit der Abspaltung Ostslawoniens, sollte die Vereinigung tatsächlich stattfinden. Diese Drohung steht im Einklang mit der oben erwähnten Strategie von Milosevic, die vorsieht, daß Ostslawonien mit den strategisch wichtigen Erdölfeldern in der Baranja langfristig an die "Bundesrepublik Jugoslawien" angeschlossen wird. Dies ist angeblich mit den kroatischen Präsidenten Tudjman abgesprochen, der in diesem Fall freie Hand hätte, die Westherzegowina quasi als "Kompensation" Kroatien anzuschließen. Es ist aber nicht sicher, ob Tudjman auf diese Karte setzen wird. Sicher ist hingegen, daß eine kroatische Eroberung des ökonomisch bedeutsameren Ostslawoniens auf ungleich härteren Widerstand stoßen würde als etwa eine Eroberung von Knin, da in diesem Fall eine starke logistische Unterstützung seitens der "Bundesrepublik Jugoslawien" zu erwarten wäre.
Auch der jüngste kroatische Vorstoß in der Westherzegowina ist nicht ohne Konsequenzen geblieben. Mit der Eroberung des Beckens von Livno und einiger wichtiger Koten in den umliegenden Gebirgen kann die kroatische Artillerie das norddalmatinische Territorium der Krajina und die wichtigste Versorgungslinie Knin - Bosansko Grahovo - Drvar - Banja Luka gleichsam von hinten unter Feuer nehmen.
Auch wenn die kroatischen Streitkräfte, die Armee Kroatiens und der bosnische Kroatische Verteidigungsrat, derzeit keinen weiteren Vorstoß zur Eroberung von Knin unternehmen, hat die kroatische Seite nun einen weiteren Trumpf im Verhandlungspoker um die "friedliche" Reintegration der Krajina in ihren Händen. Die Krajina-Führung hat auf die jüngsten militärischen Operationen der Kroaten mit der Ernennung eines neuen Kommandanten des Krajina-Heeres und die Gründung eines Spezialkorps reagiert, das bei der jüngsten Parade in Slunj vorgeführt wurde, um den eigenen Verteidigungswillen hervorzukehren, dies hat aber eher den Charakter einer Beschwörung. An eine Verzweiflungsaktion erinnert auch die Zwangsrekrutierung wehrfähiger männlicher kroatischer Serben, die vor dem Krieg Asyl in Serbien gefunden haben. Diese Aktion ist - laut der serbischen Wochenzeitschrift "Vreme" - langfristig vorbereitet worden. Bislang sollen schon 5.000 Männer aus der Gruppe der 160.000 sich in Serbien befindlichen kroatischen (und auch bosnischen) Serben über die Drina abgeführt worden sein. Ihnen blüht das Schicksal, zu den Opfern künftiger Schlachten zu zählen. Laut einer Meldung der serbischen Tageszeitung "Nasa Borba" sollen insgesamt 18.000 Namen auf der Liste stehen.

Wechselnde Positionen, wechselnde Strategien
Der Krieg, der nun schon im fünften Jahr ist, wird von den Eliten eben nicht von weltanschaulichen Positionen geführt. Die verschiedenen Nationalismen sind in erster Linie der Motor, um das jeweils eigene Volk als Kanonenfutter zu verwenden (am wenigsten gilt dies für die im Überlebenskampf stehende bosnische Seite). Den Politikern, die dahinter stehen, geht es um den Machterhalt und um möglichst große und ethnisch gesäuberte Territorien, wie zuletzt das Beispiel Westslawonien gezeigt hat. Deshalb können die jeweiligen Eliten in diesem fintenreichen Pokerspiel auch so rasch ihre Positionen und Loyalitäten ändern, heißen sie nun Babic, Martic oder Hadzic. Tudjman und mehr noch Milosevic, die die Strategiewechsel vorgeben, sind es jedoch, die - soweit es in ihrer Macht steht - bestimmen, welchen Verlauf das Spiel nimmt. Zwei Unsicherheitsfaktoren sind jedoch einerseits die bosnisch-serbische Führung, die mit der bosnischen Zivilbevölkerung ein eigenes blutiges Spiel spielt, und andererseits die zwischen den serbisch-kroatischen Fronten stehende bosnische Regierung. Beide gehen - im Vergleich zu den anderen - von jeweils festen Standpunkten, wenn diese auch moralisch und völkerrechtlich jeweils völlig anders zu bewerten sind. Durch ihre nun schon jahrelange Eindämmungs- und Vermittlungspolitik ist die internationale Politik - zumal im Falle der serbisch besetzten Gebiete Kroatiens - nur ein Hintergrundfaktor. Allerdings haben die Sanktionen, die die "Bundesrepublik Jugoslawien", die "Republika Srpska" und die "Krajina" wenn auch nicht militärisch, so doch ökonomisch geschädigt haben, den seit Sommer 1994 sich abzeichnenden letzten Strategiewechsel von Slobodan Milosevic mitbedingt. Aber Milosevic hat immer mehrere Optionen in der Hinterhand: Sonst hätte er nicht die UN-Geiseln aus der Hand von Karadzic befreien können, mit dem er angeblich alle Kontakte abgebrochen hatte. Sonst hätte er nicht die Militärpolizei der Krajina nach Serbien hineingelassen, obwohl sie von Babic und Martic kamen, die "seinen" Mann Mikelic abgesägt hatten. (Aber auch dies sei laut "Vreme" im Kontext der "friedliebenden Politik" Milosevics zu sehen, der nun mit den serbischen Flüchtlingen aus Kroatien "unangenehme Zeugen" seiner neuen Politik loszuwerden versuche bzw. seien die parallel dazu zwangsrekrutierten bosnischen Serben der von Milosevic an Karadzic zu entrichtende Preise für die Freilassung der als Geiseln gehaltenen Blauhelme.)
Im Rückblick gesehen, stellt sich immer mehr heraus, daß die kroatischen Serben für Slobodan Milosevic nur Mittel zum Zweck seines Machterhalts gewesen sind. Insofern gehören auch sie nun - ähnlich wie die bosnischen Muslime - zu den Hauptopfern des von Belgrad und Zagreb geschürten Krieges, wie der jüngste Massenexodus der serbischen Bevölkerung Westslawoniens gezeigt hat. Und nicht zuletzt dies weist darauf hin, daß das blutige Machtspiel in Ex-Jugoslawien kein strategisches Nullsummenspiel ist, sondern eines, das auf allen Seiten nur Verlierer erzeugt .

Christian Promitzer