Sprachstandserhebung bei Schulanfängern: Bilingualer Spracherwerb in der Migration

Deutsche Tests

Ausgewählte Beispiele aus den deutschen Spontanspracheinterviews

Die folgenden kommentierten Interviewausschnitte sollen die große Bandbreite der deutschen Sprachkompetenz der Probanden illustrieren, die im Verlauf der ersten beiden Testphasen beobachtet werden konnte.

(1) 1. Testphase: türkisches Kind

*INV: hm da schau da sind Spielsachen # ein Auto.
*K84: # # Auto.
*INV: schau Mal habt ihr einen Fernseher # das ist ein Fernseher.
*INV: Habt ihr auch so etwas?
*K84: # # # xxx telosion [?].
*INV: mhm.
*INV: schau.
*K84: xxx.
%com: vermutlich ein türkisches Wort.
*INV: aha.
*INV: da ist ein Fenster # auf deutsch ist das ein Fenster mhm.
*K84: [=! Kind zeigt auf Gegenstand].
*INV: eine Tür.
*K84: xxx.
*K84: [=! Kind zeigt auf Gegenstand].
*INV: das hier ist ein Kasterl ein Badezimmerkasterl.
*INV: das ist das Badezimmer.
*K84: [=! Kind zeigt auf Gegenstand].
*INV: ja da ist die Badewanne # und das Waschbecken.
*K84: da?
*K84: [=! Kind gestikuliert].
*INV: ja zum Händewaschen ja genau # gut.
*K84: [=! Kind zeigt auf Gegenstand].

Ausschnitt (1) stammt aus einem Gespräch mit einem türkischen Kind, mit dem verbale Interaktion noch kaum möglich ist.

(4) 1. Testphase: Kind aus Ex-Yugoslawien

*INV: gut, was habtsn gspielt?
*INV: kannst dich noch an was erinnern?
*K04: xxx da hamma Tennis gespielt, aha ich xxx gespielt, Basketball, und da dann hab ich noch ein bissl Ball gespielt und dann hab ich mit meine so eine kleine Waffe, weißt, geschießen, weil ich hab xx tot gemacht dann # nicht # gar gar nicht dann hab ich geschlafen.
*INV: mhm.
*K04: dann bin wieder so fort gegangen dann hab hab ich gegessend, bin ich ein bisschen draußen gespielt gegangen und ich etwas kaufen.
*K04: für kleine Spielzeug und dann war ich mit meine Mutter und mein Papa mit Auto war ich einkaufen.
*INV: mhm.
*K04: und da gar nichts mehr.

Dieser Interviewausschnitt weist zwar vor allem noch einige morphologische Inkorrektheiten auf; diese beeinträchtigen den Kommunikationsfluss allerdings nicht. Das Kind ist bereits in der Lage, Erlebtes flüssig und verständlich zu erzählen.

(5) 2. Testphase: österreichisches Kind

%com: während des lexikalischen Tests, K soll Kärtchen ordnen.
*K02: die Haube ghört auf den Kopf, die Jacke ghört auf den den Pullover dass der nicht kalt ist und die Gumminstiefl ghörn das da Boden nicht.
*K02: wenn der Boden nass ist, dass du reinsteigen kannst.
*INV: aha, und wie passt das zum Bett und zum Kasten?
*INV: was isn das Bett und Kasten, wie kann man zu dem sagen?
*K02: das is Holzbett n Bett und der Kasten is auch Holz und die Jacke liegt aufn Bett und das is Stoff und die Decke liegt auch obn auch Stoff und die Haube auch Stoff.
*INV: aha, ja super.
*K02: und die Gummistiefln sind nicht Stoff.

Auch bei den österreichische Kinder gibt es einige, die sowohl in der Morphosyntax als auch im Lexikon noch deutliche Schwachstellen aufweisen. Hier ist besonders der eher elliptische Satzbau auffällig (z.B.: und die Haube auch Stoff).

Systemlinguistische Tests - Ergebnisse im Überblick

Die folgenden Abbildungen sollen einen ersten Überblick über die Ergebnisse der systemlinguistischen Tests im Oktober und Februar geben.

Erste Testphase (Oktober)

Testauswertung Oktober

Legende Test Oktober:
  1. Plural
  2. Verbalflexion Präsens
  3. Verbalflexion Perfekt
  4. Fragebildung
  5. Negation
  6. Bildung von Komposita
  7. Kategorisierung von Wortfeldern (syntagmatische Relation)
  8. Kategorisierung von Wortfeldern (paradigmatische Relation)
  9. Körperschema
Wie Fig. 1 illustriert, erreichten die österreichische Kinder in den meisten Teilbereichen über 90%. Im Bereich der Morphosyntax fällt besonders die gute Beherrschung der Fragebildung - annäherend 100% - auf. Beinahe ebenso gute Ergebnisse wurden im Lexikon im Bereich "Differenzierung von Wortfeldern" erzielt.

Auch die Kinder mit den Muttersprachen B/K/S sowie Kinder mit anderen Muttersprachen zeigten bereits einen hohen Erwerbsstand bei der Fragebildung. Weniger fortgeschrittene Kenntnisse dagegen machten sich bei der Pluralbildung und der Beherrschung von Oberbegriffen bemerkbar.

Kinder mit türkischer Muttersprache verfügen generell noch über die geringste Sprachkompetenz im Deutschen. Auffällig gut waren die Ergebnisse vergleichsweise bei der Wortbildung (Bildung von Komposita); hier wurden knapp über 50% erreicht. Dies dürfte vor allem darauf zurückzuführen sein, dass dieser Wortbildungsprozess auch im Türkischen stark repräsentiert ist.
In allen anderen Bereichen jedoch wurden 40% nicht überschritten. Besondere Schwierigkeiten fielen bei der Verbalflexion (Perfekt) auf.

Zweite Testphase (Februar)

Testauswertung Februar

Legende Test Februar:
  1. Plural
  2. Verbalflexion Präsens
  3. Verbalflexion Perfekt
  4. Adjektivsteigerung
  5. Fragebildung
  6. Negation
  7. Aktiv/Passiv
  8. Temporalsätze
  9. Wortbildung (Komposita und Derivativa)
  10. Kategorisierung von Wortfeldern (paradigmatische Relation)
  11. Körperschema
  12. Gegensatzpaare
  13. Kategorisierung von Wortfeldern (syntagmatische Relation)
  14. Verwandtschaftsbezeichnungen


Die Gruppe der österreichischen Kinder erreichte – wie schon in der ersten Testphase – in nahezu allen Teilbereichen durchschnittlich über 90%. In der Morphosyntax wurden die besten Ergebnisse bei der Verbalflexion-Präsens erzielt, knapp gefolgt von der Verbalflexion-Perfekt; im Lexikon zeigten die Kinder besonders gute Kentnnisse der Antonyme. In der Fragebildung, deren ausgezeichnete Beherrschung im Oktober aufgefallen war (vgl. 6.1.2.1), wurde mit rund 94% ein vergleichsweise niedrigerer Wert erzielt. Dies erklärt sich durch eine wesentliche Anhebung des Schwierigkeitsgrades der Aufgabenstellung, bedeutet somit also keineswegs einen Leistungsabfall.

Die Ergebnisse der Gruppen 2 und 3 liegen wiederum eng beieinander (vg. 6.1.2.1). Wie auch die österreichischen Kinder erreichten sie in der Morphosyntax im Bereich der Verbalflexion-Präsens besonders hohe Prozentwerte. Die Verbalflexion-Perfekt hingegen wird im Vergleich zu den muttersprachlich deutschen Kindern (Gruppe 4) noch wesentlich weniger gut beherrscht. Im Lexikon zeigten diese Gruppen eine besonders hohe Kompetenz bei der Abgrenzung von Wortfeldern, sowie bei der Benennung von Antonymen.

Ergebnisse Oktober-Februar im Vergleich

Gesamtvegleich Oktober-Februar

Legende:
T = Türkisch
BKS = Bosnisch/Kroatisch/Serbisch
A = andere Muttersprachen
Ö = Österreich

Die Graphik veranschaulicht die Gesamtergebnisse der einzelnen Gruppen in der Morphosyntax sowie im Lexikon nach Abschluss der zweiten Testphase. Grundsätzlich ist zu bemerken, dass Steigerungen in allen getesteten Gruppen sichtbar wurden. Am deutlichsten ist dies bei Gruppe 1 der Fall, insbesondere in der Morphosyntax.
Jedoch auch die anderen Gruppen wiesen eine höhere Sprachkompetenz auf, auch wenn auf den ersten Blick nur geringfügige Verbesserungen auffallen. Tatsächlich aber muss man bedenken, dass die Tests für diese Gruppen im Februar bereits einen wesentlich höheren Schwierigkeitsgrad aufwiesen, die Steigerungen folglich durchaus bemerkenswert sind. Im folgenden werden repräsentative Ausschnitte aus den Interviews mit zwei türkischen Kindern wiedergegeben. Die sprachlichen Fähigkeiten der Kinder werden basierend auf den Ergebnissen der ersten und zweiten Testphase verglichen und kommentiert.